Forschungsexpedition"Der Versuch zu verstehen, wie ein Megabeben entsteht"

Derzeit kartieren deutsche und japanische Forscher im Meer die Spuren des Jahrtausendbebens vom 11. März. Expeditionsleiter G. Wefer erzählt, wonach Tauchroboter fahnden. von 

Das Forschungsschiff SONNE (Archivfoto)

Das Forschungsschiff "Sonne" (Archivfoto)  |  © RF Forschungsschifffahrt

ZEIT ONLINE: Herr Wefer, das Erdbeben vor Japans Hauptinsel Honshu vor einem Jahr war das gewaltigste, dass jemals in der Region aufgezeichnet worden ist. Sie suchen nun nach den Spuren des Megabebens auf dem Meeresgrund. Warum?

Gerold Wefer: Wir wollen möglichst genau herausbekommen, welche Erdbewegungen dieses Beben am Kontinentalhang ausgelöst hat. Je besser wir verstehen, was sich am Meeresgrund abgespielt hat, desto eher könnte man abschätzen, welche anderen Regionen gefährdet sind.

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ZEIT ONLINE: Was wissen Forscher bislang darüber, was sich rund 130 Kilometer vor der Küste am 11. März abgespielt hat?

Wefer: In kürzester Zeit ist die Erdkruste auf einer Länge von 400 Kilometern aufgerissen. Riesige Teile der Küste wurden ruckartig versetzt, an manchen Stellen um rund 50 Meter. Zudem hob sich der Meeresboden auf einer Fläche so groß wie Schleswig-Holstein um bis zu fünf Meter an. In den Tiefseegraben vor der Küste rutschten riesige Sedimentmassen. Das muss man sich ähnlich wie etwa Hangrutschungen in den Alpen vorstellen, nur unter dem Meer in bis zu 7.700 Metern Tiefe.

Japans Katastrophe
Tage am Abgrund nach Beben, Tsunami und GAU
11. März 2011, 14.46 Uhr
Satellitenbild von Japan

Satellitenbild von Japan  |  © Nasa/Goddard/SeaWiFS/ORBIMAGE

Das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans erschüttert rund sechs Minuten das Land mit einer Stärke von 9,0. Das Epizentrum liegt rund 130 Kilometer vor der Ostküste der Hauptinsel Honshu. Die Auswirkungen sind dramatisch: Auf dem Meeresgrund reißt die Erdkruste auf 400 Kilometern Länge, Teile der Küste verlagern sich ruckartig um bis zu 50 Meter nach Osten. Eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein hebt sich um einige Meter an.

11. März 2011, ca. 15.40 Uhr
Zerstörung in der Stadt Natori

Zerstörung in der Stadt Natori  |  © STR/AFP/Getty Images

Ein Tsunami rast mit 800 Kilometern pro Stunde auf die Küste zu. Über zehn Meter sind die Flutwellen mancherorts hoch, an einzelnen Stellen erreichen sie fast 40 Meter. Kilometerweit dringen die Wassermassen landeinwärts. Mehr als 18.000 Menschen sterben. Ganze Städte werden ausgelöscht. Im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi fällt der Strom aus. Das Beben hat die Leitungen gekappt, der Tsunami Dieselgeneratoren überspült.

11. März 2011, 16.30 bis 20.30 Uhr
Das AKW Fukushima am 12. März 2011

Das AKW Fukushima am 12. März 2011  |  © STR/AFP/Getty Images

Die Wasserkühlung zweier Reaktoren des Kraftwerks Fukushima-Daiichi ist ausgefallen. Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan sagt, die Lage in den 54 Reaktoren des Landes sei stabil, weil sie sofort nach dem Beben automatisch heruntergefahren wurden. Um 20.30 Uhr muss die Regierung dann für Fukushima-Daiichi den atomaren Notfall verkünden. Etwa 2.000 Bewohner in der Umgebung werden aufgefordert, sofort ihre Häuser zu verlassen.

12. März 2011, morgens
Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.

Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.  |  © STR/AFP/Getty Images.jpg

Nach Strahlenmessungen am Kernkraftwerk wird die Evakuierungszone vergrößert. Mindestens 60.000 Personen sind auf der Flucht. Ministerpräsident Kan fliegt im Hubschrauber nach Fukushima, um sich ein Bild der Lage zu machen. Im AKW lassen Ingenieure Dampf durch die Notventile ab, um den Druck in den Reaktorbehältern zu senken. Inzwischen kocht das Wasser in den Notkühlbecken.

12. März 2011, 15.36 Uhr
Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.

Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.  |  © Park Ji-Hwan/AFP/Getty Images

In Fukushima-Daiichi entzündet sich Wasserstoff und zerfetzt die Außenhülle von Reaktor 1. Ohne Strom für die Pumpen, die den Kühlkreislauf antreiben, waren Temperatur und Druck zu stark angestiegen. Trotz Abschaltung des Blocks begannen so die Brennstäbe zu glühen, Wasser verdampfte und Wasserstoffgas bildete sich, während der Reaktorkern schmolz. Japan und die Welt fürchten die atomare Apokalypse.

13. März 2011
Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.

Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.  |  © JIJI PRESS/AFP/Getty Images

In der Nähe des von Reaktor 1 in Fukushima-Daiichi wird eine vierhundertfach erhöhte Radioaktivität gemessen. Ministerpräsident Kan räumt erstmals ein, dass eine Kernschmelze möglich sei. Simulationen und Messdaten von außen bestätigen die Schmelze in den Wochen nach der Havarie. Heute ist die Ruine, die von Block 1 übrig ist, luftdicht in Plastik eingehüllt.

14. März 2011
Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.

Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.  |  © Paula Bronstein/Getty Images

Allein in der Präfektur Miyagi im Nordosten Japans werden 2.000 Tote gefunden. 390.000 Menschen sind auf der Flucht aus dem Tsunami-Katastrophengebiet, mehr als 1.400 Notlager werden eingerichtet. Inzwischen gibt es an vielen Orten kein Heizöl mehr, die Menschen frieren. Rund 400.000 Häuser sind zerstört weitere Huntertausende Gebäude beschädigt, Straßen, Zugstrecken und ganze Landstriche unpassierbar.

14. März 2011
Fallout nahe der Küste

Fallout nahe der Küste  |  © ZEIT-Grafik

Obwohl die AKW-Arbeiter die Reaktoren verzweifelt mit Meerwasser kühlen, gibt es eine weitere Wasserstoffexplosion, im Reaktor 3 von Fukushima-Daiichi. Radioaktives Material dringt nach draußen, der Großteil wird in den kommenden Tagen auf den Pazifik geweht. Doch ein Teil verbreitet sich auch über dem Festland. Die Abbildung zeigt, wo sich langlebiges Cäsium konzentriert hat (rot steht für die höchsten Strahlenwerte).

15. März 2011
Strahlenuntersuchung

Strahlenuntersuchung  |  © Issei Kato/AFP/Getty Images

Eine dritte und vierte Explosion ereignen sich in Fukushima. Das Gebäude von Reaktor 2 bleibt intakt, Wasserstoff aus Block 3 sprengt das Dach von Reaktor 4. Von vorher 800 Arbeitern bleiben etwa 40 im stockfinsteren Kraftwerk. Vergeblich hatten sie versucht, weitere Detonationen zu verhindern. Das Unglück wird als nukleares Ereignis der Stufe 6 bewertet. Einen Monat später erhält es wie Tschernobyl die Höchststufe 7: GAU.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie

Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie  |  © Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

In einem der sechs Reaktorblöcke ereignete sich offenbar eine komplette Kernschmelze, in zwei weiteren verflüssigten sich die Brennstäbe wohl mindestens zur Hälfte. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Eine Stadt in Trümmern

Eine Stadt in Trümmern  |  © Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Die Strahlenbelastung der Menschen war weit geringer als für die Bewohner von Tschernobyl. Das Strahlenschutz-Komitee der UN schätzt, dass die Zunahme der Krebsfälle nicht messbar sein wird. Das liegt vor allem daran, dass kaum radioaktives Jod von Menschen eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen worden ist. Der Tsunami hingegen tötete mehr als 18.000 Menschen. Bis heute wohnen Überlebende in provisorischen Wohnungscontainern.

ZEIT ONLINE: Sie werden rund einen Monat auf dem Meer unterwegs sein. Was für Untersuchungen sind geplant?

Wefer: Mit dem Forschungsschiff Sonne sind wir zusammen mit japanischen Wissenschaftlern zweimal rund zwei Wochen unterwegs. Wir wollen die Auswirkungen des Bebens genau studieren und erkunden, wie sich etwa der Kontinentalhang verändert hat.

Gerold Wefer
Gerold Wefer

Der Geologe ist seit 2001 Direktor des Zentrums für Marine Umweltwissenschaften (MARUM) an der Universität Bremen. Vom 8. März bis zum 6. April leitet er vor Japans Nordostküste eine Expedition mit dem Forschungsschiff Sonne, um dem Megagebeben vom 11. März 2011 nachzuspüren.

Im Untersuchungsgebiet haben die Japaner bereits 1999 und 2004 Vermessungen durchgeführt. Diese Bereiche werden wir erneut abfahren. Der Vergleich der Daten wird uns zeigen, was sich dort unten getan hat. Zudem wird das autonome Tauchfahrzeug MARUM-SEAL mit seinem Fächerecholot den Meeresgrund abtasten und genau kartieren.

ZEIT ONLINE : Neben diesen Kartierungen wollen Sie auch Messinstrumente am Meeresboden installieren.

Wefer : Ja, vor Japans Ostküste gibt es bereits zwei abgeteufte Bohrlöcher, in denen Messgeräte hängen. Die wurden bereits vor Jahren dort installiert, um Erdbeben zu registrieren. Leider sind die Registriereinheiten nach 2009 nicht mehr installiert worden. Schwerpunktmäßig hatten die Japaner in den vergangenen Jahren eher das Gebiet südlich von Tokio im Blick. Niemand hat erwartet, dass ein Megabeben der Stärke 9 überhaupt auftreten könne, noch dazu an dieser Stelle. Mit unserem Tauchroboter MARUM-QUEST werden wir zuerst nachschauen, ob die Tiefsee-Observatorien noch intakt sind und danach Registriergeräte in etwa 2.200 und 2.600 Metern Tiefe installieren. Künftige Nachbeben und weitere Erdverschiebungen lassen sich dann registrieren.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und konstruktiv. Danke, die Redaktion/mk

  2. Ich gedenke hiermit nochmal allen Opfern der Katastrophe aus dem letzten Jahr, Ich weiß noch als wenn es gestern war, es war Freitag, und ich schaute CNBC, und sah die wellen, schreckliche erinnerung.

  3. Bitte diskutieren Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mk

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    • keibe
    • 11. März 2012 20:49 Uhr

    "Radioaktive Strahlung erreicht Kalifornien"

    http://www.n24.de/news/ne...

    Also eine Verschwörungstheorie, um das eigene Land zu schädigen und Regierungsarbeit zu erschweren.

    Sorry, Haarp ist als Ursache abgehakt.

    • keibe
    • 11. März 2012 20:49 Uhr

    "Radioaktive Strahlung erreicht Kalifornien"

    http://www.n24.de/news/ne...

    Also eine Verschwörungstheorie, um das eigene Land zu schädigen und Regierungsarbeit zu erschweren.

    Sorry, Haarp ist als Ursache abgehakt.

    • xpeten
    • 11. März 2012 23:07 Uhr

    Welch ein ignoranter Wahnsinn, da wider jede Vernunft die Atomkraft für sicher zu erklären.

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    eines Kraftwerkes hängt ab von der Qualität seiner Ausführung, Aggregate-
    redundanzen und der geografischen Lage des Bauplatzes.

  4. eines Kraftwerkes hängt ab von der Qualität seiner Ausführung, Aggregate-
    redundanzen und der geografischen Lage des Bauplatzes.

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    • xpeten
    • 12. März 2012 14:31 Uhr

    Dann nennen Sie mir doch bitte einmal eines, welches aufgrund der von Ihnen genannten Kriterien als sicher einzuschätzen ist.

    Eines reicht schon...

  5. ich finde es sehr schade, dass kommentare entfernt wurden...
    so kann man nämlich nicht wirklich nachvollziehen, wie die mitforisten von erdbeben auf kernkraftwerk kommen... und ja kommentar beschreibt es recht gut in 2 zeilen...

    • xpeten
    • 12. März 2012 14:31 Uhr

    Dann nennen Sie mir doch bitte einmal eines, welches aufgrund der von Ihnen genannten Kriterien als sicher einzuschätzen ist.

    Eines reicht schon...

    Antwort auf "Die Sicherheit ..."
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    HH-Moorburg, HH-Tiefstack, Wedel.

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