Das unterschätzte TierTausendfüßer sind Tausendsassa

Im Dunkeln leuchten, Feinde vergiften und rehgroße Beute verschlingen. Irgendetwas Besonderes kann jeder Tausendfüßer – nur nicht Wasser speichern. von Claudia Füßler

Tausendfüßer Tausendfüßler

Dieses recht große Tausendfüßer-Exemplar wurde im Zoo von Budapest aufgenommen.  |  © Attila Kisbenedek/AFP/Getty Images

Der Name ist hoch gestapelt: Wirklich 1.000 Füße respektive Beine hat kein Tausendfüßer. Ohne L. Das kleine Anhängsel tragen sie nur umgangssprachlich. Gerade einmal auf 750 kommt die Art mit den meisten Gliedmaßen, genannt Illacme plenipes – ein kalifornischer Tausendfüßer. All seine Beinchen hat er auf weniger als 3,5 Zentimeter Körperlänge untergebracht.

Mehr als 13.000 Arten gibt es, von denen die meisten Diplopoden sind – das heißt, sie tragen gleich ein Doppel-Paar Laufbeine an jedem ihrer verschmolzenen Körpersegmente. Die grobe Gliederung in Kopf , Rumpf und Abdomen ist schon alles, was sämtliche Tausendfüßer gemein haben. Unter ihnen gibt es Riesen und Zwerge, Harte und Weiche – und ja, es gibt sogar welche mit richtig wenigen Füßen! Paradoxerweise werden nämlich auch die Wenigfüßer mit ihren neun bis elf Beinpaaren zu den Tausendfüßern gezählt.

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Die vermutlich größten Exemplare, die jemals auf der Erde – genau genommen auf dem nordamerikanischen und dem europäischen Kontinent – herumkrochen, lebten im Oberkarbon vor 310 Millionen Jahren. Sie gehörten zur Gattung Arthropleura und konnten bis zu zwei Meter lang werden. Problemlos erlegten sie Beute von der Größe eines Rehs.

Ziemlich kurz geraten ist dagegen der größte heute noch vorkommende Archispirostreptus gigas . Er wird maximal 30 Zentimeter lang. Sein Gegenpol sind die Pinselfüßer mit Spitzenlängen von fünf Millimetern, die statt eines Chinin-Panzers einen weichen Körper haben.

Gift statt Durchblick im Kampf gegen Feinde

Unangenehm werden können einige Bandfüßer-Arten . Diese blinden Zeitgenossen tragen Drüsen, aus denen sie blausäurehaltige Abwehrstoffe absondern. Dumm nur, dass ihnen zu viel des eigenen Gifts selbst zum Verhängnis werden kann. Andere Giftfüßer wehren sich mit schleimhautreizenden Benzochinonen gegen Fressfeinde wie Vögel, Reptilien, Skorpione oder Wanzen. Das Sekret ist derart wirkungsvoll, dass Kapuzineraffen den Tausendfüßer bereits als Mückenabwehrmittel einsetzen .

Der Tausendfüßer

Der Unterklasse der Tausendfüßer (Myriapoda) gehört zu den Gliederfüßern. Ihre Vertreter leben seit mehr als 400 Millionen Jahren auf unserem Planeten.

Um überleben zu können, brauchen alle Tausendfüßer eine feuchte Umgebung. Morsches Holz im Wald, Kompost oder Gartenboden zum Beispiel. Sie sind von den gemäßigten Klimazonen bis in die Tropen hinein fast überall zu finden.

Sind die Lebensraumbedingungen besonders ideal, also in feuchten Jahren mit günstigem Nahrungsangebot, führt das auch mal zu einer regelrechten Plage.

Wenn Tausendfüßer sich paaren, dauert das mehrere Minuten bis Stunden. Den Bandfüßern wird sogar tage- bis wochenlanger Sex nachgesagt. Nicht immer mit Happy End: Denn viele Tausendfüßer-Weibchen sterben direkt, nachdem sie die Eier abgelegt haben.

Einige Tausendfüßer aus kalifornischen Bergregionen zeigen sich ganz sozial und warnen potenzielle Angreifer vor ihrer Ungenießbarkeit: Sie leuchten im Dunkeln grün – gemeinsam können sie am Boden derart funkeln wie der Sternenhimmel .

Manch andere Art rollt sich aber auch nur ein, wenn ein Feind näher kommt. Oder der Tausendfüßer nimmt einfach mal die dafür vorgesehenen Beinchen in die Hand, flitzt weg und versteckt sich im Boden oder unter einem Stein.

Wer genau hinschaut, kann die lichtscheuen Tiere fast überall aufspüren. Von selbst zeigen sie sich ungern. Da sie selbst kein Wasser speichern können, verkriechen sie sich stets in feuchtem Milieu.

Ähnlich wie Regenwürmer tragen Tausendfüßer zur Aufbereitung des Erdreichs bei – fast alle ernähren sich von abgestorbenen Pflanzenresten. Die wenigen Räuber unter ihnen machen Jagd auf andere Insekten; oder auf genau die unterirdischen Mitbewohner, die neben ihren vegetarischen Artgenossen den wertvollen Humus produzieren: Sie fressen Regenwürmer.

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Leserkommentare
  1. In dem Link "wie der Sternenhimmel" hat sich ein Klammer-zu Zeichen am Ende versteckt, so dass man den link nicht direkt öffnen kann.

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    • xelo
    • 08. Mai 2012 11:01 Uhr

    Hier ist der "reparierte" Link:

    http://science.orf.at/sto...

    Das ist ein sehr informativer und interessanter Bericht. Vielen Dank

  2. Letztes Jahr kämpften in der Schweiz viele Hausbewohner gegen eine Tausendfüßerplage. Diese unterschätzten Tiere zwängten sich in jede Ritze und wanderten in Massen unbeeindruckt der vielen Abwehrmaßnahmen in die Häuser.

    Die aufgeschreckten Hausbewohner versuchten die Tiere von den Hauswänden zu wischen oder mittels Klebestreifen am Eindringen in die Kellerräume und Wohnungen zu hindern. Der Tausendfüßer gilt bei den Biologen jedoch nicht als Schädling, da er sich von abgestorbenen Pflanzenteilen, Früchten, Flechten und Algen ernährt.

    Besonders die Bodenkundler schätzen seine bodenbiologische Bedeutung und sehen einer Plage gelassen entgegen.

    Mit den besten Wünschen für eine lange Arterhaltung

    Dr. Ralf Hettich

  3. Wikipedia: "Chinin ist eine natürlich in Chinarinde vorkommende chemische Verbindung aus der Gruppe der Alkaloide. Es ist ein weißes, sehr schwer wasserlösliches, kristallines Pulver mit bitterem Geschmack, das als Bitter- und Arzneistoff eingesetzt wird"
    "Chitin (gr. χιτών chitón ‚Hülle‘, ‚Panzer‘) ist neben Cellulose das am weitesten verbreitete Polysaccharid auf der Erde und dient der Strukturbildung. Es unterscheidet sich von Cellulose durch eine Acetamidgruppe. Es kommt sowohl bei Pilzen (Fungi) als auch bei Gliedertieren (Articulata) und Weichtieren (Mollusca) vor. Bei Pilzen bildet es einen der Hauptbestandteile der Zellwand. Bei Ringelwürmern (Annelida) kommt es im Mundraum vor. Bei Gliederfüßern (Arthropoden) ist es Hauptbestandteil des Exoskeletts."

  4. ist von derselben "Qualität" wie "Wir sind Papst" ...

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    Entfernt. Verzichten Sie bitte auf Unterstellungen. Die Redaktion/kvk

  5. 5. Papst

    Entfernt. Verzichten Sie bitte auf Unterstellungen. Die Redaktion/kvk

    • xelo
    • 08. Mai 2012 11:01 Uhr

    Hier ist der "reparierte" Link:

    http://science.orf.at/sto...

    Das ist ein sehr informativer und interessanter Bericht. Vielen Dank

    Antwort auf "An die Autorin"
  6. Ich liebe Tausendfüßer und freue mich, einen so liebevollen Artikel über sie zu lesen.
    Mich würde interessieren, ob die Autorin noch mehr mit den Tierchen verbindet außer der Name (der ist aber nicht umgangssprachlich oder?) :)

  7. 8. staun!

    Die kleinen Wunder der Erde sind es immer wieder, die mich zum Erstaunen bringen. Besonders Neben den ganzen von Menschen geschaffenene Themen des Alltages. Danke!

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tier | Reptil | Räuber
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