Genomentzifferung : Was den Bonobo unter den Menschenaffen einzigartig macht

Das letzte Affengenom ist entziffert: Genetiker haben das Erbgut des kaum erforschten Bonobo untersucht. Es zeigt, wie unabhängig sich der Menschenaffe entwickelte.
Ein einjähriges Bonobo-Junges aus dem Berliner Zoo © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Knapp 16 Millionen Jahre ist es her, da lebte auf der Erde irgendein Affe. Er war der Vorfahr aller heute lebenden Menschenaffen: Aus ihm entwickelten sich Orang-Utan , Gorilla , Schimpanse, Bonobo und auch der Mensch. Aber wie genau geschah das? Kreuzten sich all die Menschenaffen? Oder gingen sie getrennte Wege?

Um solche Fragen beantworten zu können, haben Genetiker aus Leipzig das Genom des noch wenig erforschten Bonobos entziffert. Mit ihrer Arbeit, die sie im Magazin Nature veröffentlicht haben, ist das Puzzle aus Menschenaffen-Erbgut erstmals komplett.

Pate für die Analyse stand das Bonobo-Weibchen Ulindi aus dem Leipziger Zoo. Aus dessen weißen Blutkörperchen isolierten die Forscher um Kay Prüfer und Svante Päabo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie die DNA. Rund 40 internationale Wissenschaftler arbeiteten an der Analyse, bis das Bonobo-Genom in einem Zustand war, dass man es mit dem Erbgut von Mensch und Schimpanse vergleichen konnte.

Herausgekommen ist Erstaunliches: Obwohl Schimpansen und Bonobos viel enger verwandt sind als der Mensch mit beiden Arten, gibt es einige Bereiche des Genoms, die etwas anderes zeigen. "In 1,6 Prozent der untersuchten Stellen ähnelt sich die Erbinformation von Mensch und Bonobo mehr als die von Schimpanse und Bonobo", sagt Prüfer. "In weiteren 1,7 Prozent ist das menschliche Genom näher am Schimpansen dran als das des Bonobos."

Verhält sich der Mensch deshalb wie ein Bonobo?

Dagny Lüdemann

Dagny Lüdemann leitet das Ressort Wissen, Digital und Studium bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Aber was heißt das? Lassen sich daraus Rückschlüsse auf das unterschiedliche Sozialverhalten von Schimpanse und Bonobo ziehen? Immerhin herrscht unter Schimpansen eine stark von Männchen umkämpfte Hierarchie, während Bonobos weniger aggressiv und gleichzeitig verspielter sind. Die Weibchen sind unter Bonobos Taktgeber des ausgeprägten Soziallebens. Außerdem zeigen Bonobos, anders als alle anderen Affen, Sexualverhalten, das nicht direkt zur Fortpflanzung dient. Lässt sich anhand der Affen-Gene vielleicht sogar manches Phänomen der menschlichen Gesellschaft deuten?

Nein, sagt Hauptautor Prüfer. "Über die Sequenzen verstehen wir noch viel zu wenig, um auf das Verhalten der verschiedenen Menschenaffen einschließlich des Homo sapiens schließen zu können. Um das zu wagen, müssen noch viele Affengenome ausgewertet werden", sagte Prüfer ZEIT ONLINE.

Die Ergebnisse der Erbgut-Analyse untermauern aber, dass Bonobo und Schimpanse schon lange eigenständige Arten sind. Weil das bei ihrer Erstbeschreibung anhand eines Schädels aus dem Fundus eines belgischen Kolonie-Museums im Jahr 1929 nicht erkannt wurde, werden sie bis heute irrtümlich als Zwergschimpansen bezeichnet.

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Make love, not war könnte ein Bonobo-Slogan sein

So jedenfalls der im Kommentar 1 erwähnte Verhaltensforscher. Das Sexualverhalten dieser Primaten ist dermaßen ausgeprägt, dass es gern verschwiegen, oder wie im vorstehenden Artikel, nur vorsichtig angedeutet wird.

Frans de Waal beschreibt dies in seinem Buch "Wilde Diplomaten" ausführlich.

Bonobos probieren alle möglichen Stellungen aus. In der Gefangenschaft bevorzugen sie offenbar zu 80 % die Missionarsstellung (de Waal erklärt warum) und in der Wildnis zu 30 %. Nicht nur gleichgeschlechtlicher Sex ist sehr häufig, sondern auch derjenige mit Kindern, aber immer nur einvernehmlich.

Bonobos scheinen intelligenter zu sein als andere Menschenaffen und gehen offenbar leichter auf 2 Beinen (10 % der Fortbewegungsweise).

Hervorzuheben ist ihre ausgesprochene Friedfertigkeit und ihre ausgeprägte Fähigkeit, Konflikte einvernehmlich zu lösen.

FSK Freiwillige Selbstkontrolle bei Filmen

Bei uns wird ein Film mit Gewaltdarstellungen als weniger jugendgefährdend empfunden als ein Film mit Sexszenen. In Amerika werden stillende Mütter als anstößig empfunden.

Andere Frage:Was soll der nachfolgende Satz denn aussagen???:
"Im Gegensatz zu allen anderen Menschenaffenarten, die bisher untersucht wurden – und das gilt auch für den Menschen selbst – haben wir keine Vermischung zwischen Bonobo und Schimpanse feststellen können"???

Der Mensch ähnelt tatsächlich mehr den Schimpansen

Er ist aggressiv, wie diese Tierart. Aus Angst vor Gewalttätigkeiten wagen es nur wenige Zoos, größere Schimpansengruppen einzurichten. Wissenschaftliche Berichte über hinterhältige Schimpansenmorde liegen vor. Bonobos, Orang Utans und Gorillas sind wesentlich friedfertiger.

Die letzten beiden konnten sich, bis der Mensch ihnen die Lebensgrundlage raubte, evolutionär wohl auf Grund ihrer Körperkraft und ihrer Größe, die sie für Fressfeinde kaum angreifbar machte durchsetzen. Die kleineren Schimpansen vermutlich eher auf Grund einer anderen Taktik, nämlich Bildung größerer Gruppen, wobei kein Zweifel an der Kraft dieser kleineren Affen aufkommen sollte. Ein normaler Schimpanse ist mindestens noch zweimal stärker, als ein Mann vom Format Bud Spencers.

Beunruhigend ist, dass die friedfertigen Bonobos sich nur an einem einzigen Ort der Welt durchsetzen konnten und dies auch nur in beschränkter Anzahl.

Löwen sind keine Primaten Bonobo und Mensch

Aus diesem Grund ist das Verhalten von Löwen nur sehr eingeschränkt geeignet, Vergleiche mit menschlichem Verhalten durchzuführen.

Bei unseren nächsten Verwandten beträgt die Übereinstimmung der DNA jedoch ca. 98,4 % bei Schimpansen, 98 % bei Bonobos 97,7 % bei Gorillas und 96,4 % bei Orang-Utans.

http://www.menschenaffen....

Die Verhaltensforschung interessiert sich deshalb sehr für die Gemeinsamkeiten und Unterschiede und wodurch diese ausgelöst werden. Die Tiere können, was bei Menschen aus ethischen Gründen nicht möglich ist, unter Laborbedingungen beobachtet werden.

Die Beobachtungen können z. B. zur Untersuchung verwendet werden, ob Menschen unter bestimmten Bedingungen ähnlich reagieren. Interessant sind hier besonders die in größeren Gemeinschaft lebenden Schimpansen und Bonobos.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Faktoren, die Aggressionen auslösen, verhindern und abbauen, weil diese auch beim Menschen noch nicht hinreichend erforscht und erklärt sind.

An Ihrem ursprünglichen Kommentar

stießen mir mehrere Dinge auf. Erstens die Annahme, dass es beunruhigend sei, dass die friedfertigen Bonobos nur einen Bruchteil des Lebensraumes von Schimpansen besiedelten, sich somit nicht gegen diese durchgesetzt hätten. Sie implizieren damit, dass für das evolutionäre Überleben einer Art auch moralische Dimensionen zu berücksichtigen wären, selbst wenn Sie im Nachhinein relativieren, dass sich dies nur auf Menschenaffen bezöge. Diese Ansicht finde ich wie gesagt eine arg verklärende Sichtweise der Natur.

Zweitens halte ich es für fragwürdig, wenn Sie das Aggressionsverhalten der Menschen eher mit dem der Schimpansen als mit dem der Bonobos gleichsetzen. Woran bemessen Sie das? Hoffentlich nicht an dem von Ihnen genannten etwas höheren Übereinstimmungsgrad der Schimpansen-DNA.

Und drittens wären Sie und ich nicht hier, wenn das Aggressionsverhalten der Vormenschen nicht so gewesen wäre, wie es war. Dann würden unsere Vorfahren nämlich nicht überlebt haben. Mit einiger Wahrscheinlichkeit sogar mit der Konsequenz, dass es heute keinen Homo sapiens gäbe, der in der Lage ist, sich Gedanken um diese Dinge zu machen.

Wenn unser Aggressionverhalten anders gewesen wäre

wären wir womöglich nicht hier, jedenfalls nicht so wie wir nun einmal sind.

Wir sind aber evolutionär gesehen in ganz nüchterner nicht verklärender Sichtweise bisher nur einen ganz kurzen Zeitraum der Evolutionsgeschichte hier.

Ob wir bei unserem Aggressionsverhalten noch in 100 oder 200 Jahren da sind, ist durchaus nicht sicher. Da lohnt sich schon ein Blick auf unsere nächsten Verwandten.

Der Übereinstimmungsgrad der DNS bei Schimpansen ist gerade nicht so gravierend höher, dass damit unsere nähere Ähnlichkeit im Verhalten mit diesen Primaten erklärt werden könnte. Die Ähnlichkeit erklärt sich aus dem von Wissenschaftlern beobachteten und nach wissenschaftlichen Maßstäben dokumentierten Verhalten. Sie ist also wohl nicht genetisch zwingend.

Aufzuklären, weshalb die Bonobos völlig anders sind und wie wir, die wir uns ja für wesentlich intelligenter halten als die anderen Primaten, darauf reagieren können, z. B. durch Erziehung, Städtebau usw. halte ich für eine wichtige Aufgabe, um das Überleben unserer Enkel und Urenkel und deren Enkel zu sichern, nicht nur für die nächsten 100 Jahre.