Zugegeben, er sieht ein bisschen eklig aus und auch sein Name klingt nicht gerade appetitlich. Der Kleine Leberegel zählt zu den Saugwürmern und fristet sein Dasein als Parasit in den Gallengängen seines Wirts – meist ein Weidetier; Schaf oder Kuh sind besonders beliebt. Aber auch Hirsche, Hasen, Hausschweine, Hunde und selten Homo sapiens bieten Dicrocoelium dendriticum (auch D. Lanceolatum , Lanzettegel) ein Heim.

Doch auf ein angewidertes "Igitt!" sollte man den 5 bis 15 Millimeter kurzen Wurm nicht reduzieren. Seine Vermehrungsstrategie ist äußerst originell, und er haut dabei auch so richtig auf den Putz: Seine Larven durchwandern gleich mehrere Zwischenwirte und verwirren einem davon derart die Sinne, dass dieser sich selbst dem Endwirt unters Futter mischt.

In der Praxis sieht das so aus: Da ist zunächst ein Leberegel, der sich etwa in den Gallengängen eines Schafs eingenistet hat. Das Schaf selbst merkt davon wahrscheinlich wenig, denn nur bei sehr starkem Befall treten Symptome auf wie Blutarmut, Gelbsucht oder Ödeme , und die Tiere magern ab. Der Saugwurm legt Eier, in denen bereits voll entwickelte Larven stecken, sogenannte Mirazidien. Diese gelangen mit dem Kot nach draußen und treffen dort auf den ersten Zwischenwirt: eine Schnecke, die sich an den Schafskötteln gütlich tut.

Die Mirazidien schlüpfen in der Schnecke, vermehren und verwandeln sich. Nun heißen sie Zerkarien und wandern in die Atemhöhle der Schnecke. Drei bis vier Monate kann das Prozedere dauern – dann hustet die Schnecke den Leberegelnachwuchs in kleinen Schleimbällchen regelrecht aus.

Jetzt kommt der nächste Wirt ins Spiel, eine Wald- oder Weg-Ameise, die vom Schneckenschleim nascht – mit schwerwiegenden Folgen. Die Zerkarien entwickeln sich im Hinterleib der Ameise zu infektiösen Metazerkarien. Alle bis auf eine, die eine besondere Aufgabe hat: Der "Gehirnwurm" wandert ins Zentralganglion, also ins Gehirn der Ameise. Und er manipuliert das Tier derart, dass es nachts auf einen Grashalm klettert, wo es sich mit seinem Mundwerkzeug festbeißt – und darauf wartet, verspeist zu werden. So gelangen die Metazerkarien schließlich in den Endwirt, machen es sich gemütlich und etwa 50 Tage später beginnt das Spiel von vorne.

Wie der Kleine Leberegel zu seinem seltsamen Lebenswandel gekommen ist, ist nicht im Detail erforscht. Sicher ist: Das merkwürdige Treiben des Saugwurms ist ein Glanzstück der Evolution. Denn einen neuen oder zusätzlichen Wirt zu erobern, ist ein komplizierter Prozess und für den Parasiten immer mit Gefahren verbunden. Er muss sich anpassen und Strategien entwickeln, um die Abwehr des Wirtes auszutricksen. "Die Entstehung einer solchen Anpassung im Laufe der Evolution kann Millionen von Jahren dauern", sagt Joachim Kurtz, der an der Universität Münster an einem Fischbandwurm mit einer ähnlich komplizierten Lebensweise forscht: Er durchwandert kleine Krebse, anschließend Fische und bringt diese schließlich dazu, sich Vögeln zum Fraß vorzuwerfen, dem Endwirt des Wurmes.