Ein Bärtierchen, aufgenommen von einem Elektronenmikroskop.

Sie haben acht Beine und sehen aus wie Miniaturgummibärchen. Ihr wissenschaftlicher Name Tardigrada leitet sich von den lateinischen Wörtern "tardus" für langsam und "gradus" für Schritt ab: Langsamschreiter. Wer sie jemals durch das Sichtfeld eines Mikroskops tapsen sehen hat, weiß: Mit ihren kurzen mit Klauen bestückten Stummelbeinchen sind sie tatsächlich nicht die Schnellsten.

Dass sie im Deutschen Bärtierchen heißen, ist ebenfalls nicht weit hergeholt. An die 1.000 Arten sind bis heute bekannt, doch selbst die größten unter ihnen werden gerade einmal anderthalb Millimeter lang. Das Durchschnittsbärtierchen ist kleiner als einen halben Millimeter.

Aller Tapsigkeit und ulkiger Optik zum Trotz sind die Winzbären aber keinesfalls zu unterschätzen. So bevölkerte der Tierstamm erfolgreich den gesamten Planeten. Man findet sie auf allen Kontinenten einschließlich der Antarktis sowie in sämtlichen Ozeanen. Noch immer entdecken Wissenschaftler neue Vertreter . Bärtierchen leben in feuchten Moosen, im Brackwasser, in Tümpeln und Dachrinnen und sogar am Rand von Gletschern.

Bei Wassermangel igeln sich die Tierchen ein

Manche besiedeln extreme Lebensräume wie die Tiefsee oder die Höhen des Himalaya-Gebirges. Immer jedoch benötigen die Minipetze Wasser, um ihre Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten, um zu krabbeln, zu fressen und sich zu vermehren.

Trotzdem: Sterben müssen die kleinen Kerlchen noch lange nicht, wenn die heimatliche Pfütze oder das Mooskissen einmal ausdorren sollte. Dann nämlich wechseln sie ins Tönnchenstadium: Sie ziehen die Beinchen an, werden zur Kugel und trocknen selbst quasi aus. Ihren Stoffwechsel stellen sie dann so weit ein, dass man meinen könnte, sie wären tot. Doch der Schein trügt: Sobald die Zeiten besser – sprich: nasser – werden, kehren sie ins Leben zurück. Gerade so, als wäre nichts gewesen.

Viele Jahre überdauern die wackeren Tiere als Tönnchen. Wie lange sie es in diesem Stadium aushalten, ist noch nicht endgültig geklärt. Wissenschaftler gehen bisher davon aus, dass eine Phase von 20 Jahren oder sogar länger realistisch ist. Dabei halten die Bärtierchen extreme Temperaturen aus. Forscher um den Zoologen Ralph Schill von der Universität Stuttgart stellten fest: Selbst bei 100 Grad Celsius überlebten 90 Prozent ihrer Miniversuchstiere. Und auch Einfrieren scheint ihnen nichts anzuhaben.

Kryptobiose (von Griechisch "kryptos" für "verborgen" und "bios" für "Leben") nennen Wissenschaftler den Scheintod der kleinen Bären und wollen das Geheimnis der Überlebenskünstler lüften. Mit den Tricks der Tardigrada hoffen Forscher eines Tages Blutkonserven länger haltbar machen oder Impfstoffe so vorzubereiten, dass sie auch unter extremen Klimabedingungen keinen Schaden nehmen.

Im Dienste der Wissenschaft flogen die Tierchen daher vor wenigen Jahren sogar ins All. Als scheintote Astronauten umkreisten sie in einer Höhe von rund 270 Kilometern die Erde. Dabei wurden sie einem Vakuum und verschiedenen Strahlungen ausgesetzt und kehrten dennoch unbeschadet zurück – als bislang einzige Lebewesen, die einen solchen Weltraumausflug überstanden haben.