GenomentzifferungWas den Bonobo unter den Menschenaffen einzigartig macht

Das letzte Affengenom ist entziffert: Genetiker haben das Erbgut des kaum erforschten Bonobo untersucht. Es zeigt, wie unabhängig sich der Menschenaffe entwickelte. von 

Bonobo Affe Genom

Ein einjähriges Bonobo-Junges aus dem Berliner Zoo  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Knapp 16 Millionen Jahre ist es her, da lebte auf der Erde irgendein Affe. Er war der Vorfahr aller heute lebenden Menschenaffen: Aus ihm entwickelten sich Orang-Utan , Gorilla , Schimpanse, Bonobo und auch der Mensch. Aber wie genau geschah das? Kreuzten sich all die Menschenaffen? Oder gingen sie getrennte Wege?

Um solche Fragen beantworten zu können, haben Genetiker aus Leipzig das Genom des noch wenig erforschten Bonobos entziffert. Mit ihrer Arbeit, die sie im Magazin Nature veröffentlicht haben, ist das Puzzle aus Menschenaffen-Erbgut erstmals komplett.

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Pate für die Analyse stand das Bonobo-Weibchen Ulindi aus dem Leipziger Zoo. Aus dessen weißen Blutkörperchen isolierten die Forscher um Kay Prüfer und Svante Päabo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie die DNA. Rund 40 internationale Wissenschaftler arbeiteten an der Analyse, bis das Bonobo-Genom in einem Zustand war, dass man es mit dem Erbgut von Mensch und Schimpanse vergleichen konnte.

Falsche Bestimmung eines Bonobo-Schädels

In der Sammlung des in der Kolonialzeit entstandenen Kongo-Museums in Belgien – heute das Königliche Museum für Zentralafrika – fiel dem deutschen Zoologen Ernst Schwarz in den zwanziger Jahren ein besonders kleiner Affenschädel auf. Einsortiert war der als Überrest eines Jungschimpansen.

Schwarz untersuchte den Schädel genauer: Dieser unterschied sich so stark vom Gemeinen Schimpansen (Pan troglodytes), dass der Forscher ihn 1929 zu einer Unterart erklärte: dem Zwergschimpansen. Bis heute werden Bonobos fälschlicherweise so genannt. Auch ihr lateinischer Artname Pan paniscus zeugt bis heute von diesem Irrtum: Denn der Schimpanse trägt den Gattungsnamen Pan nach dem gleichnamigen Hirtengott. Pan paniscus bedeutet demnach so viel wie "kleiner Schimpanse".

Entdeckerstreit

Erst Harold Coolidge erkannte im Bonobo eine eigene Art. Als der amerikanische Anthropologe, der den Kopf ebenfalls aus dem belgischen Museum kannte, 1982 diese Entdeckung für sich beanspruchte, war Schwarz schon 20 Jahre tot. Bis heute ist der Forscherstreit nicht ganz aufgeklärt. Offiziell gilt Schwarz weiter als Entdecker.

Die genetischen Analysen belegen nun eindeutig, dass sich Schimpanse und Bonobo schon seit rund einer Millionen Jahren nicht mehr gekreuzt haben.

Herausgekommen ist Erstaunliches: Obwohl Schimpansen und Bonobos viel enger verwandt sind als der Mensch mit beiden Arten, gibt es einige Bereiche des Genoms, die etwas anderes zeigen. "In 1,6 Prozent der untersuchten Stellen ähnelt sich die Erbinformation von Mensch und Bonobo mehr als die von Schimpanse und Bonobo", sagt Prüfer. "In weiteren 1,7 Prozent ist das menschliche Genom näher am Schimpansen dran als das des Bonobos."

Verhält sich der Mensch deshalb wie ein Bonobo?

Dagny Lüdemann
Dagny Lüdemann

Dagny Lüdemann leitet das Ressort Wissen, Digital und Studium bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Aber was heißt das? Lassen sich daraus Rückschlüsse auf das unterschiedliche Sozialverhalten von Schimpanse und Bonobo ziehen? Immerhin herrscht unter Schimpansen eine stark von Männchen umkämpfte Hierarchie, während Bonobos weniger aggressiv und gleichzeitig verspielter sind. Die Weibchen sind unter Bonobos Taktgeber des ausgeprägten Soziallebens. Außerdem zeigen Bonobos, anders als alle anderen Affen, Sexualverhalten, das nicht direkt zur Fortpflanzung dient. Lässt sich anhand der Affen-Gene vielleicht sogar manches Phänomen der menschlichen Gesellschaft deuten?

Nein, sagt Hauptautor Prüfer. "Über die Sequenzen verstehen wir noch viel zu wenig, um auf das Verhalten der verschiedenen Menschenaffen einschließlich des Homo sapiens schließen zu können. Um das zu wagen, müssen noch viele Affengenome ausgewertet werden", sagte Prüfer ZEIT ONLINE.

Die Ergebnisse der Erbgut-Analyse untermauern aber, dass Bonobo und Schimpanse schon lange eigenständige Arten sind. Weil das bei ihrer Erstbeschreibung anhand eines Schädels aus dem Fundus eines belgischen Kolonie-Museums im Jahr 1929 nicht erkannt wurde, werden sie bis heute irrtümlich als Zwergschimpansen bezeichnet.

Leserkommentare
  1. hatte 1993 einen Artikel im GEO Magazin darüber wie Bonobos soziale Konflikte durch Sex "beilegen". Zunächst hatte er versucht diese Ergebnisse bei amerikanischen Magazinen zu veröffentlichen, war aber abgeblitzt...

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    • rubu
    • 13. Juni 2012 22:22 Uhr

    Und es gab damals einiges an bitterbösen, moralinsauren Leserbriefen, die sich über die beschriebenen "Sauereien" empörten.

    ... abgebildet, welches sinnigerweise in Missionarsstellung auf einem Stuhl ( sie saß drauf und er stand davor, ziemlich praktisch ) Sex hatte ... im Text wurde das überhaupt nicht erklärt. So konnte sich der Eindruck aufdrängen, dass mit einer ( unnatürlichen? ) Verhaltensweise im Zoo die Natur "erklärt" werden sollte.

  2. So jedenfalls der im Kommentar 1 erwähnte Verhaltensforscher. Das Sexualverhalten dieser Primaten ist dermaßen ausgeprägt, dass es gern verschwiegen, oder wie im vorstehenden Artikel, nur vorsichtig angedeutet wird.

    Frans de Waal beschreibt dies in seinem Buch "Wilde Diplomaten" ausführlich.

    Bonobos probieren alle möglichen Stellungen aus. In der Gefangenschaft bevorzugen sie offenbar zu 80 % die Missionarsstellung (de Waal erklärt warum) und in der Wildnis zu 30 %. Nicht nur gleichgeschlechtlicher Sex ist sehr häufig, sondern auch derjenige mit Kindern, aber immer nur einvernehmlich.

    Bonobos scheinen intelligenter zu sein als andere Menschenaffen und gehen offenbar leichter auf 2 Beinen (10 % der Fortbewegungsweise).

    Hervorzuheben ist ihre ausgesprochene Friedfertigkeit und ihre ausgeprägte Fähigkeit, Konflikte einvernehmlich zu lösen.

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    Bei uns wird ein Film mit Gewaltdarstellungen als weniger jugendgefährdend empfunden als ein Film mit Sexszenen. In Amerika werden stillende Mütter als anstößig empfunden.

    Andere Frage:Was soll der nachfolgende Satz denn aussagen???:
    "Im Gegensatz zu allen anderen Menschenaffenarten, die bisher untersucht wurden – und das gilt auch für den Menschen selbst – haben wir keine Vermischung zwischen Bonobo und Schimpanse feststellen können"???

  3. Bonobos haben eindeutig mehr Sex.

    Wenns darum geht, verhalten sich einige Männchen bei uns, eher wie Schimpansen.

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    Er ist aggressiv, wie diese Tierart. Aus Angst vor Gewalttätigkeiten wagen es nur wenige Zoos, größere Schimpansengruppen einzurichten. Wissenschaftliche Berichte über hinterhältige Schimpansenmorde liegen vor. Bonobos, Orang Utans und Gorillas sind wesentlich friedfertiger.

    Die letzten beiden konnten sich, bis der Mensch ihnen die Lebensgrundlage raubte, evolutionär wohl auf Grund ihrer Körperkraft und ihrer Größe, die sie für Fressfeinde kaum angreifbar machte durchsetzen. Die kleineren Schimpansen vermutlich eher auf Grund einer anderen Taktik, nämlich Bildung größerer Gruppen, wobei kein Zweifel an der Kraft dieser kleineren Affen aufkommen sollte. Ein normaler Schimpanse ist mindestens noch zweimal stärker, als ein Mann vom Format Bud Spencers.

    Beunruhigend ist, dass die friedfertigen Bonobos sich nur an einem einzigen Ort der Welt durchsetzen konnten und dies auch nur in beschränkter Anzahl.

    Wenns darum geht, verhalten sich einige Männchen bei uns, eher wie Schimpansen

    Wie jetzt? Einige Menschen-Männchen haben ausschließlich Sex um Nachkommen zu zeugen? Die sind aber wirklich extrem selten.

    Wie im Artikel beschrieben ist der Mensch einmal dem Schimpansen aehnlicher, und einmal dem Bonobo. Hier wird mal wieder ein Tier mit menschlich-westlicher Ethik gemessen.

    Maennliche Loewen toeten uebrigens die Jungen von fremden Maennchen wenn sie deren Weibchen "erobert" haben ...

    • rubu
    • 13. Juni 2012 22:22 Uhr

    Und es gab damals einiges an bitterbösen, moralinsauren Leserbriefen, die sich über die beschriebenen "Sauereien" empörten.

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    Antwort auf "Frans de Waal"
  4. ...dem "Bono Sapiens" (der gut wissende)

    Die Welt wäre eine bessere!

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke. Die Redaktion/kvk

  5. Er ist aggressiv, wie diese Tierart. Aus Angst vor Gewalttätigkeiten wagen es nur wenige Zoos, größere Schimpansengruppen einzurichten. Wissenschaftliche Berichte über hinterhältige Schimpansenmorde liegen vor. Bonobos, Orang Utans und Gorillas sind wesentlich friedfertiger.

    Die letzten beiden konnten sich, bis der Mensch ihnen die Lebensgrundlage raubte, evolutionär wohl auf Grund ihrer Körperkraft und ihrer Größe, die sie für Fressfeinde kaum angreifbar machte durchsetzen. Die kleineren Schimpansen vermutlich eher auf Grund einer anderen Taktik, nämlich Bildung größerer Gruppen, wobei kein Zweifel an der Kraft dieser kleineren Affen aufkommen sollte. Ein normaler Schimpanse ist mindestens noch zweimal stärker, als ein Mann vom Format Bud Spencers.

    Beunruhigend ist, dass die friedfertigen Bonobos sich nur an einem einzigen Ort der Welt durchsetzen konnten und dies auch nur in beschränkter Anzahl.

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    "Beunruhigend ist, dass die friedfertigen Bonobos sich nur an einem einzigen Ort der Welt durchsetzen konnten und dies auch nur in beschränkter Anzahl."

    Mir scheint, Sie hängen einer sehr idealistischen und verklärenden Sichtweise auf die Natur an. Mit der gleichen Berechtigung könnten Sie es beunruhigend finden, dass Löwen darauf beharren, sich von Gnus zu ernähren anstatt von Gras und das, obwohl ein Gnu fortläuft, wenn man es fressen will und Gras nicht.

  6. Wenns darum geht, verhalten sich einige Männchen bei uns, eher wie Schimpansen

    Wie jetzt? Einige Menschen-Männchen haben ausschließlich Sex um Nachkommen zu zeugen? Die sind aber wirklich extrem selten.

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  7. "Beunruhigend ist, dass die friedfertigen Bonobos sich nur an einem einzigen Ort der Welt durchsetzen konnten und dies auch nur in beschränkter Anzahl."

    Mir scheint, Sie hängen einer sehr idealistischen und verklärenden Sichtweise auf die Natur an. Mit der gleichen Berechtigung könnten Sie es beunruhigend finden, dass Löwen darauf beharren, sich von Gnus zu ernähren anstatt von Gras und das, obwohl ein Gnu fortläuft, wenn man es fressen will und Gras nicht.

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    Aus diesem Grund ist das Verhalten von Löwen nur sehr eingeschränkt geeignet, Vergleiche mit menschlichem Verhalten durchzuführen.

    Bei unseren nächsten Verwandten beträgt die Übereinstimmung der DNA jedoch ca. 98,4 % bei Schimpansen, 98 % bei Bonobos 97,7 % bei Gorillas und 96,4 % bei Orang-Utans.

    http://www.menschenaffen....

    Die Verhaltensforschung interessiert sich deshalb sehr für die Gemeinsamkeiten und Unterschiede und wodurch diese ausgelöst werden. Die Tiere können, was bei Menschen aus ethischen Gründen nicht möglich ist, unter Laborbedingungen beobachtet werden.

    Die Beobachtungen können z. B. zur Untersuchung verwendet werden, ob Menschen unter bestimmten Bedingungen ähnlich reagieren. Interessant sind hier besonders die in größeren Gemeinschaft lebenden Schimpansen und Bonobos.

    Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Faktoren, die Aggressionen auslösen, verhindern und abbauen, weil diese auch beim Menschen noch nicht hinreichend erforscht und erklärt sind.

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  • Schlagworte Affe | DNA | Erbgut | Fortpflanzung | Genom | Meeresspiegel
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