Das unterschätzte TierFlattern am Rande der Gesellschaft

Auf der Straße blickt man verächtlich auf die ekligen Tauben. Hochgezüchtete Arten werden auf Hochzeiten als Kitschobjekt missbraucht. Zeit umzudenken, meint Dagny Lüdemann. von 

Die Glocken läuten, die Kirchentür öffnet sich und heraus schreitet das frisch vermählte Paar. Sie: Weißes Kleid, schulterfrei, Strass im Haar, Schleier und Schleppe, zu ihren Füßen die Blumenkinder, im Arm je ein Körbchen, aus denen rosa Rosen quellen. Er: Dreiteiler mit schimmernder Silberweste, einem abgeknickten Krawatten-Ersatz, den Sekt schon in der Hand. Was passiert dann? Sie ahnen es. Die beste Freundin der Braut (cremefarbenes Cocktailkleid, Hut mit Kirschendeko... aber lassen wir das) öffnet mit Tränen in den Augen eine aus Korb geflochtene weiße Kiste und heraus taumeln vom gleißenden Sonnenlicht geblendet: Weiße Tauben! Hurra!

Brieftauben bilden die meinungslose Mittelschicht

Besonders beliebt sind für so ein Szenario Pfauentauben, denen Züchter einen derart dramatischen fächerartig aufgestellten Schwanz verpasst haben, dass man meinen könnte, diese Tiere hätten sich im Laufe von Millionen Jahren Evolution stets vor einem Hintergrund aus weißen Rüschenkleidern vor ihren ärgsten Feinden tarnen müssen.

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Das ist die Taubenwelt der oberen Zehntausend. Unter ihnen die gehobene Mittelschicht aus Zier- und Brieftauben, die den lieben langen Tag in ihren Taubenschlägen versteckt, wenn es drauf ankommt, brav ihren Dienst tun. Sie leiden ein wenig an den Zivilisationskrankheiten, die das Leben als Haustaube mit sich bringt. Gleichmütig ertragen sie das Reisen in engen Kisten (meist im Kofferraum eines tannengrünen Mercedes aus den achtziger Jahren) von einer Schau zu nächsten. Die Brieftauben bekommen als Belohnung einen kleinen Moment der Freiheit. Und den nutzen sie doch nur, um wie ferngesteuert zurück nach Hause zu fliegen.

Zoologie

Zur Familie der Tauben (Columbida) zählen 42 Gattungen. Mit etwa 300 Arten kommen Tauben fast in allen Regionen der Erde vor. Taubenzüchter haben ihrerseits viele verschiedene Rassen gezüchtet: allein in Deutschland gibt es mehr als 260 verschiedene.

Sie alle stammen mit sehr wenigen Ausnahmen von der FelsentaubeColumbia livia aus der Gattung der Feldtauben ab. Sie ist in ihrer Wildform heute noch im Mittelmeerraum heimisch. Auch die wieder verwilderten Straßentauben – nach groben Schätzungen sind das 500 Millionen weltweit – sind Nachkommen der Felsentaube.

Mensch und Taube

Die Domestizierung der Taube begann schon vor rund 6.000 Jahren. Früh schon nutzte der Mensch Tauben als Boten. Um das Jahr 2.600 vor Christus wurden die Vögel in Ägypten auf Wachtürmen eingesetzt. Noch heute werden die Vögel als Brieftauben gezüchtet. Die Zugvögel haben einen besonders ausgeprägten Orientierungssinn und finden ihren Weg anhand des Magnetfeldes der Erde.

Doch Tauben wurden und werden auch gegessen. Allein in Wien sollen Ende des 19. Jahrhunderts 750.000 Tauben pro Jahr verspeist worden sein. Noch heute sind Taubengerichte etwa in Marokko oder China üblich.

In den Städten leben heute verwilderte Haustauben und deren Nachkommen.

Schädlinge

Ob Tauben als Schädlinge gelten sollten, ist umstritten – und je nach Stadt unterschiedlich.

Ein Hauptproblem ist die Verschmutzung von Gebäuden durch den Kot der Vögel. Eine Taube produziert davon etwa 12 Kilogramm (Nasskot) pro Jahr.

Wie eine Untersuchung der TU Darmstadt im Jahr 2004 ergab, beschädigt Taubenkot Steingebäude und -fassaden allerdings nicht direkt. Metalloberflächen können aber durch den Kot angegriffen werden. Außerdem siedeln sich dort, wo Taubenkot klebt, schneller Pilze an, die wiederum Säure produzieren. Im Endeffekt schädigt der Pilzbefall dann die Fassaden.

Tauben werden häufig als Krankheitsüberträger bezeichnet. Studien haben jedoch gezeigt, dass sie für den Menschen nicht gefährlicher sind als andere Wildtiere.

Stadttauben werden dann zum Problem, wenn sie sich unkontrolliert vermehren. Ein Taubenpaar kann bis zu zwölf Jungen pro Jahr großziehen – in der Stadt fehlen natürliche Feinde.

Bekämpfung

Mit allerhand Tricks versucht man, die Population klein zu halten. In vielen Städten Deutschlands hat man den Stadttauben Taubenschläge gebaut, in denen die Eier durch Attrappen aus Gips ausgetauscht werden. Eine Methode, mit der auch Tierschützer einverstanden sind. Gibt es zu viele Tauben, schadet das auch den Tieren selbst: Seuchen breiten sich aus und das Aggressionsverhalten nimmt zu.

Die gezielte Wiederansiedlung von Raubvögeln, wie dem Wanderfalken, in einigen Städten brachte nur mäßigen Erfolg.

Auch der Einsatz von Hormonpräparaten ist schwierig: Einige Mittel vergifteten die Tiere und reduzierten zwar so die Population. Doch die Idee, die Fortpflanzung auf vertretbare Weise damit zu unterdrücken, scheiterte. Außerdem geht für Wildvögel eine Gefahr von dem mit Hormonen versetzten Taubenfutter aus.

Forscher empfehlen als bisher beste Maßnahme, das Überangebot an Futter zu reduzieren. Sprich: Tauben nicht füttern!

Quellen: Nabu, Forschungsgruppe für Integrative Biologie an der Universität Basel

Auf ihrer Reise überfliegen sie Bahnhöfe, Plätze und Straßen. Wie im Blindflug. Denn dass dort unten in der Gosse ihre heruntergekommenen Artgenossen hausen, das sehen die feinen Haustauben nicht.

Straßentauben leben buchstäblich ganz unten. Als "Ratten der Lüfte" beschimpft, humpeln sie mit ihren verwachsenen Füßen an Bahnsteigkanten herum oder klauben zwischen den Füßen bestenfalls ignoranter Café-Besucher nach Brotkrumen. In Berlin und Hamburg werden die verwilderten Haustauben mit allerhand technischen Tricks als Schädlinge bekämpft, während Tierschützer in Hagen extra schützende Taubenhäuser errichtet haben – unter Protest der Anwohner .

Dass das Gefieder der meisten Straßentauben dunkelgrau ist, ist übrigens kein Zufall, sondern eine Anpassung an das düstere Stadtleben. Eine Studie des Baseler Taubenforschers Daniel Haag-Wackernagel , erschienen 2006 im Ornithologie-Magazin Bird Study , belegt: Dunkel gefärbte Tauben haben bessere Überlebenschancen im urbanen Umfeld als solche mit heller Federfärbung.

Leserkommentare
  1. Wirklich? "Das unterschätze Tier"? Was genau ist an einer Straßentaube nun untertschätzt? Dass sie der Vogelgrippe besser widersteht als ein Schwan?
    Man hätte ja so einiges schönes und unbekanntes über Tauben, vor allem die wilden Formen, schreiben können, aber das? Es scheint, als musste mal eben schnell ein Artikel her. Niemand unterschätzt die Fähigkeit von Straßentauben, in der Stadt zu überleben. Das tut sie seit langer Zeit. Wirklich schade, Tauben sind wirklich schöne Geschöpfe...

    Eine Leserempfehlung
  2. Vielleicht sollten wir einfach mal die Symbolik betrachten, die die Taube in unserer jüdisch/christlichen Leitkultur hat.
    Das sie heute so ein schlechtes Ansehen hat sagt mehr über uns als über die TAube.

    • kkr
    • 24. Juli 2012 16:03 Uhr

    wobei sich die verkeimten "Flugratten" der Städte nicht dazu eignen....

    • Kelhim
    • 24. Juli 2012 17:01 Uhr

    Wo ich lebe, wimmelt es von Tauben. Im Tiefflug. Auch wenn sie unter normalen Umständen stets die Kurve bekommen.

    Manchmal möchte man die Sache selber in die Hand nehmen.

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    Ich glaube Sie haben hier Menschen mit Tauben verwechselt.

  3. Taubola Tauboline,
    dein Flügel ist eine Turbine
    Energienutzungsgrad: über 90 Prozent
    der rasend schnell Kalorien verbrennt.
    Dein Herz ist ein Hochleistungsgerät.
    Glückliche, du hältst nie Diät.
    Taubola Turboline
    als Brieftaube schnellste der Sippe,
    als Stadttaube auf der Müllkippe.
    Blickst im Flug herab auf die Ratten der Lüfte?
    Schmutztaubiges Gelichter, Slumgesichter?
    Turbola Tauboline.

    "Kleiner Mensch, klar verachte ich
    wildes Straßentaubengezücht.
    Hast Du vergessen? So lehrtest Du mich.
    Mich und die da! trennen doch Welten.
    (Das wird für die Menschen wahrscheinlich nicht gelten!)
    Denn alle Menschen sind doch gleich,
    ob Looser oder öliger Scheich?
    Brieftauben sind eigentlich Philosophen:
    doch einen Unterschied gibt es, Alter:
    der Flügel hält Federn, keinen Federhalter.
    Drum schreiben wir,
    mit weißgrünem Kot, in Momenten,
    Mementos der Vanitas,
    und picken nur zur Tarnung Brot."

    Eine Leserempfehlung
    • urr
    • 24. Juli 2012 17:23 Uhr
    6. Schön

    das auch andere Menschen Tauben mögen. Ich mochte Sie schon immer, sie sind einfach putzige Tiere.
    Das sie sich so sehr vermehren ist, genau wie bei Ratten, durch menschliches Handeln zu erklären. Kein Grund also, Tauben (und auch Ratten) als schmutzig oder ähnliches anzusehen. Wenn sie schmutzig sind (Krankheitskeime o.ä.), dann durch uns und unseren Müll.

    Eine Leserempfehlung
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    Müll ist für ander Organissmen einfach Rohstoff.
    Als Nahrung, Nistmaterial, Behausung.

    "Die Natur" wirft nichts weg. Wenn es verwertbar ist wird es idR verwertet so einfach ist das. Die Stadt gehört auch nicht dem Menschen, "die Natur kennt einfach keine Besitzansprüche. Da siedeln sich Flechten am Mauerwerk an und Ratten freuen sich über das ganze leckere Essen, was wir wegwerfen. Ebenso Mäuse Krähen Tauben Schaben Taufliegen.
    Nischen werden besiedelt, sobald genügend Organismen einer Art dies können.

  4. Ich glaube Sie haben hier Menschen mit Tauben verwechselt.

  5. Guttenberg war die Pfauentaube der CDU?

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