Ein Granatbarsch in einer Ausstellung in Bremen © Robert Michael/AFP/Getty Images

Der Entdecker der Langsamkeit ist mutmaßlich der Granatbarsch, Hoplostethus atlanticus . Dieser Tiefseefisch hat sich so sehr an seine widrige Umgebung – wenig Nahrung, große Kälte, hoher Druck – angepasst, dass er sich viel Zeit nimmt fürs Wachsen. So plusminus 100 Jahre wird der auch Kaiserbarsch genannte Fisch angeblich im Normalfall alt, es wurden aber auch schon 180 Jahre alte Exemplare gefangen . Das bedeutet: Die meisten der heute lebenden Exemplare stammen in etwa aus der Zeit, als die Titanic unterging.

Wer so entspannt an unterseeischen Bänken und Seebergen in 800 bis 1.800 Meter Tiefe herumschwimmen kann, nimmt sich auch Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens: Erst mit knapp 30 Jahren wird der orange-rote, mit sehr rauen Schuppen bedeckte Barsch geschlechtsreif.

Wenn er sich schließlich fortpflanzt, ist er allerdings – vermutlich auch das ein Tribut an seine entspannte Art – sehr geizig. Wie alle Fische wachsen zwar auch Granatbarsch-Weibchen ein Leben lang und produzieren immer mehr Eier, je größer sie werden. Doch im Durchschnitt kommen sie pro Kilogramm Lebendgewicht nur auf 33.000 Eier. Das ist, verglichen mit anderen Knochenfischen, extrem wenig.

Der Mensch – vor allem der Pseudo-Fischesser – mag sein festes, leicht filetierbares Fleisch. Denn das ist fast geschmacklos und erinnert vor allem nicht an Fisch. Deshalb kommt der Granatbarsch gern in den Edelrestaurants dieser Welt auf den Teller.

Besonders die Amerikaner fanden, dass der Fisch nach der Umbenennung von "Slimehead" in "Orange roughy", plötzlich sehr viel besser schmeckte. Die Ironie dabei: Das saftige Granatbarschfleisch ist deswegen so frei von Fischgeschmack, weil es keine Fischöle enthält. Und damit wiederum fehlen ihm die im Fisch so gerühmten Omega-3-Fettsäuren .

Was zudem kaum jemand bedenkt: Eine Art mit einer so geringen Reproduktionsrate und einer so langen Lebensdauer verkraftet es nur schwer, wenn die Hochseefischerei ganze Generationen vernichtet. Das ist der Haken der Langsamkeit . Umweltschützer halten den Granatbarsch daher für bedroht. Sichere Studien dazu gibt es aber nicht – denn Tiefseefische sind naturgemäß schwer zu erforschen. In der Roten Liste gefährdeter Arten taucht er nicht einmal auf. Nur seine Verwandten Hoplostethus metallicus und marisrubri werden dort geführt, Gefährdungsstatut: unklar.

Natürliches Nachtsichtgerät

Auch wenn der Granatbarsch mit seinen besonders großen Augen vermutlich noch in 1.000 Metern Tiefe in der Lage ist, Sonnenlicht wahrzunehmen – bei der Suche nach einem potentziellen Paarungspartner nutzt ihm das wenig: Es ist nämlich keiner da. Deshalb veranstalten die meist solo lebenden Barsche jedes Jahr ein Laich-Meeting für ein bis zwei Monate.

Der simple Gedanke: Je mehr Fische da sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Eier befruchtet werden. Getroffen wird sich an Orten, wo es günstige Strömungen und dadurch viel Nahrung gibt. In den Seebergen zum Beispiel. Die Anreise ins Laichgebiet kann mehrere hundert Kilometer weit sein. Das dauert. Aber der Granatbarsch hat ja Zeit.