Der Diskurs um die Agrar-Gentechnik betrifft auch die Frage, wie wir bei der Gestaltung technischen Fortschritts aus den Fehlern vergangener Technologieeinführungen lernen wollen. Alle Säulen, auf denen gesellschaftliches Gedeihen beruht – Ökonomie/Finanzwirtschaft, Umwelt, Gesundheit/Ernährung, Politik, Frieden – sind heute in der Krise, deshalb mehren sich die Rufe nach einem Ende des "Weiter so". "Business as usual is no longer an option", stellt zum Beispiel der Weltagrarbericht von 2008 fest, oder im Hauptgutachten 2011 des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) wird nicht weniger als eine "Große Transformation" unserer Gesellschaft gefordert.

Wenn bei einem solchen Paradigmenwechsel Rollen, Kapital und Macht neu verteilt werden, dann muss in einer Demokratie um die besten Konzepte gestritten werden. Auf dem Gebiet der Nahrungsmittelherstellung ist es schlicht historischer Zufall, dass der exemplarische Diskurs die Einführung der Gentechnik traf – die außer ihren Entwicklern und der Industrie in Europa niemand wirklich will.

Das Potenzial der Gentechnik zur Transformation der Produktions-, aber auch der Abhängigkeitsverhältnisse in der Landwirtschaft ist unbestritten. Uneinigkeit herrscht aber bei der Bewertung, wie tief und wie irreversibel sie in die Evolution eingreift und wie hoch ihre gesundheitlichen und ökologischen Risiken sind. Ja, selbst die Frage ist kontrovers, mit welchen Methoden diese Risiken abzuschätzen sind. Die Frontlinien dieser Debatte wollen wir als Beispiel für das alte und das neue Paradigma beschreiben.

Wie schätzt man ein Risiko ab?

Derzeit wird eine gentechnisch veränderte Nutzpflanze in zwei Einheiten unterteilt: die bekannte Maispflanze und das neue transgene Element; beim in der EU zum Anbau zugelassenen Bt-Mais Mon 810 der Firma Monsanto zum Beispiel ist es das Insektengift auf Basis des Bacillus thuringensis (Bt), das in allen Pflanzenteilen während der gesamten Lebensdauer produziert wird.

Die ursprüngliche Maispflanze wird aufgrund jahrhundertelanger Erfahrung als grundsätzlich sicher eingestuft, sie muss keine konkreten Risikotests mehr durchlaufen. Etwas genauer untersucht man die hinzugefügte neuartige Substanz, und zwar eng angelehnt an die Prüfung synthetischer Insektizide. In direkten Fütterungsstudien wird vor allem die akute Toxizität mit den mikrobiell hergestellten Bt Toxinen an standardisierten Labororganismen wie Springschwänzen, Marienkäfern oder Honigbienen getestet. Wenn trotz hoher Dosen kein signifikanter Unterschied zwischen Bt-Toxin Futter und der Kontrolle beobachtet wird, gilt die Substanz als ausreichend sicher. Bei solchen rein toxikologischen Tests bleibt es dann. Das gesamte transgene Pflanzenmaterial aber, das tatsächlich auf den Feldern wachsen oder in die Nahrung gelangen soll, wird kaum auf seine ökologischen und gesundheitlichen Risiken geprüft.

Auf ZEIT ONLINE schreiben führende Agrar-Experten über Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik © Christopher Furlong/Getty Images

Zur Bestätigung der Unbedenklichkeit, aber hauptsächlich um zu überprüfen, ob die Pflanze als Futtermittel ähnlich gute Ergebnisse wie herkömmliche Produkte erbringt, lassen die Antragsteller in der Regel eine vergleichende Fütterungsstudie mit Hühnern, Ratten oder Mäusen durchführen. Eine echte wissenschaftlich robuste Überprüfung der gesundheitlichen Unbedenklichkeit stellen aber auch diese Studien nicht dar. Gentechnisch veränderte Pflanzen, die keine neuartigen Substanzen produzieren (etwa die herbizidresistenten oder stärkeveränderten Pflanzen) kommen mit noch weniger bis gar keinen experimentellen, gesundheits- und umweltrelevanten Prüfungen auf den Markt.