Die Glocken läuten, die Kirchentür öffnet sich und heraus schreitet das frisch vermählte Paar. Sie: Weißes Kleid, schulterfrei, Strass im Haar, Schleier und Schleppe, zu ihren Füßen die Blumenkinder, im Arm je ein Körbchen, aus denen rosa Rosen quellen. Er: Dreiteiler mit schimmernder Silberweste, einem abgeknickten Krawatten-Ersatz, den Sekt schon in der Hand. Was passiert dann? Sie ahnen es. Die beste Freundin der Braut (cremefarbenes Cocktailkleid, Hut mit Kirschendeko... aber lassen wir das) öffnet mit Tränen in den Augen eine aus Korb geflochtene weiße Kiste und heraus taumeln vom gleißenden Sonnenlicht geblendet: Weiße Tauben! Hurra!

Brieftauben bilden die meinungslose Mittelschicht

Besonders beliebt sind für so ein Szenario Pfauentauben, denen Züchter einen derart dramatischen fächerartig aufgestellten Schwanz verpasst haben, dass man meinen könnte, diese Tiere hätten sich im Laufe von Millionen Jahren Evolution stets vor einem Hintergrund aus weißen Rüschenkleidern vor ihren ärgsten Feinden tarnen müssen.

Das ist die Taubenwelt der oberen Zehntausend. Unter ihnen die gehobene Mittelschicht aus Zier- und Brieftauben, die den lieben langen Tag in ihren Taubenschlägen versteckt, wenn es drauf ankommt, brav ihren Dienst tun. Sie leiden ein wenig an den Zivilisationskrankheiten, die das Leben als Haustaube mit sich bringt. Gleichmütig ertragen sie das Reisen in engen Kisten (meist im Kofferraum eines tannengrünen Mercedes aus den achtziger Jahren) von einer Schau zu nächsten. Die Brieftauben bekommen als Belohnung einen kleinen Moment der Freiheit. Und den nutzen sie doch nur, um wie ferngesteuert zurück nach Hause zu fliegen.

Auf ihrer Reise überfliegen sie Bahnhöfe, Plätze und Straßen. Wie im Blindflug. Denn dass dort unten in der Gosse ihre heruntergekommenen Artgenossen hausen, das sehen die feinen Haustauben nicht.

Straßentauben leben buchstäblich ganz unten. Als "Ratten der Lüfte" beschimpft, humpeln sie mit ihren verwachsenen Füßen an Bahnsteigkanten herum oder klauben zwischen den Füßen bestenfalls ignoranter Café-Besucher nach Brotkrumen. In Berlin und Hamburg werden die verwilderten Haustauben mit allerhand technischen Tricks als Schädlinge bekämpft, während Tierschützer in Hagen extra schützende Taubenhäuser errichtet haben – unter Protest der Anwohner .

Sind Reptilien doof? Und wie wehrt sich die Seegurke? Alle Folgen unserer Serie über unterschätzte Tiere.© David Loh/Reuters

Dass das Gefieder der meisten Straßentauben dunkelgrau ist, ist übrigens kein Zufall, sondern eine Anpassung an das düstere Stadtleben. Eine Studie des Baseler Taubenforschers Daniel Haag-Wackernagel , erschienen 2006 im Ornithologie-Magazin Bird Study , belegt: Dunkel gefärbte Tauben haben bessere Überlebenschancen im urbanen Umfeld als solche mit heller Federfärbung.