Das unterschätzte TierMit Borstenradar im Trüben fischen

Ihr unauffälliger Bart macht Seehunde zu Spürnasen unter Wasser. Bioniker träumen von Messgeräten nach dem Vorbild der besonders gebauten Seehundhaare. von Ulrike Gebhardt

Junge Seehunde in einem Becken der Seehundaufzuchtstation im schleswig-holsteinischen Friedrichskoog

Junge Seehunde in einem Becken der Seehundaufzuchtstation im schleswig-holsteinischen Friedrichskoog  |  © Carsten Rehder/dpa

Auf einem Bartträgerwettbewerb wären Seehunde chancenlos. Wo unter Männern gekringelte Oberlippenpracht, kreativer Flächenwuchs oder bauschige Gesichtsbehaarung punkten, hat Phoca vitulina wenig zu bieten. Seine Barthaare können bei derlei Eitelkeiten nicht mithalten. Im Tierreich zählen innere Werte. Und die haben es bei den filigranen Borsten der Seehunde in sich.

Die Säuger benutzen ihre bis zu 20 Zentimeter langen Barthaare, um sich zu orientieren und Informationen der Umwelt aufzunehmen. Ähnlich wie Katzen und nachtaktive Nager sich mit ihren Schnurrhaaren durchs Dunkel tasten, muss auch der Seehund im Wasser dank seiner Sinneshaare nicht im Trüben fischen. Auf der Jagd nach Hering, Dorsch und Plattfisch spürt er die typischen Wasserverwirbelungen, die seine Beute auslöst. Bei schlechter Sicht in tiefen Gewässern ist das sehr hilfreich.

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Die Barthaare nützen dem Seehund dabei nicht nur in ruhiger Wartestellung, sondern auch, wenn er mit beachtlicher Geschwindigkeit durch das Wasser flitzt. Eigentlich müsste es dann allein durch die Eigenbewegung zu Wasserverwirbelungen auf den Barthaaren kommen, was die Messung stören würde. Doch die Barthaare sind raffiniert geformt, sodass sie nur auf die Wirbelspuren ansprechen, die von außen auftreffen: Diese können durch rasch fliehende Beutetiere, aber natürlich auch durch Artgenossen ausgelöst werden.

Seehund

Fünf Unterarten des Seehundes (Phoca vitulina) bevölkern die Meere der nördlichen Hemisphäre. Die grau-weiß gefleckten Tiere werden 150 bis 200 Zentimeter lang und leben in lockeren Gruppen besonders an Flachküsten des Meeres, wo sie sich von Küstenfischen ernähren. Seehunde der norddeutschen Küsten zieht es bevorzugt auf die Sandbänke in der Nordsee und vereinzelt an einige Strände der Ostsee. Wer selbst einmal die erstaunliche Umwandlung eines sich faul in der Sonne aalenden Seehundes in einen geschickten Unterwasserjäger beobachten will, dem sei ein Besuch der Robbenstation in Warnemünde empfohlen. Hier kann man auf Nachfrage mit den eigenen Fingern auch die besondere Gestaltung des Seehundbarthaares ertasten.

Wie Forscher des Robbenforschungszentrums der Universität Rostock herausgefunden haben, ist das Seehundbarthaar zu diesem Zweck wellenförmig, zwischen einem und drei Millimetern dick, und seitlich abgeflacht gestaltet. Es kann dadurch abgewinkelt, nahezu senkrecht zur Schwimmrichtung aufgestellt werden, ohne dass es sich beim Gleiten durch die Fluten wesentlich verbiegt.

Auch vibrieren die Barthaare trotz des rasch vorbeiströmenden Wassers nicht. Ein solches Flattern würde die Wahrnehmung des Seehundes stören. Schließlich sind die Barthaare "struppige Sensibelchen", die schon dann ansprechen, wenn die Borste nur rund einen Mikrometer aus ihrer ursprünglichen Position heraus bewegt wird. Jedes Sinneshaar ist jeweils von mehr als 1.000 Nerven umgeben, die den gemessenen Impuls rasch an das Gehirn weitermelden.

Aus diesen Meldungen kann der Seehund genaue Informationen gewinnen. So erkennt das Tier nicht nur, dass "da vorne irgendwelche Fische schwimmen". Durch die typischen Wasserbewegungen, die das verfolgte Objekt je nach Größe und Form auslöst, kann der Seehund im Experiment Größenunterschiede von bis zu vier Zentimetern ausmachen . Außerdem registrieren die Sinneshaare der Seehunde leichte Strömungen selbst dann noch, wenn sie in 40 Metern Entfernung erzeugt werden oder es bereits eine halbe Minute her ist, seit ein Fisch vorbeigeschwommen ist.

Der Bauplan des Seehundbarthaares könnte zukünftig auch auf die Konstruktion von technischem Gerät abfärben. Überall dort, wo Wind und Wasser an Messinstrumenten rütteln, etwa an hohen Gebäuden, Windrädern oder Unterwasserfahrzeugen könnte eine Gestaltung nach dem Vorbild der Natur nützen, um störende Vibrationen zu vermeiden und genauer zu messen.

Menschliche Bartträger können bei derlei komplexen Stoppeln nur vor Neid erblassen. Seehundhaar kann sich auch ganz und gar ungestylt sehen – und vor allem fühlen – lassen.

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    • Serie Das unterschätzte Tier
    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Tier | Fisch | Gehirn | Jagd | Reptil | Universität Rostock
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