Das unterschätzte TierCool bleiben, abhängen und Energie sparen

Sie können ihren Stoffwechsel drosseln, mit wenig Nahrung auskommen und fressen im Notfall sogar Fäkalien. Faultiere gelten zu Unrecht als Schlafmützen. von 

Dreizehen-Faultier Pilosa das unterschätzte Tier

Ein Dreizehenfaultier sonnt sich in Panama.  |  © Michael & Patricia Fogden/gettyimages

Eigentlich ist es eine gemeine Unterstellung: Faul sei das Faultier, sagt man. Und tatsächlich hängt es im wahrsten Wortsinn am liebsten in Bäumen rum. Es bewegt sich im Zeitlupentempo, und – zumindest in Gefangenschaft – schläft es knapp 16 Stunden am Tag. Da schnarcht ihm nur der Koala noch etwas vor: Der pennt rund 20 Stunden, heißt aber trotzdem nicht "Faulbär."

Zu allem Überfluss schimmert das Faultierfell modrig-grün, als ob es vor lauter Abhängen bereits Moos angesetzt hätte. Die Farbe stammt von winzigen Algen, die vom feuchtwarmen Klima im Pelz profitieren. Das Faultier nutzt umgekehrt den Grünschimmer zur Tarnung. Ein weiteres Extra der Haarpracht: Der Scheitel verläuft nicht wie bei anderen Säugetieren am Rücken, sondern am Bauch. So läuft Regenwasser gut ab – perfekt für ein Leben in Umkehrposition.

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Die langsame Lebensweise ist aber keinem ausgeprägten Hang zum Faulenzertum geschuldet, sondern ein cleveres Energiesparkonzept. Die Tiere ernähren sich fast ausschließlich von Blättern, die zwar immer greifbar sind, dafür aber wenig Nährstoffe liefern. Ein Faultier kann also gar nicht dynamisch durch die Baumkronen turnen, wie beispielsweise ein Affe, der schmackhafte, Energie liefernde Früchte mampft, dafür allerdings auch weit umherziehen muss.

Zwei oder drei Finger

Faultiere leben in Mittel- und Südamerika und bilden eine Unterordnung der Nebengelenktiere (Xenarthra), zu denen auch Ameisenbären und Gürteltiere zählen. Sie unterteilen sich in zwei Familien: Dreifinger-Faultiere (Bradypodidae) und Zweifinger-Faultiere (Megalonychidae) mit jeweils drei beziehungsweise zwei Arten.

Zu unterscheiden sind sie – der Name sagt es – an der Anzahl ihrer Finger, hakenförmige Klauen, mit denen sie sich am Ast ihrer Wahl einhängen. An den hinteren Extremitäten besitzen alle Faultierarten jeweils drei solcher Hakenzehen. Im Zoo sind übrigens ausschließlich Zweifinger-Faultiere zu bewundern. Nur sie lassen sich in Gefangenschaft halten.

Vorfahren der Faultiere

Der Jenaer Zoologe John Nyakatura interessiert sich bei seinen Untersuchungen vor allem für die erstaunliche Evolution der Faultiere. Er will wissen, wie es dazu kam, dass beide Tierfamilien sich unabhängig voneinander auf eine so ungewöhnliche über Kopf hängende Lebensweise spezialisierten.

Denn auch wenn Faultiere sich auf den ersten Blick ähneln, handelt es sich doch um ein eher lockeres Verwandtschaftsverhältnis: Wissenschaftler gehen davon aus, dass der letzte gemeinsame Vorfahr der Tiere vor rund 15 bis 28 Millionen Jahren lebte – und zwar am Boden. Seine anatomische Ausstattung allerdings begünstigte die spätere Evolution zum Hangeln über Kopf: "Dazu gehören Anpassungen an eine grabende Lebensweise, die mit kräftiger Beugemuskulatur der Arme und gut ausgebildeten Klauen einhergeht," sagt Nyakatura.

Zum Energiesparplan gehört auch eine niedrige Stoffwechselrate. Bis zu einer Woche verdauen Faultiere, um nur ja alles Verwertbare aus ihrer Nahrung zu ziehen. Dafür sind sie mit einem dreikammrigen Magen ausgestattet. Zudem verschwenden sie wenig Energie fürs Heizen: Kühlt die Umgebung ab, so sinkt auch ihre Körpertemperatur um bis zu acht Grad Celsius. Für ein eigentlich gleichwarmes Säugetier sind das extreme Schwankungen. Nach kalten Nächten müssen sich Faultiere erst einmal in die Sonne hängen, um wieder auf Betriebstemperatur zu kommen, ähnlich wie es die wechselwarmen Reptilien machen.

Eine wirklich skurrile Nachricht aus der Welt der Faultiere hatten Forscher vom Deutschen Primatenzentrum im Januar 2011 zu berichten: Sie beobachteten Zweizehenfaultiere im peruanischen Regenwald dabei, wie sie aus Latrinen die Fäkalien von Menschen fraßen. Ja, diese Tiere zahlen einen hohen Preis bei dem Versuch, ohne großen Körpereinsatz an möglichst viele Nährstoffe zu kommen.

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"Faultiere sind der Prototyp des Energiesparers unter den Säugetieren", sagt John Nyakatura von der Universität Jena . Das spiegelt sich auch in Bewegungsapparat und -ablauf wider, wie der Zoologe festgestellt hat: Kräftige Sehnen halten Arme und Beine der Tiere in einer gebeugten Position. So hängen sie letztlich passiv am Ast und hangeln sich auch in dieser Haltung vorwärts. Mehr Kraft wenden sie nur auf, wenn sie den Arm nach Nahrung ausstrecken.

Eine weitere anatomische Besonderheit: Während bei anderen Vierbeinern ein kräftiger Trizeps den Körper hochstemmt, dominiert bei Faultieren vor allem der Bizeps, der sie in Hängeposition hält. Daher tun sie sich auch so schwer, wenn sie doch mal auf den Erdboden müssen.

Zu guter Letzt sei noch verraten, dass einige Faultiere nicht annähernd so viel schlafen wie gedacht. Das entdeckten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut in Seewiesen im Jahr 2008. Die Forscher hatten freilebende Dreifingerfaultiere der Art Bradypus variegatus mit Sendern ausgestattet, um deren Wach-Schlaf-Rhythmus zu verfolgen. Und siehe da: In freier Wildbahn dämmern die Tiere  nur durchschnittlich 9,63 Stunden . Vielleicht ist es also an der Zeit, über einen neuen Namen für die cleveren Tiere nachzudenken.

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Leserkommentare
    • sauce
    • 28. Februar 2012 11:23 Uhr

    Faultiere sind ziemlich nett - aber clever??? Eher nicht.
    Das wäre bei ihrer Lebensweise ja nicht von Vorteil... viel Hirn verbraucht ja viel Energie.
    Ich habe sie auch in freier Wildbahn sich nur im Zeitlupentempo bewegen sehen. Reicht offenbar: das macht sie noch unsichtbarer und Blätter laufen nicht weg.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... aber es sind nicht die Faultiere auf die das Zutrifft. Ein Tier, was perse das is, wofür sich Stararchitekten seit kurzem erst Preise verleihen lassen, nämlich ein "Niedrigernegiehaus", ist alles andere als clever. Minimal ist auch optimal!
    Nicht clever ist jedoch, sowas wie "[...] clever??? Eher nicht. Das wäre [...] ja nicht von Vorteil[...]" ernst zu meinen... ;o)

  1. ... aber es sind nicht die Faultiere auf die das Zutrifft. Ein Tier, was perse das is, wofür sich Stararchitekten seit kurzem erst Preise verleihen lassen, nämlich ein "Niedrigernegiehaus", ist alles andere als clever. Minimal ist auch optimal!
    Nicht clever ist jedoch, sowas wie "[...] clever??? Eher nicht. Das wäre [...] ja nicht von Vorteil[...]" ernst zu meinen... ;o)

    Antwort auf "Nicht clever"
  2. 'clever' muss ja nicht unbedingt bedeuten, ein großes Hirn zu haben...

    • TomFynn
    • 29. Februar 2012 18:13 Uhr

    herausfinden wie ich genug Karmapunkte sammele, um als Faultier wiedergeboren zu werden.

    4 Leserempfehlungen
    • Varech
    • 03. März 2012 19:38 Uhr

    Sie sollten sich vielleicht mal ein Wörterbuch leisten, Frau Reinberger.

    Abhängen lässt man ein geschlachtetes Tier, Präsidentenbilder und Wäsche hängt man erst auf und dann wieder ab, auch ehrgeizige Radler hängen einander ab. Aber das Faultier? Wenn sich das abhängt, fällt es doch runter! Ganz vorsichtig immer der Nase nach wird es wohl auch mal vom Baum hangeln und sich an dem gütlich tun, was wohlgenährte Menschen hinter sich gelassen haben, falls andere Koprophage nicht schneller waren.
    Zu Forschungszwecken könnte man natürlich auch ein Faultier abhängen und ins Labor tragen ohne es dabei unnütz aufzuregen. Meinten Sie das?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    chillen gehört? Wohl auch nicht, da ihr Wortschatz zu Wortspielen nicht bereit ist. icht alles mit Scheuklappen betrachten.

    Fetzige Grüße.
    FSonntag

  3. chillen gehört? Wohl auch nicht, da ihr Wortschatz zu Wortspielen nicht bereit ist. icht alles mit Scheuklappen betrachten.

    Fetzige Grüße.
    FSonntag

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf ""Abhängen""
  4. Faultiere sind für mich einsame Helden. Ich liebe sie! Welches Tier lebt so provokativ die Entschleunigung, von der alle Hektiker immer nur quasseln. Das Recht auf Faulheit müsste auch ein Menschenrecht sein. Dann wäre die Welt eine bessere.
    Seit mir, als ich 14 war, einmal ein Faultier im Zoo von Antwerpen in einer unendlich langsamen Bewegung seine Kralle reichte, empfinde ich mich als verhindertes Faultier, das genau weiß, dass Hektik und Glück einander ausschließen. Vom Faultier lernen heißt weise sein. Clevere Touchscreen-Berubbler gibt es schon genug.

    4 Leserempfehlungen

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Energie | Tier | Pelz | Regenwald | Reptil | Säugetier
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