Das unterschätzte TierGrenzgänger mit Flossen

Der Schlammspringer ist schon ein merkwürdiger Fisch: Er ist lieber an Land als im Wasser und kann sogar ertrinken. Aber er hat den Panoramablick! von 

Schlammspringer im Sam Roi Yot Nationalpark, Thailand

Schlammspringer im Sam Roi Yot Nationalpark, Thailand  |  CC BY-SA 3.0 Norbert Nagel

Was für ein merkwürdiges Tier. Ein Fisch oder doch eher ein Frosch? Der breite Kopf, das wülstige Maul und die Glubschaugen wirken äußerst krötig. Wenn er mit seinem langen Hinterleib auf den Brustflossen an Land watschelt, erinnert er an eine gestrandete Kaulquappe. Und doch sagen Zoologen: Der Schlammspringer (Gattung: Periophthalmus ) ist eindeutig ein Fisch!

Dabei gefällt es ihm im Wasser nur bedingt. Im Ebbe-Schlamm fängt er seine Beute und flüchtet bei Flut schon mal auf einen Baum. Bleibt er zu lange im Wasser, droht der Schlammspringer sogar zu ersticken. Er muss regelmäßig Luft schnappen und sein Atemwasser damit anreichern. Außerdem gibt ihm die geschluckte Luft Auftrieb – als Unterstützung der Schwimmblase .

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Für sein amphibisches Doppelleben ist der kleine Kerl bestens gerüstet. Als Kiemenatmer benötigt der Schlammspringer zwingend Wasser. Zum Landgang verschließt er seine Kiemen nach außen, damit sie nicht austrocknen. Dafür trägt er – in Kammern hinter den Kiemen – einen Meerwasservorrat mit sich herum, das er mit Sauerstoff versetzt. So kann er eine ganze Zeit an Land überleben. Bis er seine Wasserreserven beim Beutefang verschluckt. Dann muss er zurück ins Meer, um die Depots wieder aufzufüllen. Auch unter den Augen hat er ein kleines Flüssigkeitsreservoir, das die empfindlichen Sehorgane schützt.

Der Schlammspringer

Schlammspringer (Periophthalmus) zählen zu den wenigen amphibisch, also im Wasser und an Land lebenden Fischen. Sie gehört zur Ordnung der Barschartigen (Perciformes) und bilden innerhalb der Familie der Grundeln (Gobiidae) die Unterfamilie der Schlammspringerverwandten (Oxudercinae). Während unechte Schlammspringern das Meer nicht verlassen, leben nur die echten Schlammspringer der Gattung Periophthalmus amphibisch.

Die Fishbase listet 18 verschiedene Periophthalmus-Arten auf. Die verschiedenen Vertreter besiedeln Mangrovenwälder und küstennahe Brackwassergebiete, die den Gezeiten ausgesetzt sind. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über tropische Gewässer vom gesamten Indopazifik, bis Nord-Australien und Westafrika. An amerikanischen Küsten sind sie nicht zu finden. Schlammspringer messen – je nach Art – zwischen 5 und 16,5 cm. Sie jagen kleine Beutetiere wie Insekten, kleine Krebse und Würmer, weiden Algenrasen ab und tun sich an Fischlarven und Nahrungspartikeln im Schlamm gütlich.

Lehrstück der Evolution

"Schlammspringerfische sind keine lebenden Fossilien am Übergang von Fischen zur Amphibien", betont der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera von der Universität Kassel. "Aber sie sind Modellorganismen, bei denen wir beobachten können, wie sich der Landgang von Wassertieren vor etwa 400 Millionen Jahren abgespielt haben könnte." Durch seinen Lebensraum im Mangrovensumpf war der Fisch darauf angewiesen auch auf dem Trockenen zu überleben. Dieser Selektionsdruck erforderte eine extreme Anpassung – nicht nur in Sachen Körperbau. Auch das Verhalten des Schlammspringers ähnelt in mancherlei Hinsicht eher Fröschen und Kröten als einem typischen Fisch. So hat Kutschera gemeinsam mit Forscherkollegen herausgefunden, dass der Atlantische Schlammspringer (Periophthalmus barbarus) seine Nahrung in Amphibienmanier erbeutet.

Hält man ihm im Experiment eine Wurmattrappe vor, die sich – ganz wurmgemäß – horizontal bewegt, so schnappt er blitzschnell zu. Wandert sie dagegen vertikal, also von unten nach oben, so zeigt der Fisch keinerlei Interesse an der möglichen Beute. "Der Schlammspringer verhält sich dabei ganz genau wie ein Frosch oder eine Kröte", sagt Kutschera. Das zeige, dass für Tiere, die vom Wasser an Land gehen, ein ganz bestimmtes Jagdverhalten von schnellem Erkennen und Zuschnappen überlebensnotwendig ist. "Wir sprechen von einer konvergenten Evolution, einem Merkmal, das im Verlauf der Evolution unabhängig voneinander bei zwei verschiedenen Organismen entstanden ist", erklärt Kutschera, der aus ganz persönlichem Interesse an diesem besonderen Fisch forscht.

Achja, die Augen! Leicht erhöht ragen sie aus dem Fischkopf. Sie lassen sich einzeln bewegen und ermöglichen einen Panorama-Blick. Und sie brachten ihm seinen wissenschaftlichen Namen ein: Periophthalmus , zu Deutsch Rundumauge. Mit diesen Augen kann der Schlammspringer wunderbar über die Wasseroberfläche glotzen, während sein Leib untergetaucht bleibt.

Aber am liebsten ist er ja sowieso an Land. Und weil er dort nicht schwimmen kann, wie es sich für einen Fisch gehört, robbt er über den Schlamm: Seine Brustflossen sind zu kleinen Ärmchen verlängert und dienen als Hebel, um den Fischkörper voranzuschieben. Soll es mal schneller gehen, stößt er sich mit der kräftigen Schwanzflosse ab und katapultiert sich in einem großen Satz nach vorne. Manche Arten nutzen zudem die Bauchflossen, um sich beim Klettern festzuhalten.

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Graben kann Periophthalmus übrigens auch – mit dem Maul. Bis zu 120 Zentimeter tiefe Wohnhöhlen buddelt er unter Wasser in den Schlick. Damit er auch zu Haus immer genügend Sauerstoff hat, schluckt er Luft und lässt sie in der Höhle wieder ab, bis sich an ihrer Decke eine Luftblase bildet. In dieses Sauerstoffreservoir legen die Schlammspringer auch ihre Eier ab, wie japanische Wissenschaftler 2009 herausfanden . Die Forscher nutzten ein Endoskop, um in die Höhlen des Malaysischen Schlammspringers ( Periophthalmodon schlosseri ) zu spähen: Die Fischeier hingen in der Blase an der Höhlendecke, also quasi in der Luft. Der Nachwuchs schlüpft, sobald er mit Wasser in Kontakt kommt. Und dafür muss so manches Schlammspringer-Elternpaar die angeschleppte Luft eigenmäulig wieder abtransportieren. Wer zwischen den Welten wandelt, hat es eben nicht leicht.

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Leserkommentare
  1. Die Schlammspringer sind in der Tat sehr interessant, jedoch wage ich zu bezweifeln dass diese eine Schwimmblase besitzen. Nicht alle Fische besitzen eine Schwimmblase und besonders bei den Gobiiden ist diese zumeist in Anpassung an die bodenbezogene Lebensweise reduziert.

  2. Der Schlammspringer hat in der Tat eine Schwimmblase - wie übrigens auch andere Grundeln. Sie ist zwar reduziert (daher auch die Unterstützung durchs Luftschnappen) aber dennoch vorhanden.

  3. Da haben wir das Glück eine Evolutionsphase mitzubekommen, zwischen "Wasser" und "Erde". Streng genommen hatten diese Phase alle Erdwesen, d.h. auch wir.

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fisch | Reptil | Tier | Wasser
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