Die gerade fünf Wochen alte Schleiereule "Ronja" im Wildpark Eekholt (Archivbild vom 22.08.2008) © Horst Pfeiffer/dpa

Wer sich unter der Schleiereule eine mit dünnen Stoffen behängte Eule vorstellt, liegt genauso daneben, wie derjenige, dem die Fantasie – unbelastet von zoologischen Fakten – einen wild um sich schießenden Pistolenkrebs in den Kopf zaubert. Das Wort Schleier stammt in diesem Fall aus dem weidmännischen Sprachgut. Etwa seit dem 16. Jahrhundert bezeichnen Jäger den herzförmigen Federkranz, den Tyto alba um die Augen trägt, als Schleier. Etwas missverständlich, denn die Pracht vernebelt dem Nachtjäger keinesfalls die Sinne.

Tagsüber tarnt sich das Tier zwar als teilnahmsloser Beobachter des Trubels auf dem Waldboden und hockt wie ein zersprengtes Schaumstoffkissen ohne größere Regung zwischen den Ästen. Doch in der Nacht spitzt der Vogel die Ohren.

Ein Federkranz als Verstärker

Die Schleiereule kann Geräusche hören, die zehnmal leiser sind als das, was menschliche Ohren noch wahrenehmen können. Dazu trägt ihr Schleier entscheidend bei. Der Federkranz fängt das leise Rascheln der Maus, die durch das Wiesengras flüchtet, ähnlich einer Parabolantenne ein und verstärkt den Schall mit Hilfe steifer Federn, die sich am Rande des Kranzes befinden. Diese schwingen wie der Resonanzkörper eines Musikinstrumentes mit, ganz im Gegensatz zu den zarten Federn im Inneren des Schleiers, die den Schall rasch durchlassen.

Das Gehör der Schleiereule ist so fein und präzise, dass sie selbst in absoluter Dunkelheit zum Erfolg kommt. Es sind Fälle beschrieben, in denen die Eulen durch einen Sprung in den tiefen Schnee, allein mit Hilfe des Gehörs, Beute machten. Wenn eine Schleiereule einen viel versprechenden Laut hört, richtet sie Kopf und Blick rasch in dessen Richtung. Stammt das Geräusch tatsächlich von einem Beutetier, stürzt sich die Eule kopfüber in die Dunkelheit, immer darauf bedacht, sämtliche Sinne auf die Geräuschquelle zu konzentrieren. Kurz vor dem Aufprall wird der Kopf zurückgenommen, die Krallen vorgestreckt und das Opfer gepackt.

Während es beim Menschen eher als Laune der Natur angesehen wird, wenn linkes und rechtes Ohr in Form und Position variieren, ist diese Asymmetrie bei der Schleiereule Programm. Dadurch gelingt es ihr trotz des kleinen Kopfes, Lautstärke- und Laufzeitenunterschiede zwischen dem Ohr, das dem Geräusch zugewandt ist, und demjenigen, das abgewandt ist, präzise zu bestimmen. Die Schallquelle ist damit rasend schnell auszumachen und der leere Magen füllt sich.