Fritz Vahrenholt : Vorhang auf für den Sarrazin der Klimadebatte

Viele Medien zelebrieren Fritz Vahrenholt und seine dürftigen Klima-Thesen. Der RWE-Manager gibt sich wie einst Sarrazin. Doch sein Publikum ist klüger, meint T. Staud.

Ein ehemaliger SPD-Politiker schreibt ein Buch zu einem populären Thema. Darin vertritt er Thesen, die man sonst eher in konservativen oder wirtschaftsliberalen Kreisen hört. Voilá, fertig ist die Medienwelle. Vor anderthalb Jahren hieß der Buchautor Thilo Sarrazin , heute heißt er Fritz Vahrenholt .

Der ehemalige Hamburger Umweltsenator und heutige Spitzenmanager des Energieversorgers RWE behauptet in seinem gerade erschienenen Buch Die kalte Sonne , dass der Weltklimarat komplett irre (oder bewusst lüge) und in Wahrheit die Sonne hauptverantwortlich sei für den Klimawandel, dass in den nächsten Jahrzehnten eine natürliche Abkühlung bevorstehe und sich deshalb die Menschheit (und damit wohl auch RWE) mehr Zeit lassen könne mit dem Abschied von fossilen Energieträgern.

Wie Sarrazin versucht Vahrenholt politische Thesen wissenschaftlich zu unterfüttern. Über erstere kann man trefflich streiten: Dass die Energiewende vielleicht zu schnell vollzogen oder zu teuer wird, zum Beispiel. Oder dass Klimaforscher in öffentlichen Stellungnahmen bisweilen zu sehr vereinfachen. Die wissenschaftlichen Belege für seine Thesen aber, das war bei Sarrazin genauso wie jetzt bei Vahrenholt , halten einer Überprüfung nicht stand. Und trotzdem werden sie von etlichen Medien bereitwillig ausgebreitet.

Der Erfolg liegt zum einen im Gestus, den Vahrenholt wie Sarrazin zelebrieren: Den des Bildungsbürgers, der sich in eine komplizierte Materie eingearbeitet und Erstaunliches herausgefunden hat. Den eines furchtlosen Tabubrechers, der es "denen da oben" oder auch "den Gutmenschen" jetzt mal richtig zeigt. Der es grundsätzlich aber auch selbst gut meint: So wie Sarrazin beteuerte, kein Rassist zu sein, betont jetzt Vahrenholt, dass er ja den Klimawandel nicht rundheraus leugne.

Vahrenholts Buch erscheint zu einer dafür perfekten Zeit. Deutschland bibbert dieser Tage aufgrund anhaltender Minusgrade . Und in der Öffentlichkeit hat sich längst ein gewisser Überdruss zu allem eingestellt, was mit Klimaschutz und Erderwärmung zu tun hat. Wer wird schon gern wieder und wieder daran erinnert, dass er eigentlich ein kleineres Auto fahren oder weniger Flugreisen unternehmen sollte? Im Inland hat sich die Politik in den Details der Energiewende verheddert, auf internationaler Bühne scheitern reihenweise Klimagipfel , die zuvor als entscheidend angekündigt worden waren. Die Klimawissenschaft steht vor dem Problem, dass ihre Nachrichten für Medien unattraktiv sind: Entweder sind neue Erkenntnisse so speziell, dass sie kaum jemand versteht . Oder sie bestätigen nur ein weiteres Mal, was man über den menschengemachten Klimawandel ohnehin schon weiß .

Offensichtlich finden Zeitungsredaktionen Kontroverse spannender als den wissenschaftlichen Konsens. Mit sorgfältiger Berichterstattung aber hat das wenig zu tun: Keinem Impfgegner würde so viel Raum eingeräumt wie Vahrenholt – dabei sind seine Thesen ähnlich krude. Bestritte da beispielsweise ein Tabaklobbyist den Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebs, würden selbst Politik- und Wirtschaftsredakteure gähnen.

Beim Klimawandel aber lassen sie einen Spitzenmanager des zweitgrößten CO 2 -Verursachers in Europa wissenschaftlichen Humbug zur Klimawirksamkeit von Kohlendioxid verbreiten. Sie glauben wohl, dass sich so etwas gut verkauft. Doch könnte das Publikum klüger sein als Journalisten vermuten. Schon als das Magazin Focus Ende 2009 mit einer Klima-"skeptischen" Titelstory auftrumpfen wollte, wurde das Heft zur schlechtestverkauften Ausgabe des ganzen Jahres .

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Kommentare

281 Kommentare Seite 1 von 32 Kommentieren

Kann ich aber nachvollziehen

Man mag vieles aus dem wissenschaftlichen Bereich der Klimaforschung diskutieren und auch anzweifeln.
Wenn aber ein Manager eines Energiekonzerns etwas über dieses Thema schreibt, ist doch stark zu vermuten, daß Grundlagen jeder Wissenschaft - nämlich Objektivität und Unabhängigkeit - nicht gegeben sein können.

Insofern für jede sachliche Debatte nutzlos.

Exorzist?

Wieso "im Vornherein"? Beide sind hinlänglich Öffentlichkeitserfahren und bringen ihre Behauptungen absichtlich unter die Leute. Da haben sie doch wohl einen Anspruch darauf, dass man sie ernst nimmt.
Und wenn man das tut, dann spricht einiges dafür, nicht zu akzeptieren wie sie mal am sozialen Frieden oder den sowieso fragilen Klimaschutzzielen zündeln.

Was ist daran "Exorzismus"?

Zitat: Offensichtlich finden Zeitungsredaktionen

Kontroverse spannender als den wissenschaftlichen Konsens. Mit sorgfältiger Berichterstattung aber hat das wenig zu tun: Keinem Impfgegner würde so viel Raum eingeräumt wie Vahrenholt – dabei sind seine Thesen ähnlich krude ...

Offensichtlich verwechseln Zeitungsredaktionen Meinungsbildung mit Nachrichtenübermittlung. Schon lange entsteht hierzulande der Eindruck eines gewissen Konformitätsdruck seitens der Medien. Es wäre nicht so traurig, wenn dieser Konformitätsdruck schon so oft negative Folgen gehabt hätte. Aber anscheinend ist es der deutschen Öffentlichkeit liebstes Spiel immer eine meinung zu haben. Vor Pluralismus hat er Angst.

Erfrischend wenn sich ab und wann Meinungen Bahn brechen die Abseits stehen.

"Wenn ein fachfremder Mensch ohne jede Objektivität

einen Artikel verfasst ..."
Ja, was traut sich der Vahrenholt da eigentlich?

Okay, Greenpeace, WWF und der Eisenbahningenieur Pachauri wollen die Welt-Energieversorgung umkrempeln und der Berufspolitiker Al Gore erklärt uns allen wie das Klima funktioniert, aber Vahrenholt hat natürlich von all dem keine Ahnung. /sarc off

Diesen Artikel lese ich nicht , weil mir die Überschrift reicht!

Mich ärgert gewaltig, dass indirekt aus der Klima-Dissenz-Debatte wieder eine "Sarrazin"-Debatte konstruiert wird, nur um Aufmerksamkeit heischende Schlagzeilen zu fabrizieren. Der Autor hatte zuvor eine erfrischend lesenwerte Kritik zu Varenholts Thesen geschrieben, die auch sehr interessant im Forum diskutiert worden ist.

Aber jetzt weigere ich mich diesen draufgelegten "Sarrazin"-Schmarrn zu lesen. Ständig erfährt dieser Mensch dadurch aufs Neue verkaufsfördernde Publicity!

Manchmal glaubt man wirklich, die Journalisten wissen nicht, was sie mit ihrer Schreiberei anrichten!

@2 apollo23 zum Thema "Wissenschaftlichkeit"

http://www.zeit.de/online...

finden Sie hier einen schönen Artikel der Zeit zu einem ähnlich hochstilisiterten Thema "Waldsterben".

"Wissenschaftlichkeit" bildet auch nur ein mainstream ab.

Einer folgt dem anderen bis in den ABgrund.

Zeitungen wie die Zeit sind dafür da, und dafür schätze ich diese, dass verschiedene Meinungen gedruckt werden, oft in der selben Ausgabe.

Ich kenne bisher niemanden, der die Wahrheit gepachtet hat.

Kontroverse um jeden Preis?

Kontrovers wäre gewesen:
Wenn er zu einem Ergebnis gekommen wäre, das RWE angreift.
Wenn er dem wissenschaftlichen Konsens auf gleicher Augenhöhe Fehler hätte nachweisen können.

Vahrenholt befriedigt offenbar ein tiefverwurzeltes Bedürfnis den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass es nicht so schlimm kommt.

Wenn es mit dem sog. Waldsterben oder dem Ozonloch nicht so schlimm kommt, dann doch nur, weil die daraufhin ergriffenen Gegenmaßnahmen einigermaßen erfolgreich sind.

Das wiederum spricht sehr dafür, dass die Leute in den Forschungsinstituten doch nicht so blöd sind.

Fazit: Es kann kaum ein langweiligeres Buch zum Klimaschutz geben, geschrieben von einen RWE-Manager, dessen Firma in großen Mengen CO2 emittiert. Das ist einfach gute Lobbyarbeit.

Wetter... Klima...

Wetter ist chaotisch und beinhaltet immer wieder lokale Extreme. In Deutschland war es im Winter schon immer mal auch ein paar Tage kalt.

Klima hingegen ist besser anhand von Trends zu beschreiben wie der mittleren Temperatur über 20 Jahre.

Übrigens fahre ich gerne auf Schnee - als ich meine Führerschein gemacht habe konnte ich das jedes Jahr. Letztes Jahr habe ich einen Tag erwischt, dieses noch keinen. Was hat das mit Klima zu tun? Wahrscheinlich genau so wenig wie Ihr Hinweis auf die kalten Tage zur Zeit. Klima != Wetter...

Bestreiten Sie die Existenz des Treibhauseffektes? Dann schlagen Sie mal den Energieeintrag der Sonne nach und versuchen zu erklären wieso es auf der Erde überhaupt flüssiges Wasser gibt und wir nicht längst alle erfroren sind (Tipp, überschlagen Sie mal wie schnell ohne die atmosphärisch Reklektion die Bodentemperatur innerhalb von acht Stunden Nacht absinken würde...). Alternativ können Sie auch über den Begriff nachdenken - wieso funktioniert ein klassisches Treibhaus, bzw wieso heizen sich diese Wintergärten so auf? Das funktioniert vielleicht einfacher auch mit nahezu vollkommener Verweigerung wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Da ist sie wieder, die Ignoranz.

Ist es zu warm, ist es die Klimaerwärmung durch menschliche Schuld.
Ist es zu kalt, ist immer das Wetter daran schuld.

Neuerdings ist ja auch die Kälte schuld an der Erwärmung.
Das erklärt natürlich einiges.

Erinnert sich überhaupt noch jemand daran, was vorletztes Jahr auf der Südhalbkugel los war? In Südamerika herrschte der extremste Winter seit menschengedenken. Die Kälte und die Schneeeinbrüche krochen bis hinauf nach Brasilien und Venezuela. Fragen sie mal die Rinderzüchter in Argentien nach ihren Verlusten. Komischerweise erscheinen die Klimaereignisse auf der Südhalbkugel, die mit Kälte zu tun haben, kaum in den Medien.
Das der Eispanzer am Südpol weiter gewachsen ist interessiert die Klimafuzzies im IPCC offenbar gar nicht. Weil: passt nicht ins offizielle Klimabild.

Leute

lasst euch doch nicht von diesem Lobbyisten verschaukeln. Als Minister hat er anscheinend keine Probleme gehabt. Als er zu einem Energiekonzern gewechselt ist, spuckt er andere Töne.

Fakt ist, dass unser Stromnetz schon veraltet ist. Fakt ist, dass der Atommüll immer noch kein Endlager hat und auch keins haben wird. Jährlich verzeichnen diese Gewinne, aber wieviel davon wird wieder investiert?

Immer weiter steigende Preise - bei der gleichen Dienstleistungen. Von verdeckten Subventionen will ich hier garnicht anfangen.

Und mal ehrlich, die Ölpreise werden nicht sinken, sondern steigen - genau wie die Gaspreise. Wem spielt diese Politik der alten Technologien in die Hände?

Das ist Lobbyismus pur. Er will für seinen Konzern einfach die Monopolstellung erhalten und somit die Gewinne sichern - auf unsere Kosten.

Ob es eine Klimalüge gibt oder nicht, keiner von uns kann den Umweltschutz als belanglos erachten. Wir leben auf diesem Planeten und dann sollten wir gefälligst auch drauf acht geben.

Der Eisschild in der Arktis wurde von 2007 bis 2011
auch größer.

Siehe:
http://arctic-roos.org/ob...

Ich suche noch so eine Seite (siehe Link) wie die für die Größe des Artischen Eisschildes für die Antarktis. Kennt jemand so eine Seite ?

Interessant im antarktischen Zusammenhang sind auch die Forschungsergebnisse der Polarstern. Sie war bis letztes Jahr in der Antarktis und hat herausgefunden, dass es dort (wenn auch nur minimal so doch zweifelsfrei) kälter wird.

Und am Rande bemerkt ist die antarktische Höchsttemperatur immer noch -25° (ich glaube ab dem 66ten Breitengrad). Also doch noch "sehr" kalt. Die Tiefstemperatur liegt bei ca. -65° im Winter.

Die Fakten

C02 ist ein Treibhausgas, andere Substanzen genauso. Das bedeutet je mehr sich diese Substanzen in der Atmosphäre ansammeln, desto wärmer wird es. Das leugnet kein ernstzunehmender Wissenschaftler mehr. Alles andere weiß man nicht und wird von der CO2-verursachenden Lobby als Argument mißbraucht, das sich sowieso keiner auskennt und das alles nicht so schlimm sei. Und im übrigen ist Klima nicht gleichzusetzen mit Wetter. Nur weil wir momentan ein Tiefdruckgebiet über Deutschland haben, heißt das nicht, das sich die Erde langsam auf lange Sicht erwärmt.