Das Forschungsschiff "Sonne" (Archivfoto) © RF Forschungsschifffahrt

ZEIT ONLINE: Herr Wefer, das Erdbeben vor Japans Hauptinsel Honshu vor einem Jahr war das gewaltigste, dass jemals in der Region aufgezeichnet worden ist. Sie suchen nun nach den Spuren des Megabebens auf dem Meeresgrund. Warum?

Gerold Wefer: Wir wollen möglichst genau herausbekommen, welche Erdbewegungen dieses Beben am Kontinentalhang ausgelöst hat. Je besser wir verstehen, was sich am Meeresgrund abgespielt hat, desto eher könnte man abschätzen, welche anderen Regionen gefährdet sind.

ZEIT ONLINE: Was wissen Forscher bislang darüber, was sich rund 130 Kilometer vor der Küste am 11. März abgespielt hat?

Wefer: In kürzester Zeit ist die Erdkruste auf einer Länge von 400 Kilometern aufgerissen. Riesige Teile der Küste wurden ruckartig versetzt, an manchen Stellen um rund 50 Meter. Zudem hob sich der Meeresboden auf einer Fläche so groß wie Schleswig-Holstein um bis zu fünf Meter an. In den Tiefseegraben vor der Küste rutschten riesige Sedimentmassen. Das muss man sich ähnlich wie etwa Hangrutschungen in den Alpen vorstellen, nur unter dem Meer in bis zu 7.700 Metern Tiefe.

ZEIT ONLINE: Sie werden rund einen Monat auf dem Meer unterwegs sein. Was für Untersuchungen sind geplant?

Wefer: Mit dem Forschungsschiff Sonne sind wir zusammen mit japanischen Wissenschaftlern zweimal rund zwei Wochen unterwegs. Wir wollen die Auswirkungen des Bebens genau studieren und erkunden, wie sich etwa der Kontinentalhang verändert hat.

Im Untersuchungsgebiet haben die Japaner bereits 1999 und 2004 Vermessungen durchgeführt. Diese Bereiche werden wir erneut abfahren. Der Vergleich der Daten wird uns zeigen, was sich dort unten getan hat. Zudem wird das autonome Tauchfahrzeug MARUM-SEAL mit seinem Fächerecholot den Meeresgrund abtasten und genau kartieren.

ZEIT ONLINE : Neben diesen Kartierungen wollen Sie auch Messinstrumente am Meeresboden installieren.

Wefer : Ja, vor Japans Ostküste gibt es bereits zwei abgeteufte Bohrlöcher, in denen Messgeräte hängen. Die wurden bereits vor Jahren dort installiert, um Erdbeben zu registrieren. Leider sind die Registriereinheiten nach 2009 nicht mehr installiert worden. Schwerpunktmäßig hatten die Japaner in den vergangenen Jahren eher das Gebiet südlich von Tokio im Blick. Niemand hat erwartet, dass ein Megabeben der Stärke 9 überhaupt auftreten könne, noch dazu an dieser Stelle. Mit unserem Tauchroboter MARUM-QUEST werden wir zuerst nachschauen, ob die Tiefsee-Observatorien noch intakt sind und danach Registriergeräte in etwa 2.200 und 2.600 Metern Tiefe installieren. Künftige Nachbeben und weitere Erdverschiebungen lassen sich dann registrieren.