AtomkatastropheProtokolle der japanischen Regierung zu Fukushima fehlen

Aufzeichnungen von Treffen mehrerer Behörden kurz nach dem GAU im AKW Fukushima existieren nicht. Sie hätten Aufschluss über Japans Katastrophenmanagement geben können. von 

Reaktor 3 des havarierten AKWs Fukushima-Daiichi im Januar 2012

Reaktor 3 des havarierten AKWs Fukushima-Daiichi im Januar 2012  |  © Tepco

Es sind gravierende Entscheidungen gewesen, die Japans Regierungsbehörden nach dem Megabeben vom 11. März 2011 treffen mussten: Welche Gebiete rund um das havarierte Kernkraftwerk sollen evakuiert werden? Welche Schäden durch Tsunami und Beben müssen sofort behoben werden? Wie reagiert man auf die radioaktive Belastung, und ab wann sind etwa Lebensmittelkontrollen nötig? Wie diese Fragen beantwortet und warum bestimmte Maßnahmen anschließend beschlossen wurden, könnte möglicherweise nie mehr nachzuvollziehen sein.

Denn der neue Vize-Premierminister Katsuya Okada hat bestätigt, dass detaillierte Protokolle von wichtigen Treffen kurz nach Japans Jahrtausendkatastrophe unvollständig sind oder fehlen. Von zehn Treffen lägen keinerlei Papiere vor.

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Es geht um Aufzeichnungen von fünf Regierungskommissionen, die direkt am Notfallmanagement beteiligt waren. Darunter das Main Disaster Headquarter, das Disaster Victims Assistance Team und die Nuclear Disaster Task Force. Letztere leitete der damalige Premier Naoto Kan. Die komplette Ministerriege war Teil dieses Kommandostabs. In anderen Gremien saßen auch Vertreter der Tokyo Electric Power Company (Tepco) , dem Betreiber der Atomanlage Fukushima-Daiichi an der Nordostküste Japans.

Lediglich zwei der Gremien besitzen kurze Zusammenfassungen. "Durch dieses Versagen fehlt uns nun die Möglichkeit, genau zu prüfen, was direkt nach der Katastrophe passierte", sagte der Rechtsexperte Kazuhiro Hayakawa von der Omiya Law School in Saitama.

Das Erdbeben vom 11. März

In fast 90 Prozent der Fälle werden Tsunamis durch Seebeben ausgelöst. Dabei brechen oder reißen aufeinander stoßende Erdplatten und erschüttern den Untergrund des Ozeans. In Japan taucht die Pazifische unter die Eurasische Platte.

Infografik Erdbeben
Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen

Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen  |  © Anne Gerdes/ZEIT Grafik

Durch solche Erdverschiebungen können gewaltige Wassermassen in Bewegung gesetzt werden. Einmal angestoßen, beginnt eine Kettenreaktion: So wie ein Dominostein den nächsten anstößt, pflanzt sich die Bewegungsenergie im Wasser fort – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Kilometern in der Stunde.

In Japan ereignete sich am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit (06.46 Uhr MEZ) ein großes Erdbeben der Stärke 9. Zahlreiche weitere Beben erschütterten die Region. Das Epizentrum lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und fast 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokyo. Das Beben löste mehrere Flutwellen aus, die weite Landstriche verwüsteten.

Mehr als 15.800 Menschen starben durch die Naturkatastrophen, mehr als 3.200 gelten weiterhin als vermisst. Rund 120.000 Gebäude wurden zerstört, Hunderttausende weitere zum Teil erheblich beschädigt (Quelle: National Police Agency, Japan).

Der Tsunami

Eigentlich bedeutet das japanische Wort Tsunami "Hafenwelle". Meist ist es aber nicht eine einzige Welle, die ausgelöst durch ein Erdbeben die Küsten trifft, sondern die Erschütterungen lösen gleich eine ganze Serie von Flutwellen aus.

Treffen diese Wellen nach ihrer rasanten Ausbreitung über den offenen Ozean auf flachere Gewässer, türmen sich die Wassermassen meterhoch auf. Als gewaltige Brecher schlagen die Fluten an Land und können so kilometerweit ins Landesinnere vordringen.

Mit Beben muss man auf Japans Hauptinsel Honshu stets rechnen. Das Land liegt im Bereich des Pazifischen Feuerrings. Damit ist ein Vulkangürtel gemeint, der den Pazifischen Ozean umringt.

GAU in Fukushima

Während des Bebens am 11. März 2011 wurde auch das an der Ostküste der Präfektur Fukushima gelegene Atomkraftwerk Fukushima-1 beschädigt. Der anschließende Tsunami zerstörte sowohl die Notstromversorgung als auch wichtige Kontrollmöglichkeiten der sechs Reaktoren.

Grafik Radioaktivität
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Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.  |  © Julika Altmann

Nachdem das Kühlsystem ausfiel, kam es zu mehreren Explosionen durch entzündeten Wasserstoff. Die Wände der Reaktoren 1, 2, 3 und 4 wurden teils schwer dadurch beschädigt. Zudem ereigneten sich Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3. Radioaktivität trat in hohen Mengen in die Umwelt aus.

Das umliegende Gebiet musste evakuiert werden. Noch immer sind Städte und Dörfer in einem Radius von 20 Kilometern um die Atomanlage gesperrt. Mindestens 60.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Der AKW-Betreiber Tepco versucht, die havarierten Reaktoren langfristig unter Kontrolle zu halten. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Die neuen Enthüllungen reihen sich ein in die Kritik daran, wie Japan auf den GAU und die Folgen der Naturkatastrophe reagierte. Menschen und lokale Behörden seien nicht rasch genug informiert worden . Kurz nach der Havarie mussten fast 80.000 Menschen fluchtartig ihre Heimat verlassen.

Aufarbeitung der Entscheidungsprozesse kaum möglich

Bereits im November 2011 hatte der japanische Nachrichtensender NHK die Gesprächsprotokolle der Nuclear Disaster Task Force angefordert. Schließlich bekam die Redaktion nur eine Liste der Themen, die diskutiert worden waren. Der für die Mitschriften verantwortliche Mitarbeiter der Aufsichtsbehörde Nisa sagte NHK, dass er zu beschäftigt gewesen sei, um Notizen zu machen. "Es ist widersinnig, dass keine Protokolle der Treffen erhalten sind, ganz gleich wie brisant die Lage (damals) war", sagte Hayakawa. Aufzeichnungen solcher Gespräche seien gesetzlich vorgeschrieben. "Ich denke nicht, dass sie Regierung absichtlich so handelte", sagte Hayakawa der Nachrichtenagentur AFP . "Ich vermute viel eher, dass eine direkte Befehlskette der Verantwortlichen in der Regierung fehlte, die Treffen zu dokumentieren." Der Vizepremier Okada hat nun die betroffenen Ministerien aufgefordert, bis Ende Februar Zusammenfassungen zu erstellen. Auch Politiker der Opposition im Parlament kritisierten den Vorgang scharf.

Leserkommentare
    • Atan
    • 27. Januar 2012 17:55 Uhr

    nur die Deutschen hätten ein "irrationale Angst" vor Atomkraft und die Japaner blieben ja so gelassen. Dass dieses Desaster die Haltung gegenüber der Atomkraft fundamental verändern würde, war sicher zu erwarten.
    Es wird jetzt nur die Frage sein, ob auf längere Sicht sich die Nuklearlobby mit ihren enormen wirtschaftlichen Interessen durchsetzt oder aber die lokalen Behörden und Anwohner der Reaktoren.

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  1. Na so ein Wunder, dass diese Protokolle verschwunden sind.

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    • bugme
    • 27. Januar 2012 19:37 Uhr

    Er steht schon direkt unter der Überschrift:
    "Sie hätten Aufschluss über Japans Katastrophenmanagement geben können."

    • bugme
    • 27. Januar 2012 19:37 Uhr

    Er steht schon direkt unter der Überschrift:
    "Sie hätten Aufschluss über Japans Katastrophenmanagement geben können."

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Erstaunen"
    • Evolux
    • 27. Januar 2012 19:58 Uhr

    POWER TO THE PEOPLE: Japan can survive without nuclear energy
    "Japan has a rare opportunity to give up nuclear power, although shifting its power supply to renewable energy sources could take years, according to experts who spoke at the Global Conference for a Nuclear Power Free World in Yokohama on Jan. 14 and 15.

    “Never in the world has there been an opportunity to phase out nuclear power so rapidly," said Aileen Mioko Smith, director of NPO Green Action, at a news conference on Jan. 11. "This is an opportunity that has fallen into our laps because of the disaster at Fukushima."

    In the more than 10 months since the meltdown of reactors at the Fukushima No. 1 nuclear power plant, the anti-nuclear power movement in Japan seems to be gathering pace....

    http://ajw.asahi.com/arti...

    "The nuclear power industry will learn from this event, and redesign our facilities as needed to make them safer in the future"

    Yeah. And I’ve got a bridge in Brooklyn I’ll sell you cheap.

    Fukushima Docs 2: I Feel Like Crying
    http://enformable.com/201...
    FOIA-Docs der NRC Teil 1-7
    http://enformable.com/201...

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    • Xdenker
    • 27. Januar 2012 19:59 Uhr

    (1) Dass keine Aufzeichnungen erstellt wurden, ist schade. Wahrscheinlich aber hatten die Leute tatsächlich Besseres zu tun.

    (2) Ein Erdbeben und ein Tsunami sind kein GAU, sondern ein Naturereignis, in dem konkreten Fall ein äußerst heftiges.

    (3) Die anhaltende Fokussierung der Berichterstattung auf Fukushima als einem Randereignis (gemessen am Umfang der Gesamtzerstörung und der Beinträchtigung von Leib und Leben der japanischen Bevölkerung) und der damit verbundenen Ausblendung der tatsächlichen, wahren Katastrophe finde ich mehr als unangemessen.

    Hier obsiegt die Pflege einer unheimlichen (virtuellen) Atom-Angst, das eigene kostbare Leben betreffend, über die gebührende Anteilnahme an der (faktischen) Betroffenheit der Menschen in Japan von realem Tod und immenser Zerstörung.

    3 Leserempfehlungen
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    • Evolux
    • 27. Januar 2012 20:42 Uhr

    "Hier obsiegt die Pflege einer .... von realem Tod und immenser Zerstörung."

    Wer verwehrt den die Anteilnahme an den beiden Katastrophen,dem Erdbeben und dem Tsunami?
    Kaum jemand,der die Bilder kennt.
    der kennt aber auch die Bilder von den explodierenden Reaktoren und den völlig zerstörten Gebäuden.Die geschmolzenen Kerne sieht er nicht,weiß aber daß sie sich auf dem Weg nach unten befinden müssen.
    Wo genau sie sind,ist unklar.

    Das ist keine "unheimliche,virtuelle Angst",sondern die wachsende Gewißheit von gesundheitlicher Gefährdung,verseuchten Lebensräumen und Nahrung,der Verlust der Heimat und der Lebensqualität.
    "Realer Tod und immense Zerstörung"

    und

    Reale Kontamination der Menschen,der Nahrung,der Tiere,dem Meer,der Luft.der Böden-das wahre Ausmaß wird sich erst in Jahren zeigen.
    In der Gegend um Fukushima,gab es in den letzten Wochen immer wieder Beben,wenn auch kleinere zwischen 3.5.und 5.2,aber eben direkt in diesem Gebiet.
    außerdem:

    "TEPCO Notes Rise in Radioactive Leaks from Damaged Reactors
    Tokyo, Jan. 23 (Jiji Press)--Tokyo Electric Power Co. <9501> on Monday reported an increase in radioactive materials leaking from damaged nuclear reactors at the Fukushima No. 1 power plant.
    The total amount of radioactive cesium that leaked from the containment vessels of the No. 1 to No. 3 reactors reached 70 million becquerels per hour, up 12 million becquerels from the December level, the power firm said."
    http://jen.jiji.com/jc/en...

  2. Wäre die Katastrophe 1:1 hier in D passiert, es wäre das gleiche Lied.
    Es ist zu viel Geld und Macht in diesem Spiel. Wer die Reportagen über deutsche Schulen, Kindergärten usw. und deren sogenannten "Katastrophenpläne" gesehen hat, der braucht nicht so weit zu denken. Ein GAU ist eine so irrationale Situation, dass die Werksfeuerwehren und die örtlichen Kräfte nicht die Spur einer Kontrolle in die Sache brächten.
    Um das zu vertuschen wurden von der Atomindustrie über Jahrzehnte hinweg systematisch Märchen verbreitet. Und so läuft das jetzt in Japan. Weil abzusehen war das es nicht beherrschbar ist, mussten diese Pläne verschwinden. Denn im Verhältnis zum GAU würden diese Unterlagen ein Hybris unserer Möglichkeiten konstatieren.
    Mit dieser Überheblichkeit wurden wir jahraus jahrein belogen!

    8 Leserempfehlungen
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    Na klar wäre das hier auch so. Katastrophen haben das leider so an sich. Und genau in diesen Situationen ist es dann vielleicht auch wichtiger zu helfen anstatt zu protokollieren.
    Oder gehören Sie zu den Menschen die bei einem Unfall erstmal mit der Handy-Kamera dokumentieren und erwarten das jemand anderes hilft?
    Und wie viele Menschen waren eigentlich vor den Tsunami- und Erbebenverwüstungen auf der Flucht?
    Insgesamt: Glück im Unglück. Wäre der Wind zur kritischen Zeit in den Großraum Tokio gedreht, dann sähe die Welt heute anders aus.

    • Evolux
    • 27. Januar 2012 20:42 Uhr

    "Hier obsiegt die Pflege einer .... von realem Tod und immenser Zerstörung."

    Wer verwehrt den die Anteilnahme an den beiden Katastrophen,dem Erdbeben und dem Tsunami?
    Kaum jemand,der die Bilder kennt.
    der kennt aber auch die Bilder von den explodierenden Reaktoren und den völlig zerstörten Gebäuden.Die geschmolzenen Kerne sieht er nicht,weiß aber daß sie sich auf dem Weg nach unten befinden müssen.
    Wo genau sie sind,ist unklar.

    Das ist keine "unheimliche,virtuelle Angst",sondern die wachsende Gewißheit von gesundheitlicher Gefährdung,verseuchten Lebensräumen und Nahrung,der Verlust der Heimat und der Lebensqualität.
    "Realer Tod und immense Zerstörung"

    und

    Reale Kontamination der Menschen,der Nahrung,der Tiere,dem Meer,der Luft.der Böden-das wahre Ausmaß wird sich erst in Jahren zeigen.
    In der Gegend um Fukushima,gab es in den letzten Wochen immer wieder Beben,wenn auch kleinere zwischen 3.5.und 5.2,aber eben direkt in diesem Gebiet.
    außerdem:

    "TEPCO Notes Rise in Radioactive Leaks from Damaged Reactors
    Tokyo, Jan. 23 (Jiji Press)--Tokyo Electric Power Co. <9501> on Monday reported an increase in radioactive materials leaking from damaged nuclear reactors at the Fukushima No. 1 power plant.
    The total amount of radioactive cesium that leaked from the containment vessels of the No. 1 to No. 3 reactors reached 70 million becquerels per hour, up 12 million becquerels from the December level, the power firm said."
    http://jen.jiji.com/jc/en...

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Unangemessen hoch drei"
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    • Xdenker
    • 27. Januar 2012 23:17 Uhr

    19.300 Tote und Vermisste
    500.000 Menschen ohne Obdach
    100.000 Häuser komplett zerstört
    500.000 weitere Häuser beschädigt
    Schadensumme: 16,1 Billionen YEN (163 Milliarden Euro)
    davon Fukushima: 5,7 Billionen YEN (58 Milliarden Euro)

    http://www.focus.de/panor...
    http://www.taz.de/!79960/

  3. Na klar wäre das hier auch so. Katastrophen haben das leider so an sich. Und genau in diesen Situationen ist es dann vielleicht auch wichtiger zu helfen anstatt zu protokollieren.
    Oder gehören Sie zu den Menschen die bei einem Unfall erstmal mit der Handy-Kamera dokumentieren und erwarten das jemand anderes hilft?
    Und wie viele Menschen waren eigentlich vor den Tsunami- und Erbebenverwüstungen auf der Flucht?
    Insgesamt: Glück im Unglück. Wäre der Wind zur kritischen Zeit in den Großraum Tokio gedreht, dann sähe die Welt heute anders aus.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa
  • Schlagworte Regierung | Japan | AKW | Reaktor | Tsunami | Fukushima
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