Diese Illustration zeigt, wie die Thripse vor 100 Millionen Jahren ausgesehen haben könnten – mit Pollen im Gepäck. © Enrique Peñalver/IGME

Eingeschlossen in zwei kleinen Bernstein-Tröpfchen steckten sie: Sechs Gewittertierchen aus der Kreidezeit. Die vier Weibchen waren mit Hunderten Pollenkörnern benetzt, als sie vor rund 100 Millionen Jahren an dem Harz eines Baumes kleben blieben.

Das Unglück, das den Insekten den Tod brachte, traf sie also mitten während ihrer für die Pflanzenevolution so wichtigen Aufgabe: der Bestäubung. Die fossilen Gewittertierchen sind damit die ältesten Zeitzeugen für diese Art der Befruchtung von Pflanzen über den Umweg von Insekten.

Von der Bestäubung profitieren sowohl Tier als auch Pflanze: Während die Insekten auf Nektar, Pollen oder andere Pflanzenteile als Nahrung scharf sind, brauchen Pflanzen einen Helfer, der ihre Pollenkörner zur Befruchtung in die Blüten anderer Pflanzen bringt.

Viele Pflanzen verlassen sich dabei auf den Wind und statten ihre Samen mit Segeln oder Härchen aus. Andere setzen auf Vögel, die ihre Früchte fressen und die Samen verbreiten. Und wieder andere leben in enger Zweckgemeinschaft mit Fliegen, Bienen oder eben Gewittertierchen.

Im Synchrotronstrahler in Grenoble entstanden diese dreidimensionalen Aufnahmen der und 100 Millionen Jahre alten Gewittertierchen, an deren Härchen Pollen haften. © Carmen Soriano/ESFR

Dass das Harz, aus dem im Laufe der Jahrmillionen Bernstein wurde, die Gewittertierchen – auch Thripse genannt – für die Ewigkeit konservierte, war ein Glücksfall für die Paläontologen um Enrique Peñalver vom Institut für Geologie und Bergbau der Uni Madrid. Sie bekamen den leicht transparenten Bernstein unter ihr Mikroskop, nachdem er im Kantabrischen Gebirge in Nordspanien ausgegraben worden und so in die Sammlung des Naturkundemuseum in Àlava gelangt war. B eschrieben haben die Forscher ihre Entdeckung in der aktuellen Ausgabe des Magazins PNAS .

In einem Super-Röntgen-Apparat wurden Details der Tierchen sichtbar

Das am besten erhaltene Gewittertierchen (Ordnung: Thysanoptera, zu deutsch Fransenflügler) untersuchten die Forscher in der Europäischen Synchrotronstrahlungsanlage ESRF . Dort entstehen mithilfe bestimmter Röntgenstrahlen dreidimensionale Bilder eingegossener Fossilien. Für die Paläontologen ist der Riesenröntgenapparat in Grenoble eine häufige Anlaufstelle – denn allzu oft ist Bernstein gar nicht so transparent wie Honig, sondern völlig undurchsichtig. Viele Schätze aus vergangenen Erdzeitaltern bleiben ohne so ein Gerät unentdeckt.

Die Aufnahmen der nicht einmal zwei Millimeter langen Gewittertierchen brachten winzige Details zum Vorschein: Die Fransenflügler aus der Kreidezeit trugen spezielle ringförmig aufgebaute Härchen, an denen Pollenkörner von bestimmten Nacktsamern – vermutlich eine Ginkgo-Art – besonders gut hafteten. Die Härchen ähneln denen am Körper heute lebender Honigbienen .

Gewittertierchen-Weibchen sammelten also vermutlich schon in der Kreide genau wie heute Pollen, um damit ihre Larven zu ernähren. Pollenfressende Insekten dürfte es sogar schon vor rund 220 Millionen Jahren gegeben haben, doch zum Pollenbestäuber wurden sie erst später.

Ohne diesen wichtigen Schritt wäre die Evolution von Insekten und Pflanzen wohl ganz anders verlaufen. Prachtvolle Blüten hatten die kreidezeitlichen Ginkgos allerdings noch nicht, um die Aufmerksamkeit der Gewittertierchen zu erregen. Mit bunten Farben, Düften, köstlichem Nektar und anderen Methoden Bestäuber anlocken – das können Pflanzen erst seit rund 80 Millionen Jahren.