Das unterschätzte TierWenn das Handy aus dem Schnabel klingelt

Dohlen imitieren Geräusche perfekt. Bevor sie auf einem Schornstein nisten, testen sie dessen Tiefe mit einem Stöckchen. Claudia Füßler über schlaue, bedrohte Rabenvögel. von Claudia Füßler

Es hat eine Weile gedauert, bis man der Dohle als Objekt der Wissenschaft näherkam. Denn früher dachte man, dass diese und andere Rabenvögel sich vornehmlich im Umfeld von Hexen aufhalten und den Menschen daher Unglück bringen. Angesichts ihres düsteren grau-schwarzen Federkleids eine nachvollziehbare Assoziation.

Erst der Verhaltensforscher Konrad Lorenz pfiff auf jeglichen Aberglauben und näherte sich den taubengroßen Vögeln mit dem Blick eines Forschers. Dabei fand er unter anderem heraus, dass Dohlen sich über ihre Instinkte hinaus merken können, wer ihnen wohlgesonnen ist und wer nicht. Nähert sich ein Feind, warnen sie ihre Artgenossen mit speziellen Rufen.

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Stimmlich spielen Dohlen ohnehin in der Vogel-Champions-League, sie sind nämlich großartige Imitatoren: Neben ihrem angeborenen Repertoire schnappen sie im Laufe ihres bis zu zwei Jahrzehnte langen Lebens unzählige Geräusche auf – um ihre Stimme zu trainieren, aber auch, um andere Tiere und Artgenossen zu täuschen. Begabte Dohlen, die in der Stadt leben, können Klingeltöne von Handys perfekt imitierten .

Die Dohle

Die Dohle (Corvus monedula) gehört zur Gattung der Raben und Krähen und ist ihr kleinster Vertreter. Auffälligstes Merkmal des grau-schwarz gefiederten Vogels sind seine stechend hellblauen Augen.

Sein Zuhause findet er gleichermaßen in Wald- und Graslandschaften, auch in urbanen Gebieten wird die Dohle zwangsläufig zunehmend heimisch.

Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Nordafrika über ganz Europa bis nach Westindien und Sibirien. Schätzungen zufolge bewegt sich der weltweite Bestand im zweistelligen Millionenbereich, besonders in Westeuropa jedoch sind die Zahlen stark rückläufig. Um die Dohle ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken, hat der Naturschutzbund (Nabu) sie zum Vogel des Jahres 2012 ernannt.

Die Vögel mit den auffallend hellblauen Augen sind nicht nur Nachmacher, sondern vollziehen auch geistige Transferleistungen: Plant eine Dohle, ihr Nest in einem Schornstein zu bauen, lässt sie zunächst einen Zweig hineinfallen , um zu hören, wie tief der Schlot ist. Dohlen sind Höhlenbrüter, neben Schornsteinen stehen Mauerlöcher, Dachstühle und Kirchtürme hoch im Kurs. Die Vögel sind zudem versierte Kletterer, eine senkrechte Mauer stellt keine Herausforderung für sie dar.

Außerhalb ihres Verstecks segeln Dohlen galant durch die Lüfte. Schon im ersten Lebensjahr suchen sich sich einen Partner, dem sie bis ins hohe Dohlen-Alter treu bleiben. Herumfliegen, fressen, brüten, entspannen – all das macht ein Dohlenpaar gemeinsam. Außerdem leben Dohlen meist in größeren Kolonien und pflegen außerordentlich enge Nachbarschaftsbeziehungen. Um den Nachwuchs kümmern sich nicht nur die eigenen Eltern, sondern auch andere Altvögel. Und wenn eine Dohle krank ist, hat sie genügend fürsorgliche Betreuer .

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Um gut versteckt in Ruhe brüten zu können, brauchen Dohlen-Paare allerdings Nischen. Wenn Häuser saniert und modernisiert werden, gehen solche Nistplätze verloren. Hinzu kommt, dass auch Wiesen und Ackerland schwinden. Damit schrumpfen genau die Flächen, auf denen sich die Rabenvögel mit frischen Würmern, Schnecken und Larven eindecken. Der Bestand der Dohlen ist in Deutschland rückläufig, hierzulande brüten zurzeit rund 100.000 Paare. In mehreren Bundesländern steht Corvus monedula auf der Roten Liste gefährdeter Arten, in Brandenburg ist sie nach Informationen des Naturschutzbundes (Nabu) sogar vom Aussterben bedroht.

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Leserkommentare
  1. Ich finde, die Gattung der Raben sind wirklich faszinierende Geschöpfe. Ich habe schon öfters Berichte gesehen und gelesen und immer dann denke ich, der Begriff Intelligenz sollte neu definiert werden.

    7 Leserempfehlungen
  2. wir sollten noch mehr über diese Vögel erfahren.
    Dohlen sind wirklich nur noch selten zu sehen. Auf Norderney habe ich im letzten Jahr viele gesehen, dort scheint es noch gute Vorraussetzungen zu geben.

    3 Leserempfehlungen
  3. und das alles ohne Grosshirn

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    musste ich auch direkt denken :)

  4. Antwort auf "Kafkaesk..."
  5. ... Begabte Dohlen, die in der Stadt leben, können Klingeltöne von Handys perfekt imitierten...

    Wenn die weg ist, geht der Link.

  6. musste ich auch direkt denken :)

    Antwort auf "Kafkaesk..."
    • yzzuf
    • 31. Januar 2012 11:19 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Die Redaktion/ls

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...wäre vielleicht gar keine so schlechte Idee. Mit so einem Gehirn haben sie jedenfalls ein super Entwicklungspotential. Wir Säuger sollten aufpassen, dass sie ins nicht überholen. Wie sagte, Konrad Lorenz so schön?

    Der Mensch ist zwar der letzte Schrei, aber nicht das letzte Wort der Schöpfung.

  7. ...wäre vielleicht gar keine so schlechte Idee. Mit so einem Gehirn haben sie jedenfalls ein super Entwicklungspotential. Wir Säuger sollten aufpassen, dass sie ins nicht überholen. Wie sagte, Konrad Lorenz so schön?

    Der Mensch ist zwar der letzte Schrei, aber nicht das letzte Wort der Schöpfung.

    Antwort auf "google empfiehlt..."

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Aberglaube | Konrad Lorenz | Vogel | Nachwuchs | Brandenburg
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