Weltklimarat-Bericht : "Wetterextreme lassen sich global nicht mitteln"

Thomas Stocker hat am Extremwetter-Bericht des IPCC mitgewirkt. Im Interview erklärt er, warum der Zusammenhang zwischen Klima und Wetter so schwer zu beweisen ist.

ZEIT ONLINE: Herr Stocker, jahrelang haben bei schweren Stürmen oder Hochwassern immer alle gefragt: Ist das jetzt schon der Klimawandel ? Lässt sich diese Frage jetzt mit SREX beantworten?

Thomas Stocker: Das ist einer der Aspekte, die wir uns angeschaut haben. Aber nur für wenige Typen von extremen Wetterereignissen ist diese Zuordnung zum menschgemachten Klimawandel möglich, etwa bei extrem kalten und warmen Tagen im Verlauf eines Jahres. Für viele andere reicht die Datenlage und das Modellverständnis nicht aus.

ZEIT ONLINE: Die physikalischen Grundlagen gelten als der am besten verstandene Teil der Klimaforschung . Auf ihrer Basis traut man sich Trendrechnungen und Prognosen zu. Sind meteorologische Extreme nicht etwas völlig anderes, da sie außerhalb von Trend, Wahrscheinlichkeit und statistischem Mittel liegen?

Thomas Stocker

Der Umweltphysiker Thomas Stocker ist Kopräsident einer der drei Arbeitsgruppen des Weltklimarates (IPCC). Außerdem leitet Stocker die Abteilung für Klima- und Umweltphysik an der Universität Bern.
 

Stocker: Nur zum Teil! Es ist korrekt, dass die Extremereignisse wohl das schwierigste Themenfeld auf dem Gebiet der physikalischen Grundlagen sind. Aber wenn wir zum Beispiel ein Klimamodell mit hoher Auflösung laufen lassen, dann produziert auch dieses Modell Extremereignisse wie Hitzewellen oder tropische Zyklone. So etwas können wir simulieren und auch Statistiken aufstellen, aber es ist richtig, für die Klimaphysiker und die Meteorologen ist das eine große Herausforderung.

ZEIT ONLINE: Das Autorenteam hat aus mehr als 1.000 Forschungsarbeiten den aktuellen Stand der Wissenschaft zusammengefasst . Global gesehen mit dem Ergebnis: Es wird wohl in vielen Weltgegenden länger wärmer sein . Weil der Meeresspiegel steigt , werden die Sturmfluten höher. Möglicherweise werden auch die kalten Tage zunehmen. Das klingt wenig überraschend…

Stocker: Bei Extremereignissen hilft eine Betrachtung im globalen Mittel nicht weiter. Sie treten regional und lokal auf, dem haben wir mit dem SREX -Bericht Rechnung getragen. Den mittleren Klimawandel, also die großen globalen Trends, haben wir uns ja im letzten Zustandsbericht von 2007 angeschaut. Jetzt ging es speziell um die Extreme und da ist die regionale Ausprägung von enormer Bedeutung.

ZEIT ONLINE: Viel Raum nehmen in Ihrem Bericht das Sichvorbereiten und das Sichanpassen auf künftige Extremwetter ein. Plötzlich werden da aus naturwissenschaftlichen Befunden soziale, ökonomische und politische Konsequenzen gezogen?

Stocker: Das ist zum ersten Mal ein IPCC-Bericht, in dem die verschiedenen wissenschaftlichen Gemeinschaften zusammengekommen sind. Das IPCC ist ja traditionell in drei Arbeitsgruppen organisiert. Diesmal haben wir uns zusammengerauft und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven angeschaut: Wie wirken sich Extremereignisse auf Gesellschaften und Ökosysteme aus und was können wir darüber für die Zukunft sagen? Für mich ist das ein Pionierbericht. Und es war nicht immer ganz einfach. Ganz zu Beginn mussten wir uns erst mal auf ein gemeinsames Vokabular einigen. Jeder Leser kann das in der Zusammenfassung sehen, wo wir alle wichtigen Schlüsselbegriffe dieses Berichts definieren.

ZEIT ONLINE: Im Literaturverzeichnis sieht man ebenfalls, dass auch graue Literatur ausgewertet wurde, solche also, die ohne Begutachtung veröffentlicht worden ist. In der Vergangenheit sind über solche Quellen Fehler in IPCC-Berichte gelangt . Ist das ein Schwachpunkt?

Stocker: Natürlich muss man robuste Resultate auf wissenschaftliche Literatur stützen. Aber in manchen Themenbereichen – bei den Extremereignissen sind das vor allem regionale oder lokale Begebenheiten – kann man sich eben kaum auf geprüfte Veröffentlichungen stützen, sondern ist auf Informationen beispielsweise aus Berichten nationaler Behörden angewiesen. Diese Daten sind nicht a priori unzuverlässig. Aber die Autorenteams müssen sehr großen Wert darauf legen, alle Angaben anhand unabhängiger Quellen zu überprüfen. Wir sind noch einen Schritt weiter gegangen und machen der breiten Öffentlichkeit solche Quellen zugänglich, damit jeder Leser auch direkten Zugriff auf diese Dokumente hat.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Klima zum Xten

Alle 20 000 Jahre ergrünt die Sahara, man vermutet aufgrund der Schwankung der Erdachse. Was das für Auswirkungen auf das Erdklima haben wird , oh,oh.
Wenn die Nordhalbkugel mehr Monsumregenfälle erhält, dann fehlen diese auf der Südhalbkugel; oh.oh.
Dazu die Sonneneruptionen, kosmische Explosionen und Vulkane, Magnetfeldumkehr und dann noch CO2, Nitratdüngung, Methankühe.
Da ist es wohl besser, wir schaffen uns unsere eigene Welt und wandern aus.

Wo soll auch der Sinn zu finden sein?

Das Auftreten von Extremereignissen kann nur im Kontext der betroffenen Region einer Klimazone zweckmäßig betrachtet werden.

Aber was will man erwarten, wenn schon nach "dem Klimawandel" gefragt wird???

Müsste hier die Frage nicht eher lauten: "wie kann man einen anthropogenen Anteil in den geogenen Vorgängen mit möglichen Größenordnungen einer Veränderung erkennnen?

Denn endlich können Hypothesen mal an z.T. hochauflösbaren Regionaldaten falsifiziert werden!

Oder möchte jemand angesichts des Informationspotenzials das aus Messungen möglich ist (nicht bloß Niederschläge und HW)davon Abstand nehmen?

Die wissenschaftlichen Werkzeuge gibt es seit Jahrzehnten!

MFg Karl Müller

Zitat aus dem IPCC SRX Report

"Einige Autoren meinen, ein Klimawechsel-Signal in den Schadenszahlen finden zu können, aber ihre Arbeiten sind eher Besprechungen und Kommentare als empirische Forschung ..."

Und jetzt lesen wir mal, was die Medien in den letzten Monaten bei besonderen Wetterereignissen geschrieben haben und noch schreiben werden.