Das unterschätzte TierGerechtigkeit für Möwen!

Möwen sind ziemlich coole Vögel. Umso bedauerlicher, dass Hafenstädte, Schriftsteller und Touristen generell etwas gegen sie haben. von 

Im nordfranzösischen Calais fährt man höchstens durch. Zum Fähranleger oder vom Fähranleger, weil man rüber nach England will oder von dort kommt. Die Einwohner finden das schade, denn die Stadt hat ein Theater und eine bewegte Geschichte mit Resten von Altstadt. Erlebnisorientierte Besucher sollten aber zum Hafen gehen, dorthin, wo die Möwen sind. Weitaus mehr Möwen als Menschen, sommers wie winters, so dass es dort wirkt wie in einem Alfred-Hitchcock-Film – oder, wer es gebildeter mag, der Austragungsort der Vogelrevolution von Aristophanes. Der Konflikt zwischen Weiß und Beige, Möwen und Ausflugsrentnern, scheint dort jedenfalls entschieden zu sein. An anderen Gewässern aber ist er noch in Gang, selbst die ehrwürdig seufzende Geschichtsschreibung weiß nicht, wann der Kampf der beiden unterschätzten Gattungen begonnen hat.

Verbreitung

Möwen sind eine Vogelfamilie innerhalb der Ordnung der Regenpfeiferartigen. Die Familie umfasst 55 Arten. Möwen sind meist weiß-grau gefiedert, sowohl die Männchen als auch die Weibchen. Die Männchen sind meist etwas größer. Möwen sind beinahe auf der ganzen Welt verbreitet, zumeist an den Küsten der gemäßigten und kalten Klimazonen beider Erdhalbkugeln. Die häufigste Art in Deutschland ist die der Silbermöwen, aber auch Lach- und Heringsmöwen sind weit verbreitet. Silbermöwen werden im Durchschnitt 56 bis 66 cm groß.

Lebensweise

Die meisten Möwen sind Allesfresser. Allerdings überwiegt die tierische Nahrung wie Fische oder Weichtiere. Möwen nehmen Flüssigkeit auf, in dem sie Meerwasser trinken. Das Salz scheiden sie über Salzdrüsen im Schnabel wieder aus. Möwen werden bis zu 30 Jahre alt.

Möwen brüten am Boden, manche Arten in Felsspalten. Zumeist nisten sie in Kolonien und legen zwischen 2 bis 4 Eier in ihre Nester, die zwischen 3 bis 5 Wochen lang bebrütet werden. In dieser Zeit verteidigen sie äußerst aggressiv ihre Nester.

Quellen: Wikipedia, World of Animals

Wann er am schlimmsten ist, hingegen schon: zur Urlaubszeit, wenn Strandlokale überquellen von maritimst gelaunten Pensionären mit Kaffeedurst, während die Möwen über ihnen lachen. Da reicht ein Blick in deutsche Archive der vergangenen Jahre, wo mit enthemmtem Ausrufezeichenjournalismus bilanziert wird: "Möwenterror auf Sylt !", " Bremerhaven : Möwenplage!", "Möwenprobleme in Flensburg !", " Wilhelmshaven im Möwenkrieg!", "Möwenattacke am Hamburger Weihnachtsmarkt!" und so fort. Meist geht es um gekaperte Fischbrötchen und Pücklerwaffeln, um entwendeten Blechkuchen, um hygienisch bedenklich verschmutzte Geländewagen und Multifunktionsjacken, um waghalsige Tiefflüge. Mutmaßliche Täter sind Lach- und Silbermöwe, zwei der 55 weltweit verbreiteten Arten, und manche Gemeinden riefen immer wieder zu den Waffen, um mit Gift und Gewehr die Lebenserwartung der Vögel von 30 Jahren radikal zu verkürzen.

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Diese Überreaktion lässt sich rational nicht erklären. Woher die Feindseligkeit gegen diese sehr wendigen, sehr elegant gekleideten Vögel? Im Zuge der jüngsten Affäre um das Amt des Bundespräsidenten hieß es mancherorts: Man mag vor allem diejenigen nicht, die einem selbst ähnlich sind. Am Beispiel der Möwe wird klar, wie das gemeint ist. Wie der Mensch lacht sie gern von oben herab, sie streitet oft um die besten Plätze in Wassernähe, isst, was so verfügbar ist und besitzt eine ausgeprägte Schnäppchenmentalität. Kein Wunder, dass es knallt. Ein Melancholiker kann die Lach- und Klagelaute der Vögel als Kommentar auf das Leben an sich verstehen, das natürlicherweise ein gebrechliches und vergebliches ist, wie Heinrich von Kleist sagte, und woran man ja selbst nur mit Unbehagen erinnert wird.

Da wir schon literarischen Luftraum durchqueren: Auch die Dichter haben die Möwe beinahe mit Ignoranz geschlagen. Von Christian Morgenstern ist die Einsicht überliefert, alle Möwen sähen aus, als ob "sie Emma heißen". Später kam Richard Bachs Möwe Jonathan dazu, ein naiv romantisches Büchlein, hernach von Neil Diamond für die Verfilmung verschlagert, was der Angelegenheit auch nicht unbedingt half. Solche zaghaften Versuche einer Möwenrehabilitation waren in der Rückschau auch eher rufschädigend. Selbst der große Thierfreund Alfred Brehm kam nicht umhin zu fragen, was das für eine Welt wäre, in der es nur noch Möwen gäbe.

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Stellen wir es uns doch einmal umgekehrt vor! Plötzlich sind keine Möwen mehr da. Womit füllen Reporter die atmosphärischen Löcher ihrer sozialkritischen Reportagen von russischen Bohrinseln, wenn keine Möwe schreit? Mit dem Glucksen der Heringe? Und wer übertönt in dieser möwenlosen Zukunft Freddy Quinn und Rod Stewart in Hafenspelunken? Wer ärgert künftig glühweintrunkene Weihnachtsmarktbesucher in Hamburg ? Wer verschönert fürderhin im Namen des Klimaschutzes die Allradschleudern in Westerland ? Und wollen wir die Namen Emma und Jonathan wirklich nur noch Kindern aus verkehrsberuhigten Gegenden überlassen? Das sind Fragen, auf die es nur eine Antwort geben darf: Eine Welt ohne Möwen ist möglich, aber sinnlos.

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Leserkommentare
    • ben_
    • 21. Februar 2012 7:41 Uhr
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    • hermse
    • 21. Februar 2012 8:39 Uhr

    Warum ist das Tier jetzt bitte unterschätzt? Was hat es für tolle Eigenschaften? Das die Boulevardpresse ohne sie nichts berichten kann?!?
    Der Autor meinte es wäre cool. Sehe ich nicht so. Ich denke viel mehr das es niemals so viele von ihnen geben würde, wenn wir sie nicht mit unseren Abfällen füttern würden. Ich finde eher das diese Massen von ihnen uns nur zeigen wie verschwenderisch wir mit den Ressourcen umgehen.
    Und das alle Bürger die meinten Herr Wulff sie der Falsche für den Job als Bundespräsident, genauso viel Dreck am Stecken haben wie er, ist schon wirklich nahe an einer Beleidigung.
    Bis jetzt war "Das unterschätzte Tier" ein informative Geschichte; der Artikel war leider sehr schwach.

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    lesen sogar das Schlechte der Welt aus einem Artikel über Möwen? Sie haben auch das Gefühl, die lachen über uns, oder? ;)

  1. Herr Hugenduck.

    So gern ich Ihren Artikel gelesen habe, so sehr verwirrt hat er mich hinterlassen. Ich mag Möwen, bin Schriftsteller, und Herr Wulff ist mir unsympathisch, obwohl ich nicht alle seine seltsamen Eigenschaften zu teilen meine. Aber da ich Ihre Analogien recht geistreich finde, außerdem just die Lebenshöchsterwartung der gemeinen Möwe erreicht habe und generell der menschlichen Selbsteinschätzung weniger über den Weg traue als der des durchscnittlichen Regenpfeiferartigen, werde ich heute noch ein wenig darüber nachdenkenken.

    In diesem Sinne: vielen Dank für diesen Beitrag. Falls wir uns treffen, lade ich sie auf ein Kännchen Kaffee und eine Pücklerschnitte ein.

  2. Behaupten, Schriftsteller zu sein und dann das "h" in durchschnittlich auf der Tastatur liegen lassen...

  3. hat uns schon seit langer Zeit die Coolness von Möwen gezeigt...

    • redslug
    • 21. Februar 2012 9:03 Uhr

    Wer mag es schon, von oben herab ausgelacht, bestohlen und beschissen zu werden?

    Und ja, das lässt sich auch als Metapher interpretieren...

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    • Akka1
    • 21. Februar 2012 9:33 Uhr

    Von Möwen lass ich mir das noch gefallen.....

  4. ...unvorstellbar!

  5. ...hat der Autor nicht wirklich gelesen. Zur Ehrenrettung der Möwe hätte er einiges finden können.

    Vielleicht sollte er z.B. mal ins Theater gehen. "Die Möwe" ist wahrscheinlich eines der meistgespielten Stücke in Deutschland. Gelegentlich werden ja auch die Sturmschwalben unter "Möwe" subsumiert. Oho, dann hätte man ja eine Möwe in einem der berühmtesten Gedichte überhaupt, dem "Rhime of the ancient mariner".

    Und ob man Hotels, Schiffe und verschiedene Konsumgüterhersteller nach einem unbeliebten Tier benennen würde? Wohl eher nicht!

    Außerdem gilt: Wo viele Möwen sind, gibt es meist weniger Tauben :-).

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    Richtig! Viele Möwen - wenig Tauben.

    Und mal ehrlich, man erwacht doch viel lieber vom Möwengeschrei als vom Taubengegurr.

    • wantje
    • 21. Februar 2012 9:36 Uhr

    nicht zu vergessen! Wenn die Möwen nicht wären, hätte so mancher Elb Mittelerde nie verlassen...

    Ich mag die Viecher. Man muss halt rechtzeitig in Deckung gehen. Und wer Outdoor-Jacken trägt und sich dann drüber ärgert, wenn die mal einen Fleck bekommt, sollte sich mal Gedanken über den Zweck von Outdoor-Jacken machen.

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tier | EMMA | Bohrinsel | Christian Morgenstern | Freddy Quinn | Geländewagen
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