Im nordfranzösischen Calais fährt man höchstens durch. Zum Fähranleger oder vom Fähranleger, weil man rüber nach England will oder von dort kommt. Die Einwohner finden das schade, denn die Stadt hat ein Theater und eine bewegte Geschichte mit Resten von Altstadt. Erlebnisorientierte Besucher sollten aber zum Hafen gehen, dorthin, wo die Möwen sind. Weitaus mehr Möwen als Menschen, sommers wie winters, so dass es dort wirkt wie in einem Alfred-Hitchcock-Film – oder, wer es gebildeter mag, der Austragungsort der Vogelrevolution von Aristophanes. Der Konflikt zwischen Weiß und Beige, Möwen und Ausflugsrentnern, scheint dort jedenfalls entschieden zu sein. An anderen Gewässern aber ist er noch in Gang, selbst die ehrwürdig seufzende Geschichtsschreibung weiß nicht, wann der Kampf der beiden unterschätzten Gattungen begonnen hat.

Wann er am schlimmsten ist, hingegen schon: zur Urlaubszeit, wenn Strandlokale überquellen von maritimst gelaunten Pensionären mit Kaffeedurst, während die Möwen über ihnen lachen. Da reicht ein Blick in deutsche Archive der vergangenen Jahre, wo mit enthemmtem Ausrufezeichenjournalismus bilanziert wird: "Möwenterror auf Sylt !", " Bremerhaven : Möwenplage!", "Möwenprobleme in Flensburg !", " Wilhelmshaven im Möwenkrieg!", "Möwenattacke am Hamburger Weihnachtsmarkt!" und so fort. Meist geht es um gekaperte Fischbrötchen und Pücklerwaffeln, um entwendeten Blechkuchen, um hygienisch bedenklich verschmutzte Geländewagen und Multifunktionsjacken, um waghalsige Tiefflüge. Mutmaßliche Täter sind Lach- und Silbermöwe, zwei der 55 weltweit verbreiteten Arten, und manche Gemeinden riefen immer wieder zu den Waffen, um mit Gift und Gewehr die Lebenserwartung der Vögel von 30 Jahren radikal zu verkürzen.

Diese Überreaktion lässt sich rational nicht erklären. Woher die Feindseligkeit gegen diese sehr wendigen, sehr elegant gekleideten Vögel? Im Zuge der jüngsten Affäre um das Amt des Bundespräsidenten hieß es mancherorts: Man mag vor allem diejenigen nicht, die einem selbst ähnlich sind. Am Beispiel der Möwe wird klar, wie das gemeint ist. Wie der Mensch lacht sie gern von oben herab, sie streitet oft um die besten Plätze in Wassernähe, isst, was so verfügbar ist und besitzt eine ausgeprägte Schnäppchenmentalität. Kein Wunder, dass es knallt. Ein Melancholiker kann die Lach- und Klagelaute der Vögel als Kommentar auf das Leben an sich verstehen, das natürlicherweise ein gebrechliches und vergebliches ist, wie Heinrich von Kleist sagte, und woran man ja selbst nur mit Unbehagen erinnert wird.

Da wir schon literarischen Luftraum durchqueren: Auch die Dichter haben die Möwe beinahe mit Ignoranz geschlagen. Von Christian Morgenstern ist die Einsicht überliefert, alle Möwen sähen aus, als ob "sie Emma heißen". Später kam Richard Bachs Möwe Jonathan dazu, ein naiv romantisches Büchlein, hernach von Neil Diamond für die Verfilmung verschlagert, was der Angelegenheit auch nicht unbedingt half. Solche zaghaften Versuche einer Möwenrehabilitation waren in der Rückschau auch eher rufschädigend. Selbst der große Thierfreund Alfred Brehm kam nicht umhin zu fragen, was das für eine Welt wäre, in der es nur noch Möwen gäbe.

Stellen wir es uns doch einmal umgekehrt vor! Plötzlich sind keine Möwen mehr da. Womit füllen Reporter die atmosphärischen Löcher ihrer sozialkritischen Reportagen von russischen Bohrinseln, wenn keine Möwe schreit? Mit dem Glucksen der Heringe? Und wer übertönt in dieser möwenlosen Zukunft Freddy Quinn und Rod Stewart in Hafenspelunken? Wer ärgert künftig glühweintrunkene Weihnachtsmarktbesucher in Hamburg ? Wer verschönert fürderhin im Namen des Klimaschutzes die Allradschleudern in Westerland ? Und wollen wir die Namen Emma und Jonathan wirklich nur noch Kindern aus verkehrsberuhigten Gegenden überlassen? Das sind Fragen, auf die es nur eine Antwort geben darf: Eine Welt ohne Möwen ist möglich, aber sinnlos.