ÖlpestMutierte Meerestiere beunruhigen Fischer im Golf von Mexiko

Zwei Jahre nach der Explosion der "Deepwater Horizon" finden Fischer und Forscher vermehrt Meerestiere mit schweren Missbildungen. Ist das Öl Schuld? von 

Ein Kranich steht an der Küste des Golfs von Mexiko. Die offensichtlichen Spuren der Ölpest von 2010 sind verschwunden.

Ein Kranich an der Küste des Golfs von Mexiko. Die offensichtlichen Spuren der Ölpest von 2010 sind verschwunden.  |  © Mario Tama/Getty Images

Vor zwei Wochen hat sie begonnen, die neue Garnelensaison, unten in Louisiana . Die Fischer an der Küste haben sich bereit gemacht. Noch vor wenigen Monaten hatte auch Dean Blanchard gehofft, die Katastrophe vom 20. April 2010 dann endlich hinter sich zu lassen. Doch jetzt hat er Angst vor jeder Fahrt nach draußen, ins offene Meer.

Denn was er dort zu sehen bekommt, sagt der Fischer, sei wie in einem Horrorfilm. Lebendige Krabben, die durchsichtig seien; Fische und Garnelen mit Geschwüren oder ohne Augen, mit schweren Läsionen am Körper; Garnelen, die ihre Eier nicht abwerfen können oder deren Panzer aufgeweicht sind; Austern, deren Innereien abgestorben sind.

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Als die Ölbohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko explodierte und elf Arbeiter in den Tod riss, flossen 87 Tage lang bis zu 4,9 Millionen Barrel Öl (rund 780 Millionen Liter) ins Meer und verklebten ganze Küstenstreifen. Die giftige Pampe ist längst abgetragen. Doch hat sie Ihre Spuren hinterlassen?

Die Langzeitfolgen sind schwer einzuschätzen

Jetzt, 25 Monate später, berichten Fischer und Wissenschaftler gleichermaßen von Mutationen und Deformationen bei Fischen und anderen Meerestieren – und die meisten glauben, das Öl sei schuld daran. "Die chronischen Langzeitfolgen sind noch immer völlig unklar", sagt der Biologe Andrew Whitehead von der Louisiana State University. In einer Langzeitstudie hat der Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen die Auswirkungen des Öls auf den Zahnkarpfen untersucht. Der Fisch, erklärt Whitehead, gelte als Indikatorart und reagiere auf Einflüsse von außen besonders empfindlich – auch, weil sein Bewegungsradius im Vergleich zu anderen Arten gering sei.

Die ersten Ergebnisse sind beunruhigend: Bestände aus den betroffenen Sumpfgebieten zeigten Vergiftungen und hatten erhebliche Probleme, sich fortzupflanzen. Embryonen brauchten für die Entwicklung deutlich länger als üblich und wurden in vielen Fällen mit Herzfehlern geboren.

Zahnkarpfen sind die Nahrung für viele andere Tiere

Der auch "Killifish" genannte Zahnkarpfen dient vielen Meerestieren als Ernährungsgrundlage. "Sollte er in seiner Population bedroht sein, wäre das wohl das Schlimmste, was passieren kann", sagt Andrew Whitehead. Denn auf diese Weise könne sich das Öl durch die Nahrungskette nach oben arbeiten.

Ähnliche Funde gibt es fast in allen Beständen. Wissenschaftler der Universität von Südflorida hatten zwischen Juli und August 2011 über 4.000 Fische in flachen und tiefen Gewässern zwischen Florida und Louisiana gefangen. In den Nieren vieler Fische fanden sich Spuren von Ölbestandteilen. Mit zunehmender Nähe zum Zentrum der Ölkatastrophe nahm die Zahl der erkrankten Fische von drei auf zehn Prozent des Bestands zu.

Infografik: Ölpest
Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum interaktiven Rückblick der Katastrophe im Golf von Mexiko zu gelangen

Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum interaktiven Rückblick der Katastrophe im Golf von Mexiko zu gelangen  |  © ZEIT ONLINE

Nicht nur das Öl selbst machen Wissenschaftler für die Deformationen verantwortlich. Auch Corexit, jene hochgiftige Chemikalie , die der Konzern zur Bekämpfung der Ölpest eingesetzt hatte, fordert ihrer Meinung nach nun ihren Tribut. 7,2 Millionen Liter Lösemittel hatte BP in den Golf gekippt, um die schwere Öldecke aufzubrechen. Das Mittel kann Erbgutschäden auslösen. Besonders deutlich zeigt sich die zerstörerische Kraft bei den Garnelen. Seit der Katastrophe haben die Tiere sich wegen des kurzen Lebenszyklus über drei Generationen fortgepflanzt – die aggressiven Schadstoffe fanden ihren Weg in die DNA der Tiere.

Leserkommentare
  1. ... endlich kann man mal wieder was noch nie dagewesenes auf dem Teller präsentieren.

    16 Leserempfehlungen
  2. Ich auch nicht. Habe für den Mann "volles Verständnis".

    5 Leserempfehlungen
    • illyst
    • 24. Mai 2012 10:33 Uhr

    Werden wohl die Chemikalien gewesen sein und BP wird sich um die Folgeschäden einen Dreck scheren. Erst muss das ja über jahrzehntelange Studien bewiesen werden.
    Genug Zeit und Möglichkeiten viele Wissenschaftler zu schmieren und zudem wird bis dahin der eine oder andere Kläger aufgegeben haben oder verstorben sein.

    Aber das konnte ja keiner ahnen, dass sowas passiert wenn man Gift ins Meer kippt.

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    • xelo
    • 24. Mai 2012 11:06 Uhr

    Das war auch mein erster Gedanke. Irgendwo las ich (vielleicht sogar hier), dass die Chemikalien, die man zur Bindung des Erdöls einsetzte, schädlicher und unberechenbarer sein sollen, als das Erdöl selbst.

    Ich bedaure die Menschen, die diese mutierten Organismen jetzt als Fisch-Mäc, Fischsuppe in Dosen oder als Fischstäbchen untergejubelt bekommen. Denn auch die Nahrungsmittelindustrie kennt keine Skrupel, wenn es um das "Recyceln" von Müll geht. Das sehen wir ja auch ständig bei uns (Dioxin-Eier, etc...).
    Und wenn das nicht geht, wird der Kram halt an Geflügel- oder Schweinefarmen verkauft.

    • bugme
    • 24. Mai 2012 21:24 Uhr

    Da kann man ja den Ölmulti nochmals verklagen und die US Gerichte können prüfen, wieso so eine Substanz ins Meer durfte.

  3. ...Erdöl ist schon früher in den verschiedensten Meeren gelandet, durch Menschen oder durch die Natur.
    Was vollkommen neu ist sind die Unmengen von Corexit die man verwendet hat und kein Mensch kann mir weismachen, dass man über Langzeitfolgen Bescheid wüsste.
    Wahrscheinlich wird das die nächste Umweltkatastrophe.

    Aber dann hat die Erdölindustrie wenigstens ein gutes Argument weiter im Golf von Mexiko zu bohren - ist ja schon ruiniert, kann also nicht viel schlimmer werden.

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  4. Da hat sich die Natur einfach so, mal einen kleinen Scherz erlaubt. Ganz plötzlich, unvorhersehhbar!

    Wie kann man sich bloß eine solche Frage stellen? Das Öl? Niemals!

    Würde man diese Frage nämlich bejahen, müssten die Ölmultis soviel Geld zur Wiedergutmachung zahlen, dass sie niemals mehr auf einen grünen Zweig kämen. So es den noch gibt, wenn die Großkonzerne die Welt, die ja eigentlich "Allen" gehört, zum eigenen Nutzen gnadenlos ausschlachten können.

    [...] Gekürzt. Bitte bleiben Sie sich sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

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  5. Diese Mutationen sind mal wieder ein Beispiel dafür, wie viel wir täglich tun, ohne die Folgen unseres Handelns auch nur ansatzweise einschätzen zu können.

    BP mußte tätig werden - keine Frage! Vor den Augen der Weltöffentlichkeit war man verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen. Also wurde dieser Dreck ins Meer gekippt.

    Wichtig wäre es jetzt, die Ursache der Mutationen schnell zu klären und die Freakshow öffentlich zu machen. Fotos, Bilder Videos von den Auswirkungen unbedachten Handelns. Der Bürger muss sich ein Bild machen können.

    Dieses Problem stellt sich bei vielerlei Diskussionen im ökologischen Bereich. Waldrodung, Klimawandel, CO2 - wir wissen nicht wirklich, wovon wir reden und behelfen uns mit Modellen. So lange man die Herdplatte nicht berührt hat, weiß man nicht, was "heiß" bedeutet.

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    • PigDog
    • 24. Mai 2012 10:41 Uhr

    Hat irgend ein einziger intelligenter Mensch auf dieser Erde tatsächlich geglaubt, es hätte KEINE Auswirkungen auf die Natur, wenn drei Monate lang jeden Tag eine dreiviertel Milliarde Liter Öl in's Meer fließt?
    Daß es KEINE Auswirkungen hat, wenn ich 7 Millionen Liter hochgiftige Chemikalie dazuschütte?

    Einzelfälle, Anekdoten...

    Ja genau, und der Mond ist aus Käse!

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    "wenn drei Monate lang jeden Tag eine dreiviertel Milliarde Liter Öl in's Meer fließt?" ... ist doch arg übertrieben.
    Die Schätzungen liegen zwischen 3 und 6 Millionen Liter pro Tag (je nach Ausrichtung des Schätzers). Schlimm genug, aber Übertreibungen machen unglaubwürdig und angreifbar.

    • Aluni
    • 26. Mai 2012 1:11 Uhr

    diese mutierten Meeresbewohner überleben und sich vermehren? Dann ergibt das Unglück womöglich einen genetischen Sprung und da sind wir genauso machtlos. Zurückholen geht nicht. Sollte man sich immer wieder vor Augen führen, was wir da angerichtet haben! Danke PigDog für die nüchterne Sicht!

  6. Nur ein weltweiter Boykott der Verbraucher könnte diesen Verbrechern gefährlich werden. Was sind schon ein paar tausend Fischer und ein paar Naturschützer gegen die brutale Übermacht der Energiekonzerne? Die bezahlen noch die größten Katastrophen locker nebenher, in dem sie die Ölpreise manipulieren. Und schon sprudelt der Profit wie eh und je. Und US-Präsident Obama ist leider auch nicht in der Lage, so einen Irrsinn zu stoppen. Denn die sind mächtiger als er.
    Die Natur wehrt sich eben, so gut sie kann. Sie braucht den Menschen nicht. Aber wir haben nur einen Planeten - und keine zweiten im Kofferraum.

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    • Hickey
    • 24. Mai 2012 11:04 Uhr

    können nichts dafür das der heutige Mensch so mobil sein muss.

    • tobmat
    • 24. Mai 2012 11:18 Uhr

    "Nur ein weltweiter Boykott der Verbraucher könnte diesen Verbrechern gefährlich werden."

    Die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Boykott ist nicht nur Null, sie wäre sogar negativ wenn das ginge.

    Kaufen sie nicht mehr bei Aldi. Lassen sie den "frischen" Fisch von der Fischtheke links liegen, der kommt zwar aus Norwegen machte aber ein Umweg über China. Kaufen sie kein Importobst und Gemüse, sowie nur noch bei Bauern, die ohne Traktor ihre Felder bewirtschaften.
    Unsere gesamte Nahrungsmittelkette ist Ölabhängig. Die Preise sind durch die industrielle Landwirtschaft so günstig wie noch nie. Damit ist Öl der Garanten für sozialen Frieden in unserer Gesellschaft.

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  • Schlagworte Golf | Mexiko | BP | Ölpest | Fisch | Katastrophe
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