Das unterschätzte Tier: Elektriker mit dicker Lippe
Ein großes Hirn und Augen, mit denen er gar nicht sieht: Der Tapirfisch vereinigt eine Reihe von Merkwürdigkeiten. Aber er kommt zurecht.
Im Fischkindergarten haben die anderen den Tapirfisch vermutlich gehänselt. Kein Wunder bei der Unterlippe: Sie hat enorme Ähnlichkeit mit einer Baggerschaufel.
Der Tapirfisch – dessen Name eigentlich ein wenig schief gewählt ist, denn der Tapir hat eine stark vergrößerte Ober- und nicht Unterlippe – nutzt diese Monsterlippe, um in schlammigen Fluss- und Seeböden nach Larven und kleinen Würmern zu wühlen. Die saugt der gerade mal rund zwanzig Zentimeter lange Fisch aber nicht durch eine röhrenförmige Vorrichtung ein. Sein biologisch korrekter Name Elefantenrüsselfisch geht daher noch klarer am Thema vorbei. Nennen wir ihn also einfach Gnathonemus petersii . Das ist wissenschaftlich einwandfrei und erinnert lautmalerisch sehr schön an die Hauptbeschäftigung des Süßwasserfischs: Er knattert.
Möglich macht das sein elektrisches Organ. Der Tapirfisch nutzt Strom, um sich zu orientieren und zu kommunizieren. Muskelstränge in seinem Schwanzstiel erzeugen Spannungsimpulse, zwischen zwanzig und fünfzig pro Sekunde. Das entstehende elektrische Feld nimmt er über spezielle Zellen an Bauch, Kopf und Rücken wahr – und damit auch jede noch so kleine Veränderung, die das Feld stört. Kommt vorne rechts ein Stein? Wo endet das Pflanzenbüschel? Im Dunkeln findet sich der nachtaktive Fisch somit bestens zurecht . Eigentlich bräuchte er nicht mal Augen.
- Elefantenrüsselfisch
Der in west- und zentralafrikanischen Seen und Flüssen lebende Elefantenrüsselfisch (Gnathonemus petersii) ist ein Mormyride. Er gehört damit zur Familie der Nilhechte und Elefantenfische. Alle Arten dieser Familie besitzen ein elektrisches Organ. Das des Elefantenrüssel- oder auch Tapirfischs sendet schwache elektrische Impulse aus. Dabei handelt es sich um Knatterfrequenzen.
Er "sieht" mittels Strom und spürt zudem das Magnetfeld der Erde, das ihm hilft, seinen Weg zu finden. Auch für die Kommunikation mit seinen Artgenossen nutzt er das elektrische Feld und steckt damit sein Revier ab. Die Spannung ist mit unter einem Volt jedoch so gering, dass das Töten von Beutetieren damit nicht möglich wäre. Der Tapirfisch wird deshalb als schwacher Elektriker bezeichnet. Ein starker Elektriker ist zum Beispiel der Zitteraal, der für seine Beute tödliche Stromstöße von bis zu 800 Volt abgeben kann.
Seine geringe Voltzahl macht der Tapirfisch durch eine hohe Sensibilität wieder wett. Er ist feiner justiert als so manches High-Tech-Gerät. Nimmt er zum Beispiel Verschmutzungen im Wasser wahr, ändert sich die Zahl der Spannungsimpulse pro Sekunde messbar. Das Wasserwerk Göppingen hat bereits 1978 ein Testbecken in Betrieb genommen, in dem Tapirfische als Wasserwächter fungierten und mögliche Giftstoffe im Trinkwasser anzeigen sollten.
Diese präzisen Systeme faszinieren auch die Forscher. Der Gnathonemus petersii diente bereits in zahlreichen Studien als Versuchsobjekt. Allein in der amerikanischen, auf medizinische und biomedizinische Studien spezialisierten Datenbank Pubmed bringt die Suche nach der kleinen Superlippe mehr als hundert Treffer. So weiß man zum Beispiel, dass die Tiere metallische Objekte offenbar nicht mögen und kleine Gegenstände großen vorziehen . Auch können sie mit den ständig abgegebenen Stromstößen lebende von nicht lebenden Dingen unterscheiden und so zum Beispiel Würmer im Sand orten.
- Was ist Ihr unterschätztes Tier?
Ist Ihnen beim Lesen ein Tier eingefallen, das Sie für absolut unterschätzt halten? Dann schreiben Sie gerne selbst einen launigen Leseartikel darüber: Was kann das Tier Besonderes? Und warum ist es für Sie so wichtig? ZEIT ONLINE freut sich über Ihren Beitrag. Auf dieser Seite können Sie Ihren Text verfassen.
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Die Unterlippe ist nicht das einzige, was beim Tapirfisch besonders groß ausfällt. Mit 3,1 Prozent ist das Verhältnis des Gehirn- zum Körpergewicht das größte aller Fische und toppt sogar das des Menschen mit 2,3 Prozent – was aber nichts über den Intellekt des Fisches aussagt. Doch es fällt auf, dass Gnathonemus petersii Verhaltensweisen an den Tag legt, die eher fischuntypisch sind: Er zeigt sich lernwillig und sozial. Lebt er nicht in der bevorzugten Gruppengröße von zwanzig und mehr Individuen, scheint der Tapirfisch sogar einen ausgeprägten Spieltrieb zu entwickeln: Er balanciert zum Beispiel Sandkörner auf seiner langen Unterlippe, lässt sie fallen und fängt sie wieder auf, bevor sie auf dem Boden aufkommen . Vielleicht tut er das einfach aus Langeweile. Jedenfalls ist so eine Baggerschaufellippe ganz praktisch.








Ein schöner Artikel über ein wirklich sehr interessantes Tier, was leider oft von "Verkäufern" an unerfahrene Aquarianer verkauft wird, womit den Tieren ein Leben in Leid und oftmals ein schneller Tod bevorsteht.
Hallo,
ja,man kann gar nicht oft genug darauf hinweisen, daß diese wundervollen Fische im Handel regelrecht "verheizt" werden, weil sie durch ihr skurriles Aussehen gerne gekauft werden.
Die angegebenen Pflegeansprüche sind in den meisten Geschäften völlig realitätsfremd.
Ich pflege diese Fischart und kann nur bestätigen, daß sie viele Artgenossen benötigen ( in der meisten Literatur werden sie als Einzelgänger benannt!), viel Platz und besondere Aufmerksamkeit in der Pflege, vor allem Fütterung.
Diese Fischart eignet sich wirklich nur für erfahrene Aquarianer.
Ein Artikel, der tiefer in die aquaristische Pflege eindringen würde, wäre sehr willkommen!
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