Es sind gravierende Entscheidungen gewesen, die Japans Regierungsbehörden nach dem Megabeben vom 11. März 2011 treffen mussten: Welche Gebiete rund um das havarierte Kernkraftwerk sollen evakuiert werden? Welche Schäden durch Tsunami und Beben müssen sofort behoben werden? Wie reagiert man auf die radioaktive Belastung, und ab wann sind etwa Lebensmittelkontrollen nötig? Wie diese Fragen beantwortet und warum bestimmte Maßnahmen anschließend beschlossen wurden, könnte möglicherweise nie mehr nachzuvollziehen sein.

Denn der neue Vize-Premierminister Katsuya Okada hat bestätigt, dass detaillierte Protokolle von wichtigen Treffen kurz nach Japans Jahrtausendkatastrophe unvollständig sind oder fehlen. Von zehn Treffen lägen keinerlei Papiere vor.

Es geht um Aufzeichnungen von fünf Regierungskommissionen, die direkt am Notfallmanagement beteiligt waren. Darunter das Main Disaster Headquarter, das Disaster Victims Assistance Team und die Nuclear Disaster Task Force. Letztere leitete der damalige Premier Naoto Kan. Die komplette Ministerriege war Teil dieses Kommandostabs. In anderen Gremien saßen auch Vertreter der Tokyo Electric Power Company (Tepco) , dem Betreiber der Atomanlage Fukushima-Daiichi an der Nordostküste Japans.

Lediglich zwei der Gremien besitzen kurze Zusammenfassungen. "Durch dieses Versagen fehlt uns nun die Möglichkeit, genau zu prüfen, was direkt nach der Katastrophe passierte", sagte der Rechtsexperte Kazuhiro Hayakawa von der Omiya Law School in Saitama.

Die neuen Enthüllungen reihen sich ein in die Kritik daran, wie Japan auf den GAU und die Folgen der Naturkatastrophe reagierte. Menschen und lokale Behörden seien nicht rasch genug informiert worden . Kurz nach der Havarie mussten fast 80.000 Menschen fluchtartig ihre Heimat verlassen.

Aufarbeitung der Entscheidungsprozesse kaum möglich

Bereits im November 2011 hatte der japanische Nachrichtensender NHK die Gesprächsprotokolle der Nuclear Disaster Task Force angefordert. Schließlich bekam die Redaktion nur eine Liste der Themen, die diskutiert worden waren. Der für die Mitschriften verantwortliche Mitarbeiter der Aufsichtsbehörde Nisa sagte NHK, dass er zu beschäftigt gewesen sei, um Notizen zu machen. "Es ist widersinnig, dass keine Protokolle der Treffen erhalten sind, ganz gleich wie brisant die Lage (damals) war", sagte Hayakawa. Aufzeichnungen solcher Gespräche seien gesetzlich vorgeschrieben. "Ich denke nicht, dass sie Regierung absichtlich so handelte", sagte Hayakawa der Nachrichtenagentur AFP . "Ich vermute viel eher, dass eine direkte Befehlskette der Verantwortlichen in der Regierung fehlte, die Treffen zu dokumentieren." Der Vizepremier Okada hat nun die betroffenen Ministerien aufgefordert, bis Ende Februar Zusammenfassungen zu erstellen. Auch Politiker der Opposition im Parlament kritisierten den Vorgang scharf.