Das unterschätzte TierDer Ameisen-Manipulator

Der Kleine Leberegel reist von einem Wirt zum nächsten: Dazu lässt er sich aushusten, ausscheiden oder mitfressen. Insekten treibt er in den Selbstmord. von 

Kleiner Leberegel Dicrocoelium dendriticum

Unter dem Mikroskop wird das Innere eines Kleinen Leberegels sichtbar.  |  © Adam Cuerden/ Wikimedia

Zugegeben, er sieht ein bisschen eklig aus und auch sein Name klingt nicht gerade appetitlich. Der Kleine Leberegel zählt zu den Saugwürmern und fristet sein Dasein als Parasit in den Gallengängen seines Wirts – meist ein Weidetier; Schaf oder Kuh sind besonders beliebt. Aber auch Hirsche, Hasen, Hausschweine, Hunde und selten Homo sapiens bieten Dicrocoelium dendriticum (auch D. Lanceolatum , Lanzettegel) ein Heim.

Doch auf ein angewidertes "Igitt!" sollte man den 5 bis 15 Millimeter kurzen Wurm nicht reduzieren. Seine Vermehrungsstrategie ist äußerst originell, und er haut dabei auch so richtig auf den Putz: Seine Larven durchwandern gleich mehrere Zwischenwirte und verwirren einem davon derart die Sinne, dass dieser sich selbst dem Endwirt unters Futter mischt.

Anzeige

In der Praxis sieht das so aus: Da ist zunächst ein Leberegel, der sich etwa in den Gallengängen eines Schafs eingenistet hat. Das Schaf selbst merkt davon wahrscheinlich wenig, denn nur bei sehr starkem Befall treten Symptome auf wie Blutarmut, Gelbsucht oder Ödeme , und die Tiere magern ab. Der Saugwurm legt Eier, in denen bereits voll entwickelte Larven stecken, sogenannte Mirazidien. Diese gelangen mit dem Kot nach draußen und treffen dort auf den ersten Zwischenwirt: eine Schnecke, die sich an den Schafskötteln gütlich tut.

Verwirren als Fortpflanzungsstrategie

Wie der kleine Leberegel im Laufe der Evolution zu seiner verwegenen Fortpflanzungsstrategie gekommen ist, darüber lässt sich heute nur spekulieren. Es sei denkbar, dass das Verwirren eines Zwischenwirts eine überlebensnotwendige Strategie war, mit der sich der Parasit aus einem ungünstigen Wirt befreien konnte, der für ihn sonst zur Sackgasse geworden wäre, erklärt Joachim Kurtz von der Universität Münster am Beispiel des besser erforschten Fischbandwurms: "Möglicherweise waren Fische ursprünglich nicht als Wirt vorgesehen und häufig Endstation für die Larven, weil die Fische befallene Krebse fraßen." Nun musste eine Lösung her.

"Es ist denkbar, dass einzelne Larven in der Lage waren, in den Fischen zu überleben und schließlich sogar deren Verhalten zu manipulieren und dadurch einen evolutionären Vorteil hatten", sagt Kurtz. Vielleicht hätte der Parasit so im Laufe der Evolution einen neuen Zwischenwirt in den Lebenszyklus eingebaut. Und möglicherweise war es beim kleinen Leberegel ähnlich. Hier könnte die Schnecke der ursprüngliche Zwischenwirt gewesen sein – den nutzt nämlich auch die Schaugwurmverwandtschaft. Die Ameise war dagegen eine Sackgasse, die zu verlassen es einer besonderen Strategie bedurfte.

Wurmverwandtschaft

Der kleine Leberegel Dicrocoelium dendriticum, auch D. Lanceolatum gehört zur Klasse der Saugwürmer (Tramatoda), zu denen auch sein Namensvetter, der große Leberegel (Fasciola hepatica) und der Pärchenegel (Schistosoma) zählen, der Erreger der Tropenkrankheit Bilharziose.

Allen Saugwürmern ist der parasitäre Lebenswandel gemeinsam, und sie nutzen sämtlichst Schnecken als ersten Zwischenwirt. In Sachen Endwirt und optionalem zweiten Zwischenwirt unterscheiden sie sich jedoch.
 

Die Mirazidien schlüpfen in der Schnecke, vermehren und verwandeln sich. Nun heißen sie Zerkarien und wandern in die Atemhöhle der Schnecke. Drei bis vier Monate kann das Prozedere dauern – dann hustet die Schnecke den Leberegelnachwuchs in kleinen Schleimbällchen regelrecht aus.

Was ist Ihr unterschätztes Tier?

Ist Ihnen beim Lesen ein Tier eingefallen, das Sie für absolut unterschätzt halten? Dann schreiben Sie gerne selbst einen launigen Leseartikel darüber: Was kann das Tier Besonderes? Und warum ist es für Sie so wichtig? ZEIT ONLINE freut sich über Ihren Beitrag. Auf dieser Seite können Sie Ihren Text verfassen.

So schreiben Sie Leserartikel

ZEIT ONLINE präsentiert regelmäßig ausgewählte Leserartikel, die unsere eigenen Inhalte um zusätzliche Meinungen, Erfahrungsberichte und Sichtweisen bereichern. Vor der Veröffentlichung nehmen wir mit den Autoren Kontakt auf und sprechen über den Text, anschließend wird der Leserartikel von uns redigiert und bebildert. Alle weiteren Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.

E-BOOK

Unsere beliebte Serie "Das unterschätzte Tier" steht Ihnen in zwei Bänden mit exklusiven Tierzeichnungen als E-Book zur Verfügung. Nach dem Download können Sie jederzeit und überall die Fähigkeiten von Ameisenigel bis Zebrafisch auf Ihrem elektronischen Lesegerät bewundern.

Hier finden Sie eine Übersicht unserer E-Books www.zeit.de/ebooks.

Jetzt kommt der nächste Wirt ins Spiel, eine Wald- oder Weg-Ameise, die vom Schneckenschleim nascht – mit schwerwiegenden Folgen. Die Zerkarien entwickeln sich im Hinterleib der Ameise zu infektiösen Metazerkarien. Alle bis auf eine, die eine besondere Aufgabe hat: Der "Gehirnwurm" wandert ins Zentralganglion, also ins Gehirn der Ameise. Und er manipuliert das Tier derart, dass es nachts auf einen Grashalm klettert, wo es sich mit seinem Mundwerkzeug festbeißt – und darauf wartet, verspeist zu werden. So gelangen die Metazerkarien schließlich in den Endwirt, machen es sich gemütlich und etwa 50 Tage später beginnt das Spiel von vorne.

Wie der Kleine Leberegel zu seinem seltsamen Lebenswandel gekommen ist, ist nicht im Detail erforscht. Sicher ist: Das merkwürdige Treiben des Saugwurms ist ein Glanzstück der Evolution. Denn einen neuen oder zusätzlichen Wirt zu erobern, ist ein komplizierter Prozess und für den Parasiten immer mit Gefahren verbunden. Er muss sich anpassen und Strategien entwickeln, um die Abwehr des Wirtes auszutricksen. "Die Entstehung einer solchen Anpassung im Laufe der Evolution kann Millionen von Jahren dauern", sagt Joachim Kurtz, der an der Universität Münster an einem Fischbandwurm mit einer ähnlich komplizierten Lebensweise forscht: Er durchwandert kleine Krebse, anschließend Fische und bringt diese schließlich dazu, sich Vögeln zum Fraß vorzuwerfen, dem Endwirt des Wurmes.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Schönes Artikel, hier ist noch ein passendes, sehr gutes Video. Allerdings ist hier der Leberegel nicht schuld glaube ich.

    http://www.youtube.com/wa...

    2 Leserempfehlungen
  2. wie es ein Wirt, der ja nicht die "Gedanken" der Ameise lesen kann, während er sie steuert, und anfangs wahrscheinlich auch nicht die Mittel hatte, um sie überhaupt zu steuern, derartiges erreichen konnte. Muss trotz der kurzen Fortpflanzungsperioden eine Leistung sondergleichen gewesen sein.

    Das Video ("Zombie-Ameisen") ist auch ganz nett. Sehr aufschlussreich

  3. Die von einer Cercarie befallende Ameise krabbelt abends auf die Spitze eines Grashalms, um dort bis zum nächsten Morgen auszuharren. Damit die Ameise auch diesen Gipfelsturm bewältigt und in der Nacht oben bleibt, setzt der Hirnwurm eine gründliche Gehirnwäsche an, der die Ameise verkrampft und regungslos lässt.

    Die Ameise wartet nun geduldig auf einen Paarhufer wie ein hungriges Schaf oder ein frühaufstehendes Rind und lässt sich dann fressen.
    Passiert nicht, kehrt die Ameise wieder zu ihrem Staat zurück, um am nächsten Abend erneut auf den Grashalm zu klettern und sich verkrampft auf das Gefressenwerden einzustellen. So wird die Stafette selbstlos von der Ameise weitergereicht.

    Diese Gehirnwäsche der Ameise ist für das Tierreich einmalig und darf nicht mit menschlichen Verhaltensweisen verwechselt werden.

    Ihr Dr. Ralf Hettich

    2 Leserempfehlungen
  4. sagte der Leberegel zur Ameise

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ameise | Evolution | Gehirn | Krebs | Tier | Universität Münster
Service