Lebensmittelbelastung : Vorsicht bei Meldungen zu "Gifteiern"

Kein Dioxin, aber PCB: In Niedersachsen sind wieder belastete Eier aufgefallen. Das könnte an strengeren Meldegesetzen liegen.

Wieder ist in einigen Lokalzeitungen die Rede von "Dioxin-Eiern" – und nun sollen die "Gifteier", wie die Nachrichtenagentur dpa schreibt, in mehrere deutsche Supermärkte und Läden in den Niederlanden gelangt sein. Vorsicht geboten ist derzeit aber weniger beim Konsum von Eiern als beim Konsum von genau solchen Meldungen.

Was nach Lebensmittelskandal klingt, ist vermutlich die Folge schärferer Gesetze in Deutschland. Denn inzwischen sind Labore, Händler und andere Zwischenstellen, welche Tests zur Analyse von Schadstoffen in Lebensmitteln durchführen, verpflichtet, Grenzwertüberschreitungen sofort an die Behörden zu melden.

So geschah es auch jetzt: Ein Discounter mit Sitz in Bayern hatte bei einer Kontrolle seiner Ware Ende April die Belastung der Eier aus Oldenburg festgestellt. Sie stammen aus einem Großbetrieb mit rund 18.000 Legehennen. Dieser wurde inzwischen gesperrt. Die Behörden beschlagnahmten außerdem alle der schon an eine Packstelle in Sachsen-Anhalt ausgelieferten Eier und mehr als 100.000 Stück, die in die Niederlande gebracht worden waren.

Lebensmittelchemiker fanden in den Eiern Stoffe aus der Gruppe der Polychlorierten Biphenyle, kurz PCB. Die Eier enthielten mit durchschnittlich 80 Nanogramm pro Gramm Eifett doppelt so viele Schadstoffe wie erlaubt. Der Grenzwert von 40 Nanogramm wurde im Januar 2012 für Europa festgelegt.

Polychlorierte Biphenyle gibt es viele – einige davon werden zu den dioxinähnlichen gezählt, andere nicht. Im Oldenburger Fall waren die PCB nicht dioxinähnlich. Das schreibt das Agrarministerium in Niedersachsen in einer Pressemitteilung.

Doch welchen Schluss lässt diese Information zu? Erstmal nur den, dass der aktuelle Fall wohl nichts mit denen zu tun hat, die im April im Landkreis Aurich auftraten. Dort mussten drei Legehennen-Betriebe gesperrt werden, weil Eier aus deren Produktion zu viele dioxinähnliche PCB enthielten.

Dagny Lüdemann

Dagny Lüdemann leitet das Ressort Wissen, Digital und Studium bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Da all diese Arten von Chemikalien in der Umwelt vorkommen, liegt die Vermutung nahe, dass Legehennen die Schadstoffe beim Fressen vom Boden aufgenommen haben. Zu beweisen ist das nur schwer. Ebenso wenig gibt es Anzeichen für eine Häufung derartiger Schadstoffe in Niedersachsen . Theoretisch denkbar – wenn auch unwahrscheinlicher – wäre auch, dass Kriminelle unzulässige Futtermittel eingesetzt haben, so geschehen im Januar 2011, als ein Betrieb in Schleswig-Holstein vorsätzlich Abfälle aus der Biodiesel-Produktion ins Hühnerfutter mischte. Diese Industriefette waren stark mit Dioxin belastet.

Wirksame Kontrollen

Dass jetzt wieder belastete Lebensmittel aufgetaucht sind, könnte am Ende ein gutes Zeichen dafür sein, dass Grenzwertüberschreitungen jetzt häufiger gemeldet werden. Auch wenn von den PCB – egal ob dioxinähnlich oder nicht – beim Verzehr einiger Eier keine direkte Gesundheitsgefahr ausgeht: Verbraucher sollten durchaus darauf achten, nicht zu viele Schadstoffe aus der Umwelt aufzunehmen. Wie auch Schwermetalle stecken die PCB vor allem in tierischen Lebensmitteln. Das bekannteste Beispiel sind Raubfische: Sie stehen recht weit oben in der Nahrungskette, fressen also viele andere Fische. Und genau das führt dazu, dass sich die langlebigen Schadstoffe im Körper der Räuber besonders stark anreichern.

Verbraucher haben inzwischen die Möglichkeit, sich auf der Website lebensmittelwarnung.de über belastete Lebensmittel zu informieren. Dort sind auch die Nummern betroffener Eier zu finden. Eier aus dem Betrieb in Oldenburg mit dem Stempelaufdruck 0-DE-0357911 sollten vernichtet oder an den Handel zurückgegeben werden. Der Hof des Hühnerbauern bleibt bis auf Weiteres gesperrt. Ob sich die Ursache für die Häufung des PCB finden lässt, ist fraglich. Gesucht wird danach.

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Belastete Lebensmittel als gutes Zeichen sehen?

Coole Schreibe, aber egal ob direkte Gesundheitsgefahr oder indirekte oder gar gar keine, diese Interpretation ist doch etwas zu gesundbeterisch.
Und wenn nun angeblich schon die Meldungen über die belasteten Eier gefährdlicher sind als die Eier selbst, warum werden diese dann überhaupt aus dem Verkehr gezogen?