Das unterschätzte TierTapsige Bärchen und scheintote Tönnchen

Bärtierchen, auch Wasserbären genannt, stellen sich bei Dürre tot und überstehen Extremtemperaturen. Sogar ins All sind die Minibären schon geflogen. von 

Ein Bärtierchen, aufgenommen von einem Elektronenmikroskop.

Ein Bärtierchen, aufgenommen von einem Elektronenmikroskop.  |  © Prof. Schill, Universität Stuttgart

Sie haben acht Beine und sehen aus wie Miniaturgummibärchen. Ihr wissenschaftlicher Name Tardigrada leitet sich von den lateinischen Wörtern "tardus" für langsam und "gradus" für Schritt ab: Langsamschreiter. Wer sie jemals durch das Sichtfeld eines Mikroskops tapsen sehen hat, weiß: Mit ihren kurzen mit Klauen bestückten Stummelbeinchen sind sie tatsächlich nicht die Schnellsten.

Dass sie im Deutschen Bärtierchen heißen, ist ebenfalls nicht weit hergeholt. An die 1.000 Arten sind bis heute bekannt, doch selbst die größten unter ihnen werden gerade einmal anderthalb Millimeter lang. Das Durchschnittsbärtierchen ist kleiner als einen halben Millimeter.

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Aller Tapsigkeit und ulkiger Optik zum Trotz sind die Winzbären aber keinesfalls zu unterschätzen. So bevölkerte der Tierstamm erfolgreich den gesamten Planeten. Man findet sie auf allen Kontinenten einschließlich der Antarktis sowie in sämtlichen Ozeanen. Noch immer entdecken Wissenschaftler neue Vertreter . Bärtierchen leben in feuchten Moosen, im Brackwasser, in Tümpeln und Dachrinnen und sogar am Rand von Gletschern.

Bei Wassermangel igeln sich die Tierchen ein

Manche besiedeln extreme Lebensräume wie die Tiefsee oder die Höhen des Himalaya-Gebirges. Immer jedoch benötigen die Minipetze Wasser, um ihre Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten, um zu krabbeln, zu fressen und sich zu vermehren.

Geschichte der Bärtierchen

"Seltsam ist dieses Thierchen, weil der ganze Bau seines Körpers ausserordentlich und seltsam ist, und weil es in seiner äusserlichen Gestalt, dem ersten Anblicke nach, die größte Aehnlichkeit mit einem Bäre im Kleinen hat. Dies hat mich auch bewogen, ihm den Namen des kleinen Wasserbärs zu geben." Mit diesen Worten beschrieb der Quedlinburger Pastor Johann August Ephraim Goeze im Jahr 1773 seinen Fund.


Er gilt als Entdecker der Bärtierchen, auch wenn der Danziger Johann Conrad Eichhorn - ebenfalls Pastor und Zoologe - die Winzlinge wohl schon einige Jahre früher erspäht hatte. Eichhorn veröffentlichte seinen Aufsatz "Beyträge zur Naturgeschichte der kleinsten Wasserthiere, die mit bloßem Auge nicht können gesehen werden und die sich in den Gewässern in und Danzig befinden" eben erst im Jahr 1775 - zu spät um den Ruhm selbst zu ernten.


Der italienische Universalwissenschaftler Lazzaro Spallanzani  beobachtete wenig später im Jahr 1776 "die Auferstehung von den Toten." Ihm verdanken die Minibären auch ihren wissenschaftlichen Namen Tadigrada.

Lernen von den Bärtierchen

Trocknen Zellen ein oder gefrieren sie, nehmen ihre Membran und ihre Proteine massiven Schaden; ebenso bei großer Hitze. Überraschenderweise kann Bärtierchen das alles nichts anhaben. Wissenschaftler wollen vom kleinen Bären lernen hinter, um mit seiner Strategie beispielsweise Medizinprodukte wie Blutkonserven oder Impfstoffe besser haltbar zu machen.


Noch ist weitgehend unklar, wie die Minibären extreme Umweltbedingungen überleben. Allerdings weiß man, dass sie ein bisschen Vorlauf brauchen, um sich auf den Scheintod einzustellen. Entzieht man ihnen das Wasser ganz plötzlich, verwandeln sie sich nicht in Tönnchen sondern werden platt wie Pfannkuchen und sind außerdem mausetot.


Wissenschaftler vermuten, dass Bärtierchen bei zunehmender Trockenheit spezielle Schutzmechanismen ankurbeln. So könnten Zuckermoleküle eine Rolle spielen, die bei Wasserentzug die Eiweißmoleküle im Körper der kleinen Wesen stabilisieren. Auch Hitzeschockproteine gehören wahrscheinlich zum Überlebensprogramm – spezielle Moleküle, die bei Stress die Eiweißstoffe eines Organismus' in Form halten.

Trotzdem: Sterben müssen die kleinen Kerlchen noch lange nicht, wenn die heimatliche Pfütze oder das Mooskissen einmal ausdorren sollte. Dann nämlich wechseln sie ins Tönnchenstadium: Sie ziehen die Beinchen an, werden zur Kugel und trocknen selbst quasi aus. Ihren Stoffwechsel stellen sie dann so weit ein, dass man meinen könnte, sie wären tot. Doch der Schein trügt: Sobald die Zeiten besser – sprich: nasser – werden, kehren sie ins Leben zurück. Gerade so, als wäre nichts gewesen.

Viele Jahre überdauern die wackeren Tiere als Tönnchen. Wie lange sie es in diesem Stadium aushalten, ist noch nicht endgültig geklärt. Wissenschaftler gehen bisher davon aus, dass eine Phase von 20 Jahren oder sogar länger realistisch ist. Dabei halten die Bärtierchen extreme Temperaturen aus. Forscher um den Zoologen Ralph Schill von der Universität Stuttgart stellten fest: Selbst bei 100 Grad Celsius überlebten 90 Prozent ihrer Miniversuchstiere. Und auch Einfrieren scheint ihnen nichts anzuhaben.

Kryptobiose (von Griechisch "kryptos" für "verborgen" und "bios" für "Leben") nennen Wissenschaftler den Scheintod der kleinen Bären und wollen das Geheimnis der Überlebenskünstler lüften. Mit den Tricks der Tardigrada hoffen Forscher eines Tages Blutkonserven länger haltbar machen oder Impfstoffe so vorzubereiten, dass sie auch unter extremen Klimabedingungen keinen Schaden nehmen.

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Im Dienste der Wissenschaft flogen die Tierchen daher vor wenigen Jahren sogar ins All. Als scheintote Astronauten umkreisten sie in einer Höhe von rund 270 Kilometern die Erde. Dabei wurden sie einem Vakuum und verschiedenen Strahlungen ausgesetzt und kehrten dennoch unbeschadet zurück – als bislang einzige Lebewesen, die einen solchen Weltraumausflug überstanden haben.

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Leserkommentare
    • kinnas
    • 24. Januar 2012 8:17 Uhr

    "So bevölkerte der Tierstamm erfolgreich den gesamten Planeten."

    Was heißt bevölkerte? Sind die alle tot? Oder bevölkern nur noch einen Bruchteil?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • cornie
    • 24. Januar 2012 9:57 Uhr

    Ich denke, das Bevölkern ist hier im Sinne des Vorgangs (nicht des Zustands) gemeint: So siedelte sich der Tierstamm erfolgreich auf dem gesamten Planeten an.

    Ihr Kommentar hat zumindest Ihre Morgen-Laune gehoben ;-)

    Denn was cornie Ihnen erklärt, wissen Sie wahrscheinlich selbst.

    • xtraa
    • 24. Januar 2012 9:47 Uhr

    Nicht nur im All können sie überleben - sie sehen auch noch aus wie Vogonen.

    Gott bewahre uns vor dieser Invasion der Bürokratie! Ab in die Rettungsschiffe! Makler, Juristen und Bänker zuerst :)

    Gruß
    Andi Arbeit

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Endlich ein Namensverwandter,

    Gruß,

    Dieter Rantel

    • cornie
    • 24. Januar 2012 9:57 Uhr

    Ich denke, das Bevölkern ist hier im Sinne des Vorgangs (nicht des Zustands) gemeint: So siedelte sich der Tierstamm erfolgreich auf dem gesamten Planeten an.

    Antwort auf "Vergangenheit?"
  1. Ihr Kommentar hat zumindest Ihre Morgen-Laune gehoben ;-)

    Denn was cornie Ihnen erklärt, wissen Sie wahrscheinlich selbst.

    Antwort auf "Vergangenheit?"
  2. Endlich ein Namensverwandter,

    Gruß,

    Dieter Rantel

  3. Bekommt Wikipedia, wo ein umfangreicher Artikel zu den Bärtierchen zu finden ist, Teile des Autorenhonorars gespendet? Oder aus welcher anderen Quelle stammen die Informationen dieses Artikels, der doch offenbar nichts Neues beiträgt?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    doch nicht Wikipedia. Die Quellen sehen Sie doch bei Wikipedia aufgelistet.

  4. doch nicht Wikipedia. Die Quellen sehen Sie doch bei Wikipedia aufgelistet.

    • bugme
    • 24. Januar 2012 18:55 Uhr

    So klein, so widerstandsfähig, so perfekt - Augen, Beine - alles dran.

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tier | Astronaut | Gletscher | Antarktis
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