ZoologieDie Karteileichen unter den Gelenkschildkröten

Passend zum Tag der Schildkröte präsentieren Forscher die Entdeckung zweier neuer Arten. Genau genommen wurden einige Exemplare bisher einfach falsch zugeordnet. von 

Der 23. Mai ist historisch gesehen ein durchwachsener Tag: Der Naturforscher Carl von Linné wird an einem 23. Mai geboren (1707). Es ist ebenfalls ein 23. Mai als Heinrich Himmler 1945 Selbstmord begeht. Aber auch, als vier Jahre später das Grundgesetz der Bundesrepublik verkündet wird. Zwischen 1979 und 2009 fanden Bundespräsidenten-Wahlen in Deutschland immer an einem 23. Mai statt. Es ist der Namenstag für alle, die Renate heißen. Und es ist: Weltschildkrötentag.

Erfunden hat ihn die kaum bekannte amerikanische Nicht-Regierungs-Schildkröten-Rettungs-Organisation American Tortoise Rescue im Jahr 2000. Die als träge verschrienen Reptilien wären uns heute trotzdem wohl durchgerutscht, hätte nicht das Senckenberg-Forschungsinstitut in Dresden aus gegebenem Anlass die Entdeckung zweier bisher unbekannter Gelenkschildkröten-Arten verkündet – dokumentiert im Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research.

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Nun ist es nicht so, als hätten diese Schildkröten bis heute nicht existiert. Sogar Namen hatten sie schon. Die eine, Kinixys nogueyi , war schon 1886 von dem französischen Zoologen und als Entdecker der Fettschwanzrennmaus bekannten Fernand Lataste beschrieben worden. Die andere, Kinixys zombensis, wurde von dem in Südafrika lebenden Briten John Hewitt 1931 in die Systematik der Tiere und damit offiziell ins irdische Leben befördert.

Doch genauso wie täglich Tierarten von der Erde verschwinden und aussterben, gehen manche im Dschungel der Systematik verloren. Sie werden von nachfolgenden Zoologen vergessen, ungeachtet ihrer amtlich verbrieften Existenz noch einmal beschrieben oder einfach umgetauft , zu anderen Arten hinzugefügt oder nach neustem Forschungsstand nicht anerkannt.

Gerade unter Schildkröten geht es seit rund 200 Jahren drunter und drüber. Und so brauchte es erst genetische Analysen in  Dresden , um die beiden Karteileichen der Zoologie wieder zu beleben. "Bevor jemand einem unbekannten Tier einen neuen Namen gibt, muss er prüfen, ob diese Population seit 1758 schon einmal beschrieben worden ist", sagt Uwe Fritz, Leiter des Senckenberg-Museums für Tierkunde in Dresden. Ist das der Fall, gilt der erste dokumentierte Name.

Gelenkig dank Scharnier

"Die Abgrenzung der Arten- und Unterarten der Gelenkschildkröten war in den letzten 50 Jahren immer wieder in der Diskussion und wurde häufig geändert", sagt Carolin Kindler, die Hauptautorin des Fachartikels. "Wir haben deshalb erstmals alle anerkannten Gelenkschildkröten-Arten untersucht und Teile des Erbguts bestimmt." Die Überraschung: Die anerkannte Art der Glattrand-Gelenkschildkröten ( Kinixys belliana ) entpuppte sich als Konglomerat dreier vollkommen unterschiedlicher genetischer Linien. "Wir gehen davon aus, dass es sich hier um drei verschiedene Arten handelt", sagt Uwe Fritz .

Die Analysen lassen außerdem vermuten, dass die Glattrand-Gelenkschildkröten, die heute auf Madagaskar vorkommen, vom afrikanischen Festland stammen, da sie sich genetisch kaum von den dortigen Artgenossen unterscheiden. "Wir glauben, dass die Gelenkschildkröte vom Menschen nach Madagaskar eingeführt wurde. Wahrscheinlich wurden die Tiere als Reiseproviant, quasi als lebende Konservendosen, für die Seereise von den ersten Siedlern nach Madagaskar mitgebracht. Übrig gebliebene Tiere wurden dann nach der Ankunft freigelassen", sagt Kindler.

Dagny Lüdemann
Dagny Lüdemann

Dagny Lüdemann leitet das Ressort Wissen, Digital und Studium bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

In der Natur sind die Gelenkschildkröten kaum zu übersehen. Schon der Forscher Alfred Brehm würdigte sie im siebten Band von Brehms Thierleben aus dem Jahr 1883, in dem es unter anderem und Kriechthiere und Lurche geht: "Mehrere Schildkröten vermögen den vorderen oder hinteren Theil ihres Brustpanzers, auch wohl beide Theile desselben, zu bewegen und gegen den Rückenpanzer zu klappen; aber nur die Gelenkschildkröten sind im Stande, ihren Rückenpanzer gegen den Brustpanzer zu pressen." Sprich: Diese Schildkröten können dank eines Scharniers im Rückenpanzer ihr Panzerhinterteil so weit herunterklappen, dass auch Hinterbeine und Schwanz vor Feinden und gegen Austrocknung geschützt sind.

Dem Menschen können sie mit diesem Trick nicht entkommen. Auch heute noch werden Gelenkschildkröten gegessen oder für den Tierhandel gefangen. Immerhin drei der nun acht bekannten Arten werden in der Roten Liste geführt: Kinixysnatalensis , K. homeana und K. erosa. In die Geschichte der Schildkrötenforschung wird der 23. Mai 2012 als Glückstag eingehen: Denn es ist der erste Weltschildkrötentag , an dem im Zettelkasten der Zoologie so viele Schildkrötenarten schlummern wie noch nie: 319 an der Zahl.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Heinrich Himmler | Madagaskar | Tier | Südafrika | Dresden
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