Eines steht schon jetzt fest: Eine subtile Angst vor den Folgen, die der GAU von Fukushima den Japanern bringt, wird bleiben – ganz gleich, welche Werte Dosimeter, Messsonden, Strahlenscanner und Computermodelle noch ausspucken werden. Der vorläufige Bericht , den die Weltgesundheitsbehörde WHO jetzt zu den Strahlendosen nach dem Atomunfall in Fukushima vorgelegt hat, wird daran kaum etwas ändern. Es fehlen Daten, und endgültige Antworten kann er nicht liefern. Und doch ist er ein Grund zur Zuversicht.

Die Autoren schließen aus ihrer Analyse, dass die große Mehrheit der Menschen nach dem GAU nur geringen Strahlendosen ausgesetzt gewesen war. Außerhalb Japans liegen sie sogar deutlich unter dem, was die internationale Strahlenschutzkommission als "sehr gering" einstuft.

Doch was bedeutet das konkret? In der Präfektur Fukushima und den umliegenden Regionen haben die Menschen Strahlung abbekommen, die unter einem Wert von 10 Millisievert im ersten Jahr nach der Reaktorkatastrophe liegt. Ähnlichen Dosen sind Menschen weltweit ständig ausgesetzt, da in der Natur unentwegt radioaktive Atome zerfallen. Wer beispielsweise in Deutschland in Regionen lebt, in denen radioaktives Radon im Boden und in der Luft häufig vorkommt , muss mit jährlichen Strahlendosen bis zu 10 Millisievert rechnen. Wer im Computertomografen untersucht wird, bekommt etwa bei Unterleibsaufnahmen sogar rund 15 Millisievert auf einmal ab.

Doch nicht alle hatten nach dem Beben und dem Stromausfall im AKW Fukushima Glück: Vergleichsweise hohen Strahlenwerten waren Menschen in Namie und Iitate ausgesetzt. Diese Städte liegen entlang der Route, in die der Wind den radioaktiven Fallout gen Nordwesten trug. Als am 12. März 2011 um 15:36 Uhr die Außenhülle des Reaktorblocks 1 von Fukushima-Daiichi explodierte, flüchteten Zehntausende in diese Richtung. Sie ahnten nicht, dass die Wolke mit radioaktiven Teilchen ihnen folgte .

Iitate liegt rund 40 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt und wurde erst Wochen nach dem GAU evakuiert. Männer und Frauen könnten hier Dosen zwischen 10 und 50 Millisievert abbekommen haben, schätzen die mehr als 30 Forscher, die an dem WHO-Bericht mitgearbeitet haben. Ab einer Dosis von 100 Millisievert stellen sich Strahlenmediziner darauf ein, dass sie Auswirkungen auf die Gesundheit nachweisen können.

Statistisch heißt das lediglich: Haben 100 Menschen eine Dosis von 100 Millisievert abbekommen, erhöht sich die Anzahl der durchschnittlich zu erwarteten Krebsfälle unter ihnen um einen. Hinzu kommt, rein rechnerisch, ein zusätzlich von einer Herz-Kreislauf-Erkrankung betroffener Mensch. 45 der 100 entwickeln in ihrem Leben ohnehin einen Tumor – ganz gleich, ob sie eine erhöhte radioaktive Strahlung getroffen hat.

Es wird mit Sicherheit Helfer geben, die bei den Rettungsarbeiten am AKW bedrohlich viel Strahlung abbekommen haben. Ob ihnen das schaden wird oder sie es wegstecken, können auch die Wissenschaftler des WHO-Berichts nicht vorhersagen. Genauso wenig, warum auch Menschen erkranken könnten, die weit geringere Radioaktivität abbekommen haben. Das ist das Tückische an Strahlenfolgen.

Zunahme von Krebsfällen wird kaum zu ermitteln sein

Computersimulationen der Wissenschaftler zeigen zudem, dass Kleinkinder in der Stadt Namie möglicherweise radioaktives Jod einatmeten, was ihre Schilddrüsen mit Strahlendosen zwischen 100 und 200 Millisievert belastet haben könnte. Konkrete Untersuchungen widersprechen  dem allerdings: Zwei Wochen nach dem GAU wurden 1.080 Kinder aus Namie untersucht . Bei allen wurden Werte unterhalb von 10 Millisievert gemessen. Bei einem Kind ermittelten die Mediziner eine Dosis von etwa 50 Millisievert. Das ist noch immer ein Hundertstel jener Strahlenbelastung, der Kinder 1986 in Tschernobyl ausgesetzt waren.