Ein einziger Baum hielt am 11. März 2011 in der Hafenstadt Rikuzentakata dem Tsunami stand. Heute ist der Schutt abgetragen, weite Flächen der ehemaligen Stadt liegen brach. © Chris McGrath/Getty Images

Sie sitzen in einer Ecke des fensterlosen Großraumbüros und starren auf die Monitore. 24 Stunden am Tag. An den Wänden hängen Flachbildschirme, zahlreiche Computer reihen sich aneinander. Überall sind Graphen, Zahlenkolonnen, gezackte Linien zu sehen. Manchmal ertönt ein Alarmsignal.

Mitten in Tokios Stadtzentrum im zweiten Stock eines grauen Betonklotzes wechseln sich acht Mitarbeiter der japanischen Wetterbehörde JMA im Schichtdienst ab. Sie warten darauf, dass die Erdplatten tief unter ihnen zu springen beginnen.

Japan hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wie kein zweites Land auf den seismologischen Ernstfall vorbereitet. Nirgendwo sonst auf der Welt wird so erdbebensicher gebaut wie hier. Kein anderer Ort ist derart mit Wellenbrechern, Strandmauern und Schutzwäldern auf Tsunamis vorbereitet. Die Warnsysteme sind hier so ausgeklügelt, dass innerhalb kürzester Zeit nach einem Beben Notsirenen ertönen und Hochgeschwindigkeitszüge sicher abgebremst werden.

Das Beben vom 11. März hielten die Offiziellen für unmöglich

Tausenden Menschen rettete dies am 11. März 2011 wohl das Leben, als vor der Hauptinsel Honshu ein Megabeben den Grund erschütterte und Wellen losschickte. Auf bis zu 20 Meter stiegen die Wassermassen, als sie auf Japan trafen und rund 19.000 Menschen töteten. Am Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi kappte das Beben die Stromleitungen, die Notstromgeneratoren spülte der Tsunami fort.


Das Grollen vor der Region Tohoku war ein Schock. Niemals zuvor wurden hier derartige Spannungen an verkeilten Erdplatten registriert, die die Kruste auf einer Länge von mindestens 400 Kilometern ruckartig zerriss. "Mit einem Beben der Magnitude 9 hat niemand gerechnet", sagt Tetsuto Kawakami von der Abteilung für Seismologie und Vulkanaktivität der JMA. Er zieht sich die Schuhe aus, bevor er das Wetter- und Erdbebenüberwachungsbüro in Tokio betritt. So ist es in vielen Büros im Land üblich.

Kawakami ist angesichts der Stärke des Bebens noch immer fassungslos. Selbst die Seismometer, die das Megabeben vor einem Jahr aufzeichneten, waren nicht darauf ausgelegt. Sie konnten nur Erschütterungen bis zu einer Magnitude von 8 erfassen, das ist zehn Mal schwächer als 9. Fälschlicherweise veröffentlichte die JMA innerhalb von drei Minuten nach Beginn der Erschütterungen die Schätzung einer Magnitude von 7,9 und warnte vor Wellen, die zwischen drei und sechs Meter hoch sein würden. Erst als das Wasser eine Stunde später aufs Land traf, wurde die Warnung auf Basis der Daten von Tsunami-Detektoren nach oben korrigiert. Für manche Küstenbewohner war dies zu spät – sie wähnten sich in Sicherheit und waren nicht sofort geflohen.

Die Katastrophe vom 11. März, 3/11 wie sie Japaner auch nennen, ist dabei nur der vorläufige Höhepunkt einer Erkenntnis, die Erdbebenforscher beunruhigt. Nichts scheint mehr sicher. Fünf Beben der Magnitude 8,5 oder darüber hat es weltweit seit dem verheerenden 9,2-Beben vor Sumatra an Weihnachten 2004 gegeben. "Fast alle jüngsten Ereignisse haben einige der Theorien zunichte gemacht, die erklären, wo und wann Erdbeben auftreten können", schreibt der Seismologe Thorne Lay von der Universität von Kalifornien Santa Cruz im Magazin Nature .