Nach Ansicht von Forschern könnten Klimawandel , Bevölkerungswachstum und Umweltzerstörung möglicherweise noch in diesem Jahrhundert das Ökosystem unwiderruflich kollabieren lassen. Es könne plötzlich kippen und nicht, wie allgemein angenommen, über Jahrhunderte hinweg langsam zusammenbrechen , warnten sie in einer vom Fachmagazin Nature veröffentlichten Studie. Ohne Gegenmaßnahmen könnte der "kritische Punkt" schon bald erreicht sein, mahnten sie im Vorfeld der UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung Ende Juni in Rio de Janeiro.

Für die Studie arbeiteten insgesamt 22 Biologen, Ökologen, Geologen und Paläontologen aus drei Kontinenten zusammen. Sie verglichen die Auswirkungen früherer weltweiter Umweltveränderungen – wie etwa während der Eiszeit – auf Flora und Fauna mit dem aktuellen Wandel. In ihren Berechnungen gingen sie von einem Anstieg der Bevölkerung auf 9,3 Milliarden bis 2050 und einer Klimaerwärmung aus, die das UN-Begrenzungsziel von zwei Grad Celsius übersteigt . Demnach wird das gesamte weltweite Ökonetz kollabieren, sobald 50 bis 90 Prozent der kleineren Ökosysteme in ihrer bisherigen Form zerstört sind.

Laut der Studie werden schon heute 43 Prozent der eisfreien Erdoberfläche für Landwirtschaft und zum Wohnen genutzt. Sollte der Trend anhalten, wäre die potenziell gefährliche 50-Prozent-Marke bereits 2025 erreicht. Ein Zusammenbruch des ökologischen Gleichgewichts aber hätte verheerende Konsequenzen für die Fähigkeit, die Weltbevölkerung ausreichend ernähren zu können, so die Autoren. Die Entwicklung sei unumkehrbar, sagte der Biologe Anthony Barnosky von der Universität von Kalifornien , einer der führenden Autoren der Studie. "Biologisch gesehen wird es dann wirklich eine neue Welt geben".

Angesichts vieler Unwägbarkeiten wollen sich die Forscher allerdings nicht festlegen, wann genau der kritische Punkt erreicht sein wird. Und sie weisen darauf hin, dass die Menschheit nicht unvermeidlich darauf hinsteuert. Noch gebe es Zeit für Lösungen, wie etwa ein Ende der Verschwendung von Rohstoffen oder des Wachstumdenkens um jeden Preis. "Kurz gefasst: Bisher wurde noch nichts wirklich Relevantes unternommen, um das Schlimmste zu verhindern", sagte Arne Mooers, Professor für Biodiversität an der kanadischen Simon Fraser University.