Diese Baumameise klammert sich an ihren Ast, um nicht zu fallen. © Stephen Yanoviak

Manche Ameisen können fliegen: Sie haben das Glück, geflügelte Männchen zu sein. Und das Pech, bald nach dem Paarungsflug mit der Königin zu sterben. Weibliche Baumameisen können zwar nicht fliegen – aber viel besser fallen als andere Insekten. Die Ameisen der Art Cephalotes atratus verbringen ihr gesamtes Leben in den Baumkronen peruanischer Urwaldriesen. Dort sind sie permanent absturzgefährdet, ein Windstoß kann sie von ihrem Ast pusten. Manchmal springen sie auch in die Tiefe, um vor Fressfeinden zu flüchten. Doch das ist eine gefährliche Flucht.

Prallen sie aus 30 Metern Höhe auf den Boden, sind sie entweder gleich tot oder zumindest aufgeschmissen: Im dunkelgrünen Dickicht gibt es keine Duftspuren, die sie zu ihrem Volk zurückführen könnten. Alleine haben sie keine Überlebenschance.

Deshalb haben sie gelernt, ihren freien Fall zu steuern. Zielstrebig biegen sie sich in der Luft und sausen auf einer kontrollierten Flugbahn zurück zum Baum. Dieses erstaunliche Verhalten entdeckte der Forscher Stephen Yanoviak, als er auf einen Tropenbaum kletterte. Eine Ameise krabbelte auf seinen Arm und biss zu, er wischte sie verärgert weg – und beobachtete ihren kontrollierten Sturzflug. Yanoviak nennt das Manöver "directed aerial descent"

Amputierte Ameisen verraten das Geheimnis des Stürzens

Beeindruckt schubste er gleich ein paar weitere Ameisen vom Ast und sah, dass sie alle gute Basejumper waren. Damit sind die Krabbler die einzigen bekannten flügellosen Insekten, die zum gesteuerten Sturz fähig sind. Zur Kontrolle ließ er auch Vertreter einer anderen Ameisenart fallen: Plump folgten sie der Schwerkraft und fielen zu Boden.

Als Yanoviak bei seiner nächsten Regenwaldexpedition in Peru zufällig wieder auf ein ganzes Nest von Cephalotes atratus stieß, nutzte er die Chance und untersuchte das Phänomen genauer. Dafür markierte er die Hinterteile der kleinen Insekten mit weißer Farbe, ließ sie fallen und filmte sie beim Abstürzen.

Sind Reptilien doof? Und wie wehrt sich die Seegurke? Alle Folgen unserer Serie über unterschätzte Tiere.© David Loh/Reuters

Einigen Ameisen amputierte er anschließend den Hinterleib oder einzelne Beinchen. Mit dieser zugegeben recht grausamen Methode fand er heraus, welche Körperteile für die Steuerung entbehrlich sind und welche nicht. Ohne ihre Hinterbeine etwa verfehlten die Insekten den rettenden Baumstamm.

Aus seinen Experimenten schloss Yanoviak: Die Ameisen rudern versetzt mit ihren Hinterbeinen. So lenken sie. Rückwärts fallen sie dadurch auf den Stamm ihres Heimatbaumes zu. In der Luft suchen sie währenddessen nach einem geeigneten Landeplatz. Im letzten Moment wenden sie ihren Bauch zum Baum und krallen sich an seiner Rinde fest. Etwa acht Meter Höhe verloren die Insekten im Durchschnitt während der Testflüge im Dienste der Wissenschaft, bevor sie sicher landeten. Selbst bei turbulenten Windverhältnissen behielten die Insekten meist die Kontrolle über ihren Absturz.