Rund 80 Jahre lang schenkten Fischer und Forscher dem Antarktischen Krill ( Euphausia superba ) nicht um seiner selbst Willen Aufmerksamkeit. Sie widmeten sich den Schwärmen aus Kleinkrebsen nur, weil diese Walen als Nahrung dienen. Die Idee war simpel: Man wollte die Verhaltensweisen der Meeressäuger-Leibspeise erforschen, um so indirekt das Leben der heiß begehrten Tran- und Fleischquellen kennenzulernen. So erstaunt auch ihr Name nicht: Das Wort "Krill" ist norwegischen Ursprungs und bedeutet soviel wie "was der Wal frisst".

Also einfach nur Walfutter. Als ob das die einzige Leistung des Krills wäre. Zumal kein Wal von ein paar der rund zwei Gramm leichten Krebschen satt werden würde. Nur in Massen liefern sie genug Protein.

Zugegeben, die Krillschwärme sind der Knotenpunkt im Nahrungsnetz der südpolaren Gewässer. Zahlreiche Robben-, Fisch- und Vogelarten sind nahezu völlig von ihnen abhängig. Gleichzeitig ernähren sich die Weidetiere selbst äußerst energieeffizient von anderen Planktonorganismen und halten so das Ökosystem in den kalten Fluten der Antarktis am Laufen.

Sind Reptilien doof? Und wie wehrt sich die Seegurke? Alle Folgen unserer Serie über unterschätzte Tiere.© David Loh/Reuters

Ihr gesamtes Dasein lang schwimmen die Tiere dafür um ihr Leben. Stünden die Kleinkrebse still, würden sie auf den Boden sinken. Mit bis zu 0,15 Metern pro Sekunde rasen die Leuchtgarnelen mitunter blau glühend durch die eisigen Fluten. Und wenn die Wirbellosen vor Fressfeinden im Rückwärtsgang fliehen, legen sie bei Höchstleistungen sogar 0,6 Meter pro Sekunde zurück. Angesichts der geringen Größe der Krebse sind das erstaunliche Geschwindigkeiten. Doch um vor einem hungrigen Wal erfolgreich zu fliehen, sind sie dann doch nicht schnell genug: 30 Meter große Wale schwimmen bei der Nahrungsaufnahme bis zu 1,8 Meter pro Sekunde. Und die Mundhöhle eines Blauwals ist gut sechs Meter lang, sein Magen für bis zu zwei Tonnen Krill ausgelegt.

Letztendlich ist es zum einen die Existenz in der Gruppe, die die wuseligen Winzlinge stark macht. Ein Krill kommt nämlich nur selten allein – oder besser gesagt gar nicht. Wie Forscher heute schätzen, liegt der Krillbestand im Südpolarmeer zwischen 100 und 500 Millionen Tonnen. Das ist bis zu fünf Mal so viel wie weltweit jährlich an Fisch und Schalentieren gefangen wird. Einzelne Schwärme können so riesig sein, dass sie das Wasser der Antarktis in den Sommermonaten rot erscheinen lassen. Sie können sich über eine Fläche von rund 470 Quadratkilometern erstrecken; da passt flächenmäßig das gesamte Fürstentum Andorra hinein.

Zum anderen ist es die spektakuläre Anpassungsfähigkeit der Racker, die mit einer vorprogrammierten Winterdepression einhergeht. Während der Antarktische Krill im Sommer jeden Tag 24 Stunden mit Licht versorgt ist, muss er zwischen Juni und September in völliger Dunkelheit überleben. Das ist so "deprimierend", dass der Körper schrumpft, der Stoffwechsel bei den erwachsenen Tieren um bis zu 70 Prozent heruntergefahren wird. Ganz so simpel wie Forscher einst dachten, ist so ein Leben als Krill somit nicht – sondern hochkomplex. Das Forscherinteresse ist damit neu geweckt.