Das unterschätzte TierDas Schwein weiß um sein Ich

Müssten Hausschweine zum Amt, wüssten sie, wann sie dran sind. Und Geräte bedienen können sie auch. Eine Hommage an das verkannte Borstenvieh. von Claudia Füßler

Ein Hausschwein

Ein Hausschwein  |  © aremac/photocase.com

Das Schwein gehört zu den intelligentesten Säugetieren. Wer also in Momenten der emotionalen Entgleisung sein Gegenüber als "dummes Schwein" beschimpft, offenbart, dass er keine Ahnung hat. "Man geht davon aus, dass Schweine mehr Kommandos lernen können als Hunde", sagt Sandra Düpjan , die am Leibniz-Institut für Nutztiere in Dummerstorf (ja, der Ort heißt wirklich so) seit vielen Jahren mit Schweinen arbeitet. "Mit der Rüsselscheibe und den Zähnen untersuchen die neugierigen Tiere zielstrebig alles, was ihnen unterkommt", sagt die Verhaltensforscherin.

Schweine fressen, wenn sie dran sind

Dass Hausschweine auf einen Namen hören, machten sich die Forscher aus Dummerstorf mit Kollegen vom Friedrich-Loeffler-Institut bei Experimenten in einem Stall in Niedersachsen zunutze. Sie brachten den Ferkeln – in einer Schweineschulklasse mit nicht mehr als zehn Schülern – zunächst dreisilbige Namen, wie Brunhilde, Griselda oder Edelgard, bei.

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Diese Fähigkeit brauchten die erwachsenen Schweine später bei der straff durchorganisierten Fütterung – ein Prozedere, wie auf dem Amt. Über Lautsprecher wurde jede der knapp 40 sehnsüchtig auf Futter wartenden Sauen einzeln aufgerufen. Nur das Schwein, das auch dran war , bekam am Futterautomaten etwas zu fressen. Die Identität wurde dabei streng geprüft – statt mit einem Personalausweis funktioniert das im Schweinestall über einen Chip im Ohr.

Das Hausschwein

Das Hausschwein (Sus scrofa domestica) stammt vom Wildschwein ab und wurde vor etwa 9.000 bis 10.000 Jahren vom Menschen domestiziert. Einziger Zweck: die Fleischerzeugung. Heute beträgt der durchschnittliche Prokopfverbrauch an Schweinefleisch in Deutschland 39 Kilo pro Jahr.

Schweine sind Allesfresser, sie leben gern in Gruppen zusammen und pflegen strenge Hierarchien. Sie können sehr gut riechen und hören und werden – wenn sie nicht vorher geschlachtet werden – bis zu zwölf Jahre alt. Schweine kommunizieren in einer eigenen Sprache. Rund 20 verschiedene Oinks haben Biologen schon identifiziert.

Nach anfänglicher Verwirrung – nicht selten liefen mehrere Sauen gleichzeitig zum Trog, wenn es aus dem Lautsprecher losdröhnte – hatten die Schweine das System kapiert. "Besonders faszinierend ist, dass die Schweine, die nicht aufgerufen waren, einfach ruhig liegen blieben, selbst bei der Herzfrequenz wurde keinerlei Reaktion gemessen", sagt Düpjan. Ertönte ihr Name, rannten sie sprichwörtlich im Schweinsgalopp zur Futterstelle. Einzelne Tiere wurden schon mit 50 km/h gemessen ! Schnell ist das Schwein auch beim Fressen: Ein Kilo Nahrung hat es in fünf Minuten verputzt.

Landwirten, die mit den Tieren arbeiten, wissen seit Jahrhunderten um die schweinische Intelligenz. Ein Bauer aus Dänemark kam Ende der neunziger Jahre sogar auf die Idee, die schlauen Tiere mitarbeiten zu lassen. Seine Schweine steuerten mithilfe eines Joysticks Belüftung und Temperatur im Stall selbst.

Von Spiegeln lassen sich Schweine nicht täuschen

Wie Elefanten, Delfine und Primaten können sich Schweine selbst im Spiegel erkennen und haben offensichtlich eine Form von Selbstbewusstsein. Für eine Studie, die 2009 im Magazin Animal Behaviour erschien, testeten britischen Forscher, inwieweit die Tiere die Reflexionen des Spiegels verstanden. Sie versteckten Futter hinter einer Abdeckung, sodass es nur im Spiegel zu sehen war. Die Schweine durchschauten den Trick und liefen schnurstracks zum Futter. "Das heißt, sie können auch räumliche Informationen, die sie über den Spiegel bekommen, verarbeiten und wissen, wo sie selbst sich in dieser Konstellation befinden", sagt Düpjan.

Trotz allem klebt das Image der Blödheit am Schwein wie zäher Dreck. Aber Achtung: Auch die Behauptung, Schweine seien schmutzig, ist ein Mythos. Zwar stürzt sich das Hausschwein mit großem Vergnügen in jedes Schlammloch und wälzt sich genüsslich. Das mag nach Sauerei aussehen. De facto aber handelt das Borstenvieh auch dabei wieder klug: Der Schlamm auf seiner Haut wehrt Insekten ab, kühlt und schützt im Sommer vor Sonnenbrand. Wenn es genug Platz hat, achtet das Schwein sogar in seiner Stallbucht peinlich genau auf die Trennung von Toilette und seiner Schlaf- und Liegeecke, in der es bis zu 13 Stunden am Tag pennt.

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Leserkommentare
    • pekka
    • 05. Juni 2012 17:29 Uhr

    Der Genießer weiß natürlich um die Wünsche der Schweine und achtet beim Kauf des Fleisches darauf, dass der Bauer vorher vernünftig mit seinen Tieren umgegangen ist! Denn der Genießer weiß, dass nur Schweine aus artgerechter Haltung vorzügliches Fleisch liefern! Es ist einfach ein geschmacklicher Unterschied ob das Tier aus der Mastanlage kommt, oder sich auch draußen im Dreck wälzen kann und viel Platz bekommt.
    Auf der anderen Seite ist es aber einfach eine moralische Frage: wie gehe ich mit meinen Tieren um? Die Antwort ist einfach: meine Tiere sollen sich wohl fühlen!

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    dann schmecken sie auch besser!

    • Lassek
    • 15. Dezember 2012 23:25 Uhr

    schlage deinen Sklaven nicht allzu hart, dann arbeitet er auch besser...

  1. "Das einzig ekelhafte an Schweinen ist unser Umgang mit ihnen. Die gängige Schweinezucht läßt diesen klugen, freundlichen Tieren nichts als Fressen bis zum Schlachten. Ihr Lebensraum: 2,13qm. Ihr Ausweg: Flucht in den Wahnsinn und in die Krankheit. 80% aller Schweine aus der Massentierhaltung haben zum Zeitpunkt ihrer Vernichtung eine Lungenentzündung. Mit Beta-Blockern überleben sie die letzte Fahrt zum Schlachthof. In Deutschland werden 40 Millionen Schweine jährlich geschlachtet. Jeder Bürger tötet mit Messer und Gabel und mit seinem Konsum in seinem Leben etwa 40 Schweine."

    http://www.nmbiking.de/zwanzig.htm

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    kein Mord da die Gewinnung von Fleisch indem man ein Tier tötet weder verwerflich noch ein niederer Beweggrund ist. Das ist einfach ganz billige Polemik...

    Ich bin aber durchaus der Meinung das wir ein grundsätzliches Problem haben mit der Art und Weise wie wir unsere Nutztiere behandeln und halten. Da ist ein Umdenken erforderlich und vor allem die drastische Senkung des pro Kopf Konsums bei gleichzeitiger Anhebung der Preise.

  2. Kein wunder dass Schweine in George Orwells "Animal Farm" auch die Anfuehrer sind. ;-)

    Was besondere Intelligenz angeht, koennen Schweine locker mit Raben, Octopusse, und Delphine mithalten. Es ist schon faszinierend.

  3. kein Mord da die Gewinnung von Fleisch indem man ein Tier tötet weder verwerflich noch ein niederer Beweggrund ist. Das ist einfach ganz billige Polemik...

    Ich bin aber durchaus der Meinung das wir ein grundsätzliches Problem haben mit der Art und Weise wie wir unsere Nutztiere behandeln und halten. Da ist ein Umdenken erforderlich und vor allem die drastische Senkung des pro Kopf Konsums bei gleichzeitiger Anhebung der Preise.

    2 Leserempfehlungen
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    Da lehnst du dich weit aus dem Fenster, das ist nämlich pure Philosophie.

    "Es ist kein Mord da die Gewinnung von Fleisch indem man ein Tier tötet weder verwerflich noch ein niederer Beweggrund ist."

    Ab welchem IQ wird es denn dann verwerflich (dürfte man ein menschliches Baby essen)? Oder ist es die Rasse die hier den Unterschied macht (also dürfte man z.B. Primaten schlachten)? Oder ist es die Gefühlslage des Tieres und seiner Angehörigen (trauern Tiere)? Früher nahm man bequemerweise das Bewusstsein, denn dieses lässt sich schwer nachweisen. Dummerweise bemerkt man nun, dass doch viele Tiere offenbar eines haben. Oder gibt uns die Geschichte recht (ala: haben wir schon immer gemacht) oder die Natur (ala: andere Tiere machen das auch)?

    Ich bin kein Vegetarier, aber ich gebe zu, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich gelegentlich und zunehmend seltener Fleisch esse. Insbesondere das von Tieren, die man als semiintelligent einschätzen muss.

    "Da ist ein Umdenken erforderlich und vor allem die drastische Senkung des pro Kopf Konsums bei gleichzeitiger Anhebung der Preise."

    Das einzige was nötig wäre und auch Breitenwirkung zeigen würde, wären gesetzliche Vorschriften und eine Kontrolle der Importe.

    • 15thMD
    • 05. Juni 2012 21:05 Uhr

    "Es ist kein Mord da die Gewinnung von Fleisch indem man ein Tier tötet weder verwerflich noch ein niederer Beweggrund ist. Das ist einfach ganz billige Polemik..."

    Ich töte Sie, wenn ich hunger habe und es ist kein Mord?
    Sie sind ein Tier, ich gewinne Fleisch und danach bin ich satt. Super, kein Mord, nicht verwerflich. Wo wohnen Sie?

    15thMD, ich lebe in Deutschland und Sie? Menschen und Tiere sind nicht gleich, genau so wenig wie Herbivoren und Lebewesen die Photosynthese.

    15thMD, ich lebe in Deutschland und Sie? Menschen und Tiere sind nicht gleich, genau so wenig wie Herbivoren und Lebewesen die Photosynthese betreiben.

    • timego
    • 05. Juni 2012 22:39 Uhr

    kein (Schweine)Fleisch mehr essen :-)
    Geht ganz gut muss ich sagen.

    wird dadurch nicht besser wenn ein Gesetz behauptet es wäre kein Mord.
    Wen es interessiert: Im 5. Gebot steht "Du sollst nicht töten". Da steht nicht: Bei Tieren darf man das oder das gilt nur für Menschen.

    Wie es in Schlachthäusern zugeht sieht man hier:
    http://www.animalaid.org.uk/h/f/CAMPAIGNS/blog//4//?be_id=283

    Schweine können übrigens 15 Jahre leben.
    https://www.vebu.de/aktuelles/veranstaltungen/vergangene-veranstaltungen...

    "Es ist kein Mord, da die Gewinnung von Fleisch indem man ein Tier tötet weder verwerflich noch ein niederer Beweggrund ist."

    Nein? Ein Wesen, dass sich selbst erkennt, kennt auch Angst und erkennt unter welchen Umständen es lebt. Es leidet an den engen Ställen und wahrscheinlich auch an den anderen Aspekten seiner Gefangenschaft - Wer weiß, vielleicht verbeisst manche Sau ihre eben geborenen Ferkel nicht aus Hunger oder Wut oder in einer Art Kindbettpsychose, sondern aus Mitgefühl, weil sie ihnen das eigene Schicksal ersparen möchte?

    Also, so ungewohnt sich das anhört, wundern würde mich das nicht, wenn ich an die Fähigkeit unseres verstorbenen Hundes zum Mitgefühl denke - nachdem ich einen modernen Schweinemast-Großbetrieb im Film gesehen habe.

    Wir Menschen sind derart egozentrisch in unserer Sicht der Welt, das ist unglaublich. Und wir tendieren dazu, alles zu leugnen, was nicht ins bisher aufgebaute Weltbild passt. Dabei sind wir oft nicht zimperlich - zack, es ist nicht, was nicht sein darf (für das eigene Selbstbild vom ethisch hochentwickelten und intelligenten, selbstbewussten Wesen!!) Wir reden von Menschenwürde, aber was ist mit der natürlichen Würde der Tiere?

    • Lassek
    • 15. Dezember 2012 23:33 Uhr

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/au

  4. So ein Schwein ohne Ohrmarke ist doch in Deutschland gar nicht erlaubt. Da ist jedes Tier ( Kühe auch ) behördlich registriert.

    Schweine sind, wie viele Tiere, äußerst reinlich, wenn sie Gelegenheit dazu haben.

    Nur Hunde kacken alles voll.

    Schweine baden auch in sauberem Wasser .

    Da Schweine nicht schwitzen können vertragen sie nicht viel Stress, vor allem bei Wärme.

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    gebe Ihnen vollkommen recht bis auf einen Punkt; ansatzweise normal sozialisierte Hunde kacken nicht alles voll sondern sind bei der Wahl ihrer Örtlichkeiten für das große Geschäft sehr wählerisch: nicht im eigenen Garten, nicht direkt auf dem Wegen in ihrem Terriotorium, sondern etwas abseits ihrer normalen Wege z.B. im Gebüsch neben dem Waldweg, denn ein Haufen unterbricht die "Hundezeitung", die ein normaler Hund auf seinem Weg lesen will! Aber normal sozialisierte Hunde findet man in unserer Gesellschaft nur noch ganz selten - sie haben sich leider zu sehr ihren asozial aggierenden Besitzern angepasst, die in den meisten Fällen auch kein Problem hätten, dem Nachbarn vor die Tür zu kacken, wenn das keine Strafe nach sich ziehen würde. Aber die Dummheit der Menschen (oder Intoleranz so mancher Hundebesitzer)sollte Sie nicht an einer angeborenen Intelligenz von Hunden per se zweifeln lassen!

  5. 6. Darauf

    ein Schnitzel.

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    hahahahahahahaha, der war gut.
    Selbst nach 10000000 mal, immer wieder witzig, Wahnsinn!

  6. Kleiner Scherz.

    Nein, aber ehrlich: Hunde lassen sich gut als mästen und sind dümmer als Schweine, sollte man sie nicht in Fabrikhallen halten, am Fließband umbringen und essen?
    Oh nein, das wäre ja grausam nicht?
    Genauso wie das massenhafte töten von Schweinen...

    4 Leserempfehlungen
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    • pekka
    • 05. Juni 2012 19:32 Uhr

    Was spricht dagegen?

    ...daneben, das Schlachten von u.a. Hunden ist laut:
    http://www.gesetze-im-internet.de/tier-lmhv/__22.html
    erst seit 2010 in Deutschland ausdrücklich verboten!

  7. Tante Edit lässt grüßen...

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