Das unterschätzte TierKrill ist mehr als was der Wal frisst

Der Antarktische Krill ist nicht bloß leichte Beute für Wale: Er hält das Leben im Südpolarmeer in Schwung und überzeugt mit beispielhafter Anpassung. von 

Antarktischer Krill

Nahaufnahme eines antarktischen Krills  |  © CC BY-SA 3.0/Uwe Kils/wikipedia

Rund 80 Jahre lang schenkten Fischer und Forscher dem Antarktischen Krill ( Euphausia superba ) nicht um seiner selbst Willen Aufmerksamkeit. Sie widmeten sich den Schwärmen aus Kleinkrebsen nur, weil diese Walen als Nahrung dienen. Die Idee war simpel: Man wollte die Verhaltensweisen der Meeressäuger-Leibspeise erforschen, um so indirekt das Leben der heiß begehrten Tran- und Fleischquellen kennenzulernen. So erstaunt auch ihr Name nicht: Das Wort "Krill" ist norwegischen Ursprungs und bedeutet soviel wie "was der Wal frisst".

Also einfach nur Walfutter. Als ob das die einzige Leistung des Krills wäre. Zumal kein Wal von ein paar der rund zwei Gramm leichten Krebschen satt werden würde. Nur in Massen liefern sie genug Protein.

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Zugegeben, die Krillschwärme sind der Knotenpunkt im Nahrungsnetz der südpolaren Gewässer. Zahlreiche Robben-, Fisch- und Vogelarten sind nahezu völlig von ihnen abhängig. Gleichzeitig ernähren sich die Weidetiere selbst äußerst energieeffizient von anderen Planktonorganismen und halten so das Ökosystem in den kalten Fluten der Antarktis am Laufen.

Ihr gesamtes Dasein lang schwimmen die Tiere dafür um ihr Leben. Stünden die Kleinkrebse still, würden sie auf den Boden sinken. Mit bis zu 0,15 Metern pro Sekunde rasen die Leuchtgarnelen mitunter blau glühend durch die eisigen Fluten. Und wenn die Wirbellosen vor Fressfeinden im Rückwärtsgang fliehen, legen sie bei Höchstleistungen sogar 0,6 Meter pro Sekunde zurück. Angesichts der geringen Größe der Krebse sind das erstaunliche Geschwindigkeiten. Doch um vor einem hungrigen Wal erfolgreich zu fliehen, sind sie dann doch nicht schnell genug: 30 Meter große Wale schwimmen bei der Nahrungsaufnahme bis zu 1,8 Meter pro Sekunde. Und die Mundhöhle eines Blauwals ist gut sechs Meter lang, sein Magen für bis zu zwei Tonnen Krill ausgelegt.

Verbreitung des Krill

Weltweit gibt es insgesamt 85 Krill-Arten. Der Antarktische Krill (Euphausia superba) ist die wohl bekannteste. Die Leuchtgarnelen werden bis zu 68 Millimeter groß und gehören zu den Krebstieren. Sie leben in den Gewässern um die Antarktis, dem Südlichen Ozean. Pro Kubikmeter Wasser können sich dort 10.000 bis 30.000 der wirbellosen Geschöpfe tummeln.

Die Tiere fressen Mikroalgen und Zooplankton, wie Ruderfußkrebse. Seine Nahrung filtert Euphausia superba zum einen aus dem Wasser, zum anderen weidet er an der Unterseite des Meereises und frisst am Meeresboden in bis zu 1000 Metern Tiefe.

Fortpflanzung

Während die Tiere im harten antarktischen Winter ihre Körperfunktionen herunterfahren, pflanzen sie sich in den Sommermonaten, also grob zwischen Dezember und März, fort. In dieser Zeit legen die Weibchen bis zu 10.000 Eier, die mehr als einen Kilometer tief sinken können. Nach dem Schlüpfen durchlaufen die Wirbellosen mehrere Larvenstadien, bis sie sich nach sechs Monaten zum Jungtier entwickelt haben.

Erst ab dem zweiten Lebensjahr sind die Weibchen geschlechtsreif, Männchen ab dem dritten. Das ist recht spät, wenn man bedenkt, dass sie nur fünf bis sieben Jahre leben – was für einen Planktonorganismus allerdings ungewöhnlich lang ist.

Letztendlich ist es zum einen die Existenz in der Gruppe, die die wuseligen Winzlinge stark macht. Ein Krill kommt nämlich nur selten allein – oder besser gesagt gar nicht. Wie Forscher heute schätzen, liegt der Krillbestand im Südpolarmeer zwischen 100 und 500 Millionen Tonnen. Das ist bis zu fünf Mal so viel wie weltweit jährlich an Fisch und Schalentieren gefangen wird. Einzelne Schwärme können so riesig sein, dass sie das Wasser der Antarktis in den Sommermonaten rot erscheinen lassen. Sie können sich über eine Fläche von rund 470 Quadratkilometern erstrecken; da passt flächenmäßig das gesamte Fürstentum Andorra hinein.

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Zum anderen ist es die spektakuläre Anpassungsfähigkeit der Racker, die mit einer vorprogrammierten Winterdepression einhergeht. Während der Antarktische Krill im Sommer jeden Tag 24 Stunden mit Licht versorgt ist, muss er zwischen Juni und September in völliger Dunkelheit überleben. Das ist so "deprimierend", dass der Körper schrumpft, der Stoffwechsel bei den erwachsenen Tieren um bis zu 70 Prozent heruntergefahren wird. Ganz so simpel wie Forscher einst dachten, ist so ein Leben als Krill somit nicht – sondern hochkomplex. Das Forscherinteresse ist damit neu geweckt.

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Leserkommentare
    • kinnas
    • 20. März 2012 8:00 Uhr

    So gerne ich diese Artikel lese, was soll das?

    "Mit bis zu neun Metern pro Minute rasen die Leuchtgarnelen mitunter blau glühend durch die eisigen Fluten. Zum Vergleich: Ein 30 Meter großer Wal schwimmt im Schnitt fünf bis sieben Kilometer pro Stunde. Und wenn die Wirbellosen vor Fressfeinden im Rückwärtsgang fliehen, legen sie bei Höchstleistungen sogar 60 Zentimeter pro Sekunde zurück"

    Da muss jetzt also jeder, der wirklich vergleichen will erstmal rumrechnen. Super..

    9m/min=9/60m/s=0,15m/s
    6km/h~1,7m/s
    60cm/s=0,6m/s

    Jetzt kann man tatsächlich vergleichen. Warum nicht gleich die vergleichbaren Zahlem im Text? Das würde mich wirklich brennend interessieren!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber Leser,

    auch wenn mancher Leser vielleicht Spaß an so einer unfreiwilligen Textaufgabe hat, haben Sie natürlich Recht - die angegebenen Geschwindigkeiten sollten vergleichbar sein. Leider hatten wir das in diesem Fall am Ende beim Redigieren übersehen. Jetzt wurde der Text entsprechend geändert.

    Der Autorin oder unserer Redaktion deshalb gleich Unwilligkeit oder Unfähigkeit vorzuwerfen, finde ich allerdings nicht angemessen.

    Herzliche Grüße aus der Wissenschaftsredaktion.

  1. ty kinnas, is mir auch aufgefallen... der Autor wollte wohl mal ein paar geschwindigkeitsangaben ausprobiern...;)

    nur jmd der ständig mit solchen zahlen zu tun hat und die umrechnungsfaktoren im Gefühl hat kann mit den geschwindigkeitsangaben beim lesen was anfangen... alle anderen dürfen erst mal anfangen zu rechnen... das schneidet das lesevergnügen maßgeblich...

    wenn wir sowas in der uni abgeben würden, "wüsste ich auch nicht was passiert", da man das auf der einen seite schon immer ausm gefühl heraus Werte in der gliechen form darstellt um selbst zu sehen ob das hinkommen kann und auf der anderen seite die übersicht nicht zu verlieren. Außerdem den Prof. nicht von vorherein abzuschrecken.

  2. Redaktion

    Lieber Leser,

    auch wenn mancher Leser vielleicht Spaß an so einer unfreiwilligen Textaufgabe hat, haben Sie natürlich Recht - die angegebenen Geschwindigkeiten sollten vergleichbar sein. Leider hatten wir das in diesem Fall am Ende beim Redigieren übersehen. Jetzt wurde der Text entsprechend geändert.

    Der Autorin oder unserer Redaktion deshalb gleich Unwilligkeit oder Unfähigkeit vorzuwerfen, finde ich allerdings nicht angemessen.

    Herzliche Grüße aus der Wissenschaftsredaktion.

  3. ... hört sich der Text nicht gerade wie ein Bericht aus dem Tierreich, sondern wie das Bewerbungsschreiben eines Minishrimps an.

    Muss uns Krill wirklich "überzeugen" und hochmotiviert herum"rasen"? ;-)

    • kinnas
    • 20. März 2012 10:33 Uhr

    "Der Autorin oder unserer Redaktion deshalb gleich Unwilligkeit oder Unfähigkeit vorzuwerfen, finde ich allerdings nicht angemessen."

    Da haben sie Recht, ich habe das im Affekt geschrieben. Und in dem Moment die Alternative "Vergessen" übersehen.

    Ich bitte um Entschuldigung. Wie oben ja auch geschrieben finde ich diese Kollumne der ZEIT sehr lesenswert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Und einen schönen Abend.

  4. Guten Tag Hr. Dr. Ralf Hettich,

    vielen Dank für Ihre beiden Kommentare. Eine wuderbare Ergänzung zum Artikel.

    :D

    Mit freundlichem Gruß
    Stevie

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Blauwal | Flut | Krebs | Reptil | Robbe | Tier
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