"Großbritannien erlebt die längste Kältewelle seit 1981. Peking verzeichnet den kältesten Morgen seit beinahe 40 Jahren. In Florida hängen Eiszapfen an den Orangenbäumen", schrieb das Magazin Focus vor zwei Jahren. Und erlaubte sich die Frage: "Wo ist die Erderwärmung geblieben?"

Zwei Jahre später vermeldet die Türkei einen Rekordwinter. In Bulgarien wurden in dieser Woche minus 29 Grad Celsius gemessen, was den bisherigen Kälte-Rekord aus dem Jahr 1942 übertraf. Vor allem im Osten Europas wütet das Kälte-Hoch Cooper, bislang erfroren 139 Menschen. Was also ist los mit der Erderwärmung?

Bisher mahnten Klimaforscher angesichts solcher Gedanken stets zur Besonnenheit. Klima sei schließlich nicht dasselbe wie Wetter. Und kurzfristige Temperaturschwankungen sagten wenig über langfristige Trends wie die langsame aber stetige Erderwärmung seit der Industrialisierung aus.

Doch nun haben Forscher des Alfred-Wegener-Institutes für Polar- und Meeresforschung eine Studie veröffentlicht, die genau so einen Zusammenhang nahelegt: Ihrer Ansicht nach ist die aktuelle Kältewelle auch eine Folge der Erderwärmung. Die im Magazin Tellus A veröffentlichte Analyse zeigt einen Zusammenhang zwischen dem schrumpfenden sommerlichen Arktiseis und extremem Winterwetter in Europa.

Die Forscher setzten meteorologische Winterdaten der Jahre 1989 bis 2010 ins Verhältnis zur Schmelze im arktischen Sommer. Das Ergebnis: Taut die Arktis im Sommer besonders stark ab, kommt es zur verstärkten Erwärmung des arktischen Ozeans: Das Verschwinden der hellen Eisoberfläche legt den dunkleren Ozean frei und reflektiert die einstrahlende Energie nicht mehr so stark. Ein Effekt, den Wissenschaftler als Eis-Albedo-Rückkopplung bezeichnen. Die so gespeicherte Wärme gibt der Ozean im Herbst und Winter wieder in die Luft ab, was die unteren Schichten der Atmosphäre stärker erwärmt. In den letzten Jahren zeigten die Aufzeichnungen der Satelliten einen kontinuierlichen Rückgang des Meereises. Aktuelle Messdaten zeigten erhöhte Temperaturen in den Herbstmonaten.

Auswirkung auf Deutschland

Was das nun mit dem Wetter in Dresden, Warschau oder Kiew zu tun hat? "Durch die bodennahe Erwärmung der Luft kommt es zu aufsteigenden Bewegungen, die Atmosphäre wird instabiler", erklärt Studienautor Ralf Jaiser. Und das bewirke veränderte Bedingungen für die typischen Zirkulations- und Luftdruckmuster in der Arktis.

Eines dieser Muster sei der Luftdruckgegensatz zwischen der Arktis und den mittleren Breiten, die Nordatlantische Oszillation NAO – mit Azoren-Hochs und Island-Tiefs, die aus dem Wetterbericht bekannt sind. Ist dieser Gegensatz hoch, entsteht ein starker Westwind. Er trägt im Winter warme, feuchte atlantische Luftmassen bis tief nach Europa. Bleibt dieser aus, kann kalte arktische Luft nach Europa vordringen, wie derzeit.