ZEIT ONLINE: Herr Stocker, jahrelang haben bei schweren Stürmen oder Hochwassern immer alle gefragt: Ist das jetzt schon der Klimawandel ? Lässt sich diese Frage jetzt mit SREX beantworten?

Thomas Stocker: Das ist einer der Aspekte, die wir uns angeschaut haben. Aber nur für wenige Typen von extremen Wetterereignissen ist diese Zuordnung zum menschgemachten Klimawandel möglich, etwa bei extrem kalten und warmen Tagen im Verlauf eines Jahres. Für viele andere reicht die Datenlage und das Modellverständnis nicht aus.

ZEIT ONLINE: Die physikalischen Grundlagen gelten als der am besten verstandene Teil der Klimaforschung . Auf ihrer Basis traut man sich Trendrechnungen und Prognosen zu. Sind meteorologische Extreme nicht etwas völlig anderes, da sie außerhalb von Trend, Wahrscheinlichkeit und statistischem Mittel liegen?

Stocker: Nur zum Teil! Es ist korrekt, dass die Extremereignisse wohl das schwierigste Themenfeld auf dem Gebiet der physikalischen Grundlagen sind. Aber wenn wir zum Beispiel ein Klimamodell mit hoher Auflösung laufen lassen, dann produziert auch dieses Modell Extremereignisse wie Hitzewellen oder tropische Zyklone. So etwas können wir simulieren und auch Statistiken aufstellen, aber es ist richtig, für die Klimaphysiker und die Meteorologen ist das eine große Herausforderung.

ZEIT ONLINE: Das Autorenteam hat aus mehr als 1.000 Forschungsarbeiten den aktuellen Stand der Wissenschaft zusammengefasst . Global gesehen mit dem Ergebnis: Es wird wohl in vielen Weltgegenden länger wärmer sein . Weil der Meeresspiegel steigt , werden die Sturmfluten höher. Möglicherweise werden auch die kalten Tage zunehmen. Das klingt wenig überraschend…

Stocker: Bei Extremereignissen hilft eine Betrachtung im globalen Mittel nicht weiter. Sie treten regional und lokal auf, dem haben wir mit dem SREX -Bericht Rechnung getragen. Den mittleren Klimawandel, also die großen globalen Trends, haben wir uns ja im letzten Zustandsbericht von 2007 angeschaut. Jetzt ging es speziell um die Extreme und da ist die regionale Ausprägung von enormer Bedeutung.

ZEIT ONLINE: Viel Raum nehmen in Ihrem Bericht das Sichvorbereiten und das Sichanpassen auf künftige Extremwetter ein. Plötzlich werden da aus naturwissenschaftlichen Befunden soziale, ökonomische und politische Konsequenzen gezogen?

Stocker: Das ist zum ersten Mal ein IPCC-Bericht, in dem die verschiedenen wissenschaftlichen Gemeinschaften zusammengekommen sind. Das IPCC ist ja traditionell in drei Arbeitsgruppen organisiert. Diesmal haben wir uns zusammengerauft und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven angeschaut: Wie wirken sich Extremereignisse auf Gesellschaften und Ökosysteme aus und was können wir darüber für die Zukunft sagen? Für mich ist das ein Pionierbericht. Und es war nicht immer ganz einfach. Ganz zu Beginn mussten wir uns erst mal auf ein gemeinsames Vokabular einigen. Jeder Leser kann das in der Zusammenfassung sehen, wo wir alle wichtigen Schlüsselbegriffe dieses Berichts definieren.

ZEIT ONLINE: Im Literaturverzeichnis sieht man ebenfalls, dass auch graue Literatur ausgewertet wurde, solche also, die ohne Begutachtung veröffentlicht worden ist. In der Vergangenheit sind über solche Quellen Fehler in IPCC-Berichte gelangt . Ist das ein Schwachpunkt?

Stocker: Natürlich muss man robuste Resultate auf wissenschaftliche Literatur stützen. Aber in manchen Themenbereichen – bei den Extremereignissen sind das vor allem regionale oder lokale Begebenheiten – kann man sich eben kaum auf geprüfte Veröffentlichungen stützen, sondern ist auf Informationen beispielsweise aus Berichten nationaler Behörden angewiesen. Diese Daten sind nicht a priori unzuverlässig. Aber die Autorenteams müssen sehr großen Wert darauf legen, alle Angaben anhand unabhängiger Quellen zu überprüfen. Wir sind noch einen Schritt weiter gegangen und machen der breiten Öffentlichkeit solche Quellen zugänglich, damit jeder Leser auch direkten Zugriff auf diese Dokumente hat.