Das unterschätzte TierGejagter Schleimkopf aus der Tiefsee

Ironie des Fisch-Schicksals: Der Granatbarsch ist eine Delikatesse, weil er nicht nach Fisch schmeckt. Und er ist bedroht, weil er so lange zur Fortpflanzung braucht. von Claudia Füßler

Granatbarsch Orange Roughy Hoplostethus atlanticus

Ein Granatbarsch in einer Ausstellung in Bremen  |  © Robert Michael/AFP/Getty Images

Der Entdecker der Langsamkeit ist mutmaßlich der Granatbarsch, Hoplostethus atlanticus . Dieser Tiefseefisch hat sich so sehr an seine widrige Umgebung – wenig Nahrung, große Kälte, hoher Druck – angepasst, dass er sich viel Zeit nimmt fürs Wachsen. So plusminus 100 Jahre wird der auch Kaiserbarsch genannte Fisch angeblich im Normalfall alt, es wurden aber auch schon 180 Jahre alte Exemplare gefangen . Das bedeutet: Die meisten der heute lebenden Exemplare stammen in etwa aus der Zeit, als die Titanic unterging.

Wer so entspannt an unterseeischen Bänken und Seebergen in 800 bis 1.800 Meter Tiefe herumschwimmen kann, nimmt sich auch Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens: Erst mit knapp 30 Jahren wird der orange-rote, mit sehr rauen Schuppen bedeckte Barsch geschlechtsreif.

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Wenn er sich schließlich fortpflanzt, ist er allerdings – vermutlich auch das ein Tribut an seine entspannte Art – sehr geizig. Wie alle Fische wachsen zwar auch Granatbarsch-Weibchen ein Leben lang und produzieren immer mehr Eier, je größer sie werden. Doch im Durchschnitt kommen sie pro Kilogramm Lebendgewicht nur auf 33.000 Eier. Das ist, verglichen mit anderen Knochenfischen, extrem wenig.

Der Mensch – vor allem der Pseudo-Fischesser – mag sein festes, leicht filetierbares Fleisch. Denn das ist fast geschmacklos und erinnert vor allem nicht an Fisch. Deshalb kommt der Granatbarsch gern in den Edelrestaurants dieser Welt auf den Teller.

Der Granatbarsch

Der Granatbarsch (Hoplostethus atlanticus) ist ein Knochenfisch und gehört zu den Schleimkofpartigen. Deren Kennzeichen ist eine schützende dicke Wachsschicht unter der Haut.

Er lebt in den tiefen Gewässern der gemäßigten Breiten. Es gibt Populationen im Europäischen Becken im Nordatlantik, im Südatlantik vor Namibia, an der südostafrikanischen Küste, im Pazifik südlich von Australien und rund um Neuseeland. Die Barsche ernähren sich vorwiegend von kleinen, bodennah lebenden Krebsen, kleinen Fischen und Kopffüßern.

Besonders die Amerikaner fanden, dass der Fisch nach der Umbenennung von "Slimehead" in "Orange roughy", plötzlich sehr viel besser schmeckte. Die Ironie dabei: Das saftige Granatbarschfleisch ist deswegen so frei von Fischgeschmack, weil es keine Fischöle enthält. Und damit wiederum fehlen ihm die im Fisch so gerühmten Omega-3-Fettsäuren .

Was zudem kaum jemand bedenkt: Eine Art mit einer so geringen Reproduktionsrate und einer so langen Lebensdauer verkraftet es nur schwer, wenn die Hochseefischerei ganze Generationen vernichtet. Das ist der Haken der Langsamkeit . Umweltschützer halten den Granatbarsch daher für bedroht. Sichere Studien dazu gibt es aber nicht – denn Tiefseefische sind naturgemäß schwer zu erforschen. In der Roten Liste gefährdeter Arten taucht er nicht einmal auf. Nur seine Verwandten Hoplostethus metallicus und marisrubri werden dort geführt, Gefährdungsstatut: unklar.

Natürliches Nachtsichtgerät

Auch wenn der Granatbarsch mit seinen besonders großen Augen vermutlich noch in 1.000 Metern Tiefe in der Lage ist, Sonnenlicht wahrzunehmen – bei der Suche nach einem potentziellen Paarungspartner nutzt ihm das wenig: Es ist nämlich keiner da. Deshalb veranstalten die meist solo lebenden Barsche jedes Jahr ein Laich-Meeting für ein bis zwei Monate.

Der simple Gedanke: Je mehr Fische da sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Eier befruchtet werden. Getroffen wird sich an Orten, wo es günstige Strömungen und dadurch viel Nahrung gibt. In den Seebergen zum Beispiel. Die Anreise ins Laichgebiet kann mehrere hundert Kilometer weit sein. Das dauert. Aber der Granatbarsch hat ja Zeit.

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Leserkommentare
  1. und ich esse ihn nicht.

  2. ..für diesen wunderbaren Artikel!

    • sneug
    • 22. Mai 2012 15:03 Uhr

    ... der letzte Baum gerodet,
    der letzte Fluß vergiftet,
    der letzte Fisch gefangen ist,
    werdet ihr merken,
    dass man Geld nicht essen kann.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wir müssen unseren Kindern ja etwas zu tun geben, ne Herausforderung ist da auch ganz toll...*Zynismus aus*

  3. dass ich noch Fischstäbchen im Kühlschrank hab.

    So, wo habe ich die Pfanne gelassen...?

    • Anja66
    • 22. Mai 2012 17:51 Uhr

    zu essen, weil er nicht nach Fisch schmeckt ist doch nur noch bescheuert!

  4. Wir müssen unseren Kindern ja etwas zu tun geben, ne Herausforderung ist da auch ganz toll...*Zynismus aus*

    Antwort auf "Erst wenn ..."
    • bugme
    • 22. Mai 2012 20:43 Uhr

    Er ist wohl eher bedroht, weil er sich nicht so schnell Fortpflanzt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber Leser,

    das stimmt – der Teaser war in diesem Punkt nicht gut formuliert, ich habe es geändert.

    Danke für den Hinweis.

  5. Auch hier wieder völlig falsche Ansätze zum Schutz des Barschs: Natürlich kann man durch Nichtfang-Gesetze den Fisch nicht gegen die menschliche Raff- und Fressgier schützen. Das sollten wir Scheinheiligen eigentlich inzwischen von den anderen Fischen gelernt haben. Nein: Effektiver Schutz ist nur durch die Sprache möglich! Deshalb (haben Sie Dank für den Hinweis im Artikel!)muss das edle, vorbildliche Wesen, das nicht so oberflächlich lebt wie wir, durch Namen geschützt werden (Verpflichtung der Gastronomie, diese Bezeichnungen auf der Speisekarte fett und in Farbe auszudrucken): sex-reduzierter, omegasäure-leerer Schleimkopf, 150jähriger geschmackloser Rentner-Fisch, unvitaler Langweiler (was auf den Esser übergeht, bereits ab ca. 1,5 Gramm Verzehr)!

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tier | Fisch | Fleisch
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