Das unterschätzte TierWer auf Toten lebt, muss früher sterben

Maden sind weder schlau noch schön. Als weiche Hautsäcke kriechen sie ins Leben. Für Kriminalbiologen sind sie Märtyrer im Dienste der Toten. von 

In kleinen Gläschen sammeln Rechtsmediziner die Maden, die an einer Leiche gefunden werden.

Für eine Fliegenmade gleicht der Magen- dem Lebensinhalt. Und er dient nur einem Ziel: Keine Fliegenmade mehr sein zu müssen. Das ist verständlich, wühlen sich die kleinen Tiere doch durch eher unschönes Terrain. Sie ernähren sich von Fleisch, gerne schon ein wenig älter, gerne schon im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung.

Dabei sind die Insektenlarven wenig wählerisch: Ob Maus, Meise oder Mensch, die Made macht da keinen Unterschied. Das ist nicht nur gut für die Macher von amerikanischen TV-Krimiserien, sondern auch für reale Rechtsmediziner. Denn die Maden verraten eine Menge über den Tod – jedenfalls dem, der ihre Sprache versteht.

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Die forensische Insektenkunde hat eine lange Tradition. Es gibt eine Erzählung, nach der ein Mörder vor Tausenden von Jahren in China überführt wurde, weil sich Fliegen auf seine Sichel, das Mordwerkzeug, setzten. Mittlerweile sind die Methoden ein wenig ausgefeilter. Das ist gut für die Ermittler, aber schlecht für die Maden.

Denn will man mit ihnen sprechen, muss eine gute Hälfte von ihnen zunächst abgekocht werden. Die andere Hälfte darf schlüpfen.

Maden: Besiedlung

Die Fliegen, die eine Leiche anfliegen, suchen meist nach Ablageplätzen für ihre Nachkommen. Dabei verfolgen sie verschiedene Taktiken: Fleischfliegen (Sacrophagide) können lebendgebärend sein, wodurch ihre Nachkommen einen Vorteil beim Wettlauf um die Nahrung haben. Entweder werfen sie dazu ihre Maden beim Flug ab oder legen kleine Eipakete an die Leiche. Solche Eipakete produzieren auch die Schmeißfliegengattungen Lucilia und Calliphora. Unter normalen Bedingungen dauert es rund einen Tag, bis daraus kleine Maden schlüpfen. Wie viel Zeit vergeht, bis aus dieser Made eine fertige Fliege wird, hängt entscheidend von den Umweltbedingungen wie Feuchtigkeit oder Temperatur ab.

Kriminalbiologie

Kriminalbiologen können anhand der Insekten, die sich auf einer Leiche finden, recht genau den Zeitpunkt der Erstbesiedlung angeben. Die ersten Insekten, die einen toten Körper mitunter schon nach wenigen Minuten besiedelt haben, sind die Schmeißfliegen. Darunter fasst man umgangssprachlich verschiedene Insektenfamilien zusammen, etwa Fleischfliegen (Sacrophagidae) oder echte Schmeißfliegen (Calliphoridae). Typische Arten sind Lucilia sericata und Calliphora vicina.

Trächtige Weibchen fliegen den Körper an und legen ihre Eier in totes Gewebe, bevorzugt in die natürlichen Körperöffnungen wie Mund, Nase oder Analbereich oder auch in Wunden. Für die Fliegen muss dieses Gewebe noch relativ frisch sein, während Teppich- oder Speckkäfer (beispielsweise Dermestiden) auch eingetrocknete Haut oder Haare fressen. Geht die Leiche in einen breiigen Zustand über, siedeln auch Käsefliegenlarven (Piophiliden) auf ihr. Große Aaskäfer (Silphidae) nagen auch aus mumifizierter Haut Stücke heraus.

Finden Kriminalbiologen bei ihrer Arbeit ältere Maden im Genital- oder Analbereich als im Gesicht, kann dies ein Hinweis auf Verwahrlosung sein.

Der Herr der Maden

Der bekannteste Kriminalbiologe in Deutschland ist Mark Benecke. Er arbeitet zusammen mit Kristina Baumjohann in Köln als Sachverständiger und Gutachter. Die meisten seiner Kollegen sind im Staatsdienst oder an Universitäten tätig, Freiberufler gibt es in dem Metier nur wenige, dafür bekommen sie es häufig mit besonders kniffligen Fällen zu tun.

Die Ausbildung verläuft in der Regel über ein normales Biologiestudium mit Schwerpunkt Genetik und einer Spezialisierung auf forensische Genetik. Neben Insekten sind Körperflüssigkeiten wie Blut und Sperma wichtige Indiziengeber, aber auch Pflanzen können Auskunft über Tatumstände geben.

Doch der Reihe nach: An Leichen im fortgeschrittenen Verwesungszustand – auch Faulleichen genannt – ist die Bestimmung der Liegezeit durch eine normale Sektion schwierig. In solchen Fällen untersuchen Rechtsmediziner direkt am Fundort, was sich auf und in dem Körper des Verstorbenen tummelt.

Eine Leiche dient verschiedenen Insekten als Nahrungsquelle und Brutstätte. Fliegen legen zum Beispiel Eier auf der Leiche ab – schon nach kurzer Zeit schlüpft der Nachwuchs in Gestalt einer Made. Wenn es warm und feucht ist, können gleichzeitig so viele Larven den Leichnam besiedeln, dass sie einen Madenteppich bilden und die abgenagten Knochen durcheinander bringen.

Wenn die Forensiker die Fliegenart bestimmt haben, die Temperatur der Leiche, das Wetter am Fundort und andere Faktoren verknüpfen, können sie anhand dessen recht genau sagen, wann eine Leiche, etwa nach einem Verbrechen, abgelegt wurde. Die Maden sind dabei die besten Mitarbeiter der Kriminalbiologen.

Ihren heroischen Einsatz bezahlen die Tiere mit dem Leben: Denn nur unter dem Mikroskop lassen sich wichtige Artmerkmale – zum Beispiel die Form ihrer Mundwerkzeuge oder Geschlechtsteile genau erkennen.

Proteinbrei mit glänzender Zukunft

Ein trauriges Schicksal, denn vor den Maden läge eine goldene Zukunft: Haben sie genug Fleisch gefressen und sich ein Fettpolster angelegt, leeren sie ihren Darm und verziehen sich in eine dunkle Ecke. Dort verhärtet sich ihre äußere Hautschicht und wird zum "Tönnchen". Der Spruch von der harten Schale und dem weichen Kern stimmt bei den Maden wie sonst selten: Im Inneren löst sich die Made auf und wird zu einem Proteinbrei. Daraus wächst in ein paar Wochen dann die Fliege heran: metallisch glänzende Luftakrobaten mit Super-Augen, auf der Suche nach Tod. Denn nur wo Leben geendet ist, kann neues Fliegenleben beginnen.

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Leserkommentare
  1. Solche Artikel erfreuen mich immer wieder. Nicht dass ich Interesse an solchen Themen hätte, vielemehr denke ich dass derzeit kein Diktator oder dergleichen irgendwelche Grausamkeiten begeht um solche Lückenfüller überflüssig zu machen.

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    Ein Glück, dass es bei den meisten andersrum ist :) Es gibt genug Zeitungen, die auf Tod, Leid und das Schlechte der Menschheit spezialisiert sind. Ich bevorzuge diejenigen, die etwas breiter gefächert sind.
    Irgendwie eine witzige Idee, das Volumen der Zeitung als festen Wert anzusehen...
    Ach ja, und zum Thema: Die Serie bereitet mir immer wieder Freude, weiter so!

  2. Ein Glück, dass es bei den meisten andersrum ist :) Es gibt genug Zeitungen, die auf Tod, Leid und das Schlechte der Menschheit spezialisiert sind. Ich bevorzuge diejenigen, die etwas breiter gefächert sind.
    Irgendwie eine witzige Idee, das Volumen der Zeitung als festen Wert anzusehen...
    Ach ja, und zum Thema: Die Serie bereitet mir immer wieder Freude, weiter so!

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Nachrichten"
  3. Einleitend heiß es aber „Maden sind weder schlau noch schön“, steht da wie eine Tatsache, denn sonst würde da ja stehen, dass Maden als weder schlau noch schön gelten würden.

    Jedenfalls müssen aber doch die Maden mindestens so „schlau und Schön“ sein, dass ihre Art überleben kann, und das tut sie ja offensichtlich.

    Angesichts solcher abwegigen Aussagen wäre es da nicht besser, die Serie in „Der überschätzte Mensch“ umzubenennen ?.
    Denn offenbar überschätzt er sich in seinem Wissenstand über die Natur all zu oft, und neigt zudem dazu, menschliche Eigenschaften, Verhaltensweisen und "Werte" auf Tiere übertragen zu wollen.

    Menschliche Intelligenz ist schlicht eine sich aus Versuch und Irrtum entwickelte evolutionäre Strategie unter vielen, um die Art zu erhalten.
    Bei Betrachtung des zunehmenden Aufwandes und des Ressourcenverbrauchs, mit dem sich Menschen mittlerweile am Leben erhalten müssen, wird immer deutlicher, dass der Versuch der Natur, den Menschen mit Intelligenz auszustatten, ein Irrtum war, so wie sie es in der Evolutionsgeschichte unzählige male passierte.

    Wenn Tiere, bis hin zur Made und andern „Niederen Tieren“ diesen ganzen menschlichen Aufwand und Firlefanz zwecks Überleben und Arterhaltung nicht brauchen, wer ist denn dann eigentlich der einzige „Doofe“ unter den Lebewesen ?.

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    • Oyamat
    • 10. Juli 2012 19:30 Uhr

    Denn so wie Sie die Natur einschätzen, hat sie (aktiv!) das erstaunliche Kunststück hinbekommen, sich selbst mit ausschließlich eigenen Mitteln abzuschaffen, zugunsten der Kultur.

    Schönheit, Weisheit und Schläue - das sind Begriffe des Menschen über sich selbst und seine kulturellen Prägungen. Als solche sind sie aber genauso "echt", genauso wirksam und genauso ernst und unerbittlich wie Begriffe über die Natur.
    Und in bezug auf die Natur tun Sie etwas, das Sie kurz zuvor noch ablehnen: Sie kommen nicht umhin, ihr "Eigenschaften, Verhaltensweisen und Werte zu übertragen". Sie sprechen von einem "Versuch der Natur". Ein Versuch ist immer an eine Intention gebunden, ist also in bezug auf die Natur sehr leicht als Anthropomorphismus ("Vermenschlichung") zu erkennen. Ich tue dasselbe übrigens bewußt in meiner Überschrift und meinem Eingangsstatement. Denn wenn es jemandem ernst damit meint, daß die Natur intentionslos ist, hat dieser kein Problem damit, daß man Teile davon kulturell bedingt mit Begriffen von Schönheit oder Schläue in Verbindung bringt. Sie sind schließlich zuallererst "natürliche" Begriffe und nur in zweiter Linie "kulturelle", weil Kultur ohne Natur nicht zum Leben kommen kann.

    Gv Oyamat

    Eine Leserempfehlung
  4. Und nicht Menschen????? Nur weil Menschen denken wie Menschen und Maden denken wie Maden, muss es doch nicht heißen, das der Mensch die Maden als doof bezeichnen kann, sonst dürften ja die Maden die Menschen als doof bezeichnen, weil sie ja keine Maden sind.

    • Oyamat
    • 11. Juli 2012 1:02 Uhr

    Maden bezeichnen weder andere Maden noch Menschen. Bezeichnungen zu haben, ist ein Privileg derer, die eine abstrakte Sprache entwickelt haben. Darum - weil wir Menschen sind, Abstraktionsvermögen und Sprache haben und darüber hinaus ein Denksystem, in dem der Begriff "Klugheit" kongenial eingebettet ist, bezeichnen wir korrekterweise manche Menschen als klug und alle Maden als dumm.
    Es ist (nach gegenwärtigem allgemeinem Wissensstand) nicht sehr plausibel anzunehmen, daß Maden eine Sprache haben. Also haben sie keine Möglichkeit, sich als "klug" und Menschen als "doof" zu bezeichnen. Damit erübrigt sich die Frage, ob sie es dürfen. Sie tun es jedenfalls nicht.

    Womit es eben dabei bleibt, daß Menschen Maden als dumm einschätzen, Maden aber sich selbst nicht als klug einschätzen und Menschen nicht als dumm. Und das auch völlig gut und richtig so ist.

    OGv Oyamat

  5. Dies ist der Titel eines Buches das ich vor langerzeit gelesen habe.

    Interessant ist die Made an sich erst wenn sie genug gefressen hat.

    Eine wahre Kunst der natur sich erst zu "Brei" zu verwandeln und dann als Fliege wiederzukehren.

    Erstaunlich.

    Super Artikel

    Viele Grüße
    Hundefutter

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  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tier | Fleisch | Nachwuchs | Reptil | Wetter | China
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