Ein männlicher Polarbär auf Futtersuche kehrt zurück zu einem Finnwal-Gerippe in der Holmiabukta Bucht im norwegischen Svalbard.

Ursus maritimus war der heimliche Star unter Evolutionsbiologen: Unfassbar schnell, so glaubten Forscher, hatte sich der Eisbär den eisigen Gegebenheiten der Arktis angepasst. Rund 150.000 Jahre hätte er dafür gebraucht, sich von seinem nächsten Verwandten dem Braunbären zu trennen. Evolutionsgeschichtlich kaum mehr als ein Wimpernschlag. Andere Säugetierverwandtschaften mühten sich rund eine Million Jahre. Frank Hailer und sein internationales Forscherteam haben den Mythos vom Polarbären als Meister der Anpassung nun widerlegt.

"Unsere Studie zeigt ein markant anderes Bild", sagt der Evolutionsbiologe des Frankfurter Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK F) . Im Labor verglichen er und sein Team zahlreiche Erbgutstückchen von 19 Eisbären, 18 Braun- und sieben Schwarzbären. Herausgekommen ist die bislang umfassendste genetische Analyse des Ursus maritimus . Sie ist im Magazin Science erschienen und zeigt: Eisbären tauchten bereits vor rund 600.000 Jahren auf der Erde auf. "Die Tiere sind ein ganz eigener Ast im Stammbaum der Bären", sagt Hailer.

Bislang erzählen hauptsächlich genetische Untersuchungen von den Urahnen der Polarbären. Fossilien sind von ihnen kaum erhalten, weil der zu den Raubtieren zählende Eisbär auf Meereis lebt. Entweder sind Überreste seiner Vorfahren unerreichbar auf den Grund des Polarmeeres gesunken oder wurden von brechenden Gletschern zermalmt. Die ältesten bekannten Funde sind weniger als 120.000 Jahre alt. Nur die Molekularbiologie bietet einen Ausweg. Doch auch die hat ihre Tücken.

Die Genom-Analyse hat ihre Grenzen

"Bisherige Studien haben nur kleine Teile der genomischen Information betrachtet", sagt Frank Hailer. Genetiker und Biologen hatten sich zuvor besonders auf die mitochondriale DNA (mtDNA) der Tiere konzentriert, mithin auf jene Erbgutinformation, die in den Kraftwerken der Zelle sitzt. Diese Bausteine hatten ganz andere Schlussfolgerungen unter Evolutionsbiologen herbeigeführt. "Es gibt eine Braunbärpopulation auf Inseln vor der Küste Alaskas, die aufgrund ihrer mtDNA Eisbären mehr ähnelt als anderen Braunbären", erzählt Hailer. Natürlich seien beide Arten eng miteinander verwandt und paarten sich in ihrer Evolution wohl auch miteinander, doch genetisch zeigen sie deutliche Unterschiede. "Braunbären ähneln Braunbären und Eisbären ähneln Eisbären."

Hailer und seine Forscherkollegen verwendeten deshalb nun DNA-Proben von Bärenpopulationen, die das gesamte Verbreitungsgebiet der Tiere berücksichtigt haben. Sie setzten auf DNA-Sequenzen im Zellkern. Diese neue Genom-Analyse ist verlässlicher.

Doch auch sie hat Grenzen. Wie beim menschlichen Genom, das bereits seit etwa einem Jahrzehnt sequenziert ist, finden sich im DNA-Code der Bären viele Abschnitte, die die Forscher noch nicht deuten können. "Was sie über die Geschichte des Anpassungsprozesses der Tiere verraten können, das wissen wir noch nicht", sagt Hailer. Dieser Prozess ist enorm, schließlich bekam der Bär ein weißes Fell, das sich bis über die Tatzen zieht, und er entwickelte eine Vorliebe für Seehundfleisch.