Vor zwei Wochen hat sie begonnen, die neue Garnelensaison, unten in Louisiana . Die Fischer an der Küste haben sich bereit gemacht. Noch vor wenigen Monaten hatte auch Dean Blanchard gehofft, die Katastrophe vom 20. April 2010 dann endlich hinter sich zu lassen. Doch jetzt hat er Angst vor jeder Fahrt nach draußen, ins offene Meer.

Denn was er dort zu sehen bekommt, sagt der Fischer, sei wie in einem Horrorfilm. Lebendige Krabben, die durchsichtig seien; Fische und Garnelen mit Geschwüren oder ohne Augen, mit schweren Läsionen am Körper; Garnelen, die ihre Eier nicht abwerfen können oder deren Panzer aufgeweicht sind; Austern, deren Innereien abgestorben sind.

Als die Ölbohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko explodierte und elf Arbeiter in den Tod riss, flossen 87 Tage lang bis zu 4,9 Millionen Barrel Öl (rund 780 Millionen Liter) ins Meer und verklebten ganze Küstenstreifen. Die giftige Pampe ist längst abgetragen. Doch hat sie Ihre Spuren hinterlassen?

Die Langzeitfolgen sind schwer einzuschätzen

Jetzt, 25 Monate später, berichten Fischer und Wissenschaftler gleichermaßen von Mutationen und Deformationen bei Fischen und anderen Meerestieren – und die meisten glauben, das Öl sei schuld daran. "Die chronischen Langzeitfolgen sind noch immer völlig unklar", sagt der Biologe Andrew Whitehead von der Louisiana State University. In einer Langzeitstudie hat der Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen die Auswirkungen des Öls auf den Zahnkarpfen untersucht. Der Fisch, erklärt Whitehead, gelte als Indikatorart und reagiere auf Einflüsse von außen besonders empfindlich – auch, weil sein Bewegungsradius im Vergleich zu anderen Arten gering sei.

Die ersten Ergebnisse sind beunruhigend: Bestände aus den betroffenen Sumpfgebieten zeigten Vergiftungen und hatten erhebliche Probleme, sich fortzupflanzen. Embryonen brauchten für die Entwicklung deutlich länger als üblich und wurden in vielen Fällen mit Herzfehlern geboren.

Zahnkarpfen sind die Nahrung für viele andere Tiere

Der auch "Killifish" genannte Zahnkarpfen dient vielen Meerestieren als Ernährungsgrundlage. "Sollte er in seiner Population bedroht sein, wäre das wohl das Schlimmste, was passieren kann", sagt Andrew Whitehead. Denn auf diese Weise könne sich das Öl durch die Nahrungskette nach oben arbeiten.

Ähnliche Funde gibt es fast in allen Beständen. Wissenschaftler der Universität von Südflorida hatten zwischen Juli und August 2011 über 4.000 Fische in flachen und tiefen Gewässern zwischen Florida und Louisiana gefangen. In den Nieren vieler Fische fanden sich Spuren von Ölbestandteilen. Mit zunehmender Nähe zum Zentrum der Ölkatastrophe nahm die Zahl der erkrankten Fische von drei auf zehn Prozent des Bestands zu.

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Nicht nur das Öl selbst machen Wissenschaftler für die Deformationen verantwortlich. Auch Corexit, jene hochgiftige Chemikalie , die der Konzern zur Bekämpfung der Ölpest eingesetzt hatte, fordert ihrer Meinung nach nun ihren Tribut. 7,2 Millionen Liter Lösemittel hatte BP in den Golf gekippt, um die schwere Öldecke aufzubrechen. Das Mittel kann Erbgutschäden auslösen. Besonders deutlich zeigt sich die zerstörerische Kraft bei den Garnelen. Seit der Katastrophe haben die Tiere sich wegen des kurzen Lebenszyklus über drei Generationen fortgepflanzt – die aggressiven Schadstoffe fanden ihren Weg in die DNA der Tiere.