Arbeiter des AKW-Betreibers Tepco stehen Ende Februar 2012 vor den havarierten Reaktoren von Fukushima-Daiichi. © Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

Eines steht schon jetzt fest: Eine subtile Angst vor den Folgen, die der GAU von Fukushima den Japanern bringt, wird bleiben – ganz gleich, welche Werte Dosimeter, Messsonden, Strahlenscanner und Computermodelle noch ausspucken werden. Der vorläufige Bericht , den die Weltgesundheitsbehörde WHO jetzt zu den Strahlendosen nach dem Atomunfall in Fukushima vorgelegt hat, wird daran kaum etwas ändern. Es fehlen Daten, und endgültige Antworten kann er nicht liefern. Und doch ist er ein Grund zur Zuversicht.

Die Autoren schließen aus ihrer Analyse, dass die große Mehrheit der Menschen nach dem GAU nur geringen Strahlendosen ausgesetzt gewesen war. Außerhalb Japans liegen sie sogar deutlich unter dem, was die internationale Strahlenschutzkommission als "sehr gering" einstuft.

Doch was bedeutet das konkret? In der Präfektur Fukushima und den umliegenden Regionen haben die Menschen Strahlung abbekommen, die unter einem Wert von 10 Millisievert im ersten Jahr nach der Reaktorkatastrophe liegt. Ähnlichen Dosen sind Menschen weltweit ständig ausgesetzt, da in der Natur unentwegt radioaktive Atome zerfallen. Wer beispielsweise in Deutschland in Regionen lebt, in denen radioaktives Radon im Boden und in der Luft häufig vorkommt , muss mit jährlichen Strahlendosen bis zu 10 Millisievert rechnen. Wer im Computertomografen untersucht wird, bekommt etwa bei Unterleibsaufnahmen sogar rund 15 Millisievert auf einmal ab.

Doch nicht alle hatten nach dem Beben und dem Stromausfall im AKW Fukushima Glück: Vergleichsweise hohen Strahlenwerten waren Menschen in Namie und Iitate ausgesetzt. Diese Städte liegen entlang der Route, in die der Wind den radioaktiven Fallout gen Nordwesten trug. Als am 12. März 2011 um 15:36 Uhr die Außenhülle des Reaktorblocks 1 von Fukushima-Daiichi explodierte, flüchteten Zehntausende in diese Richtung. Sie ahnten nicht, dass die Wolke mit radioaktiven Teilchen ihnen folgte .

Iitate liegt rund 40 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt und wurde erst Wochen nach dem GAU evakuiert. Männer und Frauen könnten hier Dosen zwischen 10 und 50 Millisievert abbekommen haben, schätzen die mehr als 30 Forscher, die an dem WHO-Bericht mitgearbeitet haben. Ab einer Dosis von 100 Millisievert stellen sich Strahlenmediziner darauf ein, dass sie Auswirkungen auf die Gesundheit nachweisen können.

Statistisch heißt das lediglich: Haben 100 Menschen eine Dosis von 100 Millisievert abbekommen, erhöht sich die Anzahl der durchschnittlich zu erwarteten Krebsfälle unter ihnen um einen. Hinzu kommt, rein rechnerisch, ein zusätzlich von einer Herz-Kreislauf-Erkrankung betroffener Mensch. 45 der 100 entwickeln in ihrem Leben ohnehin einen Tumor – ganz gleich, ob sie eine erhöhte radioaktive Strahlung getroffen hat.

Es wird mit Sicherheit Helfer geben, die bei den Rettungsarbeiten am AKW bedrohlich viel Strahlung abbekommen haben. Ob ihnen das schaden wird oder sie es wegstecken, können auch die Wissenschaftler des WHO-Berichts nicht vorhersagen. Genauso wenig, warum auch Menschen erkranken könnten, die weit geringere Radioaktivität abbekommen haben. Das ist das Tückische an Strahlenfolgen.

Zunahme von Krebsfällen wird kaum zu ermitteln sein

Computersimulationen der Wissenschaftler zeigen zudem, dass Kleinkinder in der Stadt Namie möglicherweise radioaktives Jod einatmeten, was ihre Schilddrüsen mit Strahlendosen zwischen 100 und 200 Millisievert belastet haben könnte. Konkrete Untersuchungen widersprechen  dem allerdings: Zwei Wochen nach dem GAU wurden 1.080 Kinder aus Namie untersucht . Bei allen wurden Werte unterhalb von 10 Millisievert gemessen. Bei einem Kind ermittelten die Mediziner eine Dosis von etwa 50 Millisievert. Das ist noch immer ein Hundertstel jener Strahlenbelastung, der Kinder 1986 in Tschernobyl ausgesetzt waren.

Ein erster Report über die Gesundheitsrisiken erscheint 2013

Nach dem GAU in der Ukraine richtete das kurzlebige Jod verheerende gesundheitliche Schäden an. Bis zu 6.000 Schildrüsenkrebserkrankungen unter Kindern und Jugendlichen waren die Folge. Die Lage in Japan ist damit nicht zu vergleichen. "Wir rechnen nicht mit einer messbaren Zunahme von Krebsfällen infolge von Fukushima" sagt der Physiker Wolfgang Weiss , der den WHO-Bericht begleitet hat, immer wieder.

Die japanische Regierung brachte frühzeitig die Bevölkerung aus Regionen im Umkreis um die havarierten Reaktoren in Sicherheit. Zudem zog sie unverzüglich möglicherweise belastete Lebensmittel wie Milch aus dem Verkehr und verteilte noch vor dem ersten Entweichen radioaktiver Partikel schützende Jodtabletten. Alles Maßnahmen, die 1986 nicht getroffen wurden, als in Tschernobyl Reaktor 4 – anders als die Blöcke in Japan – bei vollem Betrieb detonierte. Auch die Menge an Radioaktivität, die damals in der Ukraine schlagartig in die Umwelt katapultiert wurde, war erheblich größer als in Japan vor einem Jahr.

Wolfgang Weiss selbst arbeitet an einem Report zu Gesundheitsrisiken nach Fukushima. Er ist Leiter von Unscear , dem Komitee der Vereinten Nationen, das die Folgen radioaktiver Strahlung untersucht. Dem Wissenschaftsmagazin Nature liegt eine vorläufige Version des Berichts vor , der im kommenden Jahr veröffentlicht werden soll. Darin seien die Daten von 20.115 Arbeitern ausgewertet worden, die der AKW-Betreiber Tepco angeheuert hat, um die Reaktorruinen zu stabilisieren. 167 von ihnen waren Strahlendosen von 100 Millisievert ausgesetzt, sechs bekamen mehr als 250 Millisievert ab, und zwei Mitarbeiter in den Kontrollräumen erhielten Strahlendosen von mehr als 600 Millisievert. Bislang ist keiner von ihnen unmittelbar dadurch erkrankt.

Der Bericht ist an vielen Stellen angreifbar

All diese Zahlen beruhen auf unvollständigen Daten. Die Forscher konnten nur öffentlich zugängliche Informationen verwenden. Sie sammelten Informationen bis Mitte September 2011. Kritiker werden zu Recht anführen, dass Tepco als Betreiber des AKW schon direkt nach der Katastrophe Informationen zurückhielt. Und auch die Informationspolitik gegenüber der Bevölkerung in der Zeit der Evakuierungen wurde immer wieder bemängelt. Details werden ans Licht kommen, Neubewertungen werden folgen. Doch schon jetzt ist auch unter unabhängigen Forschern klar: Die Messwerte aus der Atmosphäre, dem Boden, dem Wasser und auch aus der Nahrung sind bereits derart konsistent, dass Folgestudien zumindest die Grundeinschätzung der WHO nicht umstürzen werden.

Zwar haben die Autoren konservativ gerechnet, um die radioaktive Belastung nicht zu unterschätzen. Letztlich braucht es aber weitere Daten. Erst Langzeitstudien werden die Folgen der Atomkatastrophe verdeutlichen können. Um wirklich Gewissheit zu bekommen, sind die Eigenschaften radioaktiver Strahlung zu komplex und noch immer unverstanden. Wie nach Tschernobyl wird es wohl noch jahrzehntelangen Streit geben, welche Folgen der GAU für die Gesundheit der Menschen in Japan hatte und haben wird.