Für eine Fliegenmade gleicht der Magen- dem Lebensinhalt. Und er dient nur einem Ziel: Keine Fliegenmade mehr sein zu müssen. Das ist verständlich, wühlen sich die kleinen Tiere doch durch eher unschönes Terrain. Sie ernähren sich von Fleisch, gerne schon ein wenig älter, gerne schon im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung.

Dabei sind die Insektenlarven wenig wählerisch: Ob Maus, Meise oder Mensch, die Made macht da keinen Unterschied. Das ist nicht nur gut für die Macher von amerikanischen TV-Krimiserien, sondern auch für reale Rechtsmediziner. Denn die Maden verraten eine Menge über den Tod – jedenfalls dem, der ihre Sprache versteht.

Die forensische Insektenkunde hat eine lange Tradition. Es gibt eine Erzählung, nach der ein Mörder vor Tausenden von Jahren in China überführt wurde, weil sich Fliegen auf seine Sichel, das Mordwerkzeug, setzten. Mittlerweile sind die Methoden ein wenig ausgefeilter. Das ist gut für die Ermittler, aber schlecht für die Maden.

Denn will man mit ihnen sprechen, muss eine gute Hälfte von ihnen zunächst abgekocht werden. Die andere Hälfte darf schlüpfen.

Doch der Reihe nach: An Leichen im fortgeschrittenen Verwesungszustand – auch Faulleichen genannt – ist die Bestimmung der Liegezeit durch eine normale Sektion schwierig. In solchen Fällen untersuchen Rechtsmediziner direkt am Fundort, was sich auf und in dem Körper des Verstorbenen tummelt.

Eine Leiche dient verschiedenen Insekten als Nahrungsquelle und Brutstätte. Fliegen legen zum Beispiel Eier auf der Leiche ab – schon nach kurzer Zeit schlüpft der Nachwuchs in Gestalt einer Made. Wenn es warm und feucht ist, können gleichzeitig so viele Larven den Leichnam besiedeln, dass sie einen Madenteppich bilden und die abgenagten Knochen durcheinander bringen.

Sind Reptilien doof? Und wie wehrt sich die Seegurke? Alle Folgen unserer Serie über unterschätzte Tiere.© David Loh/Reuters

Wenn die Forensiker die Fliegenart bestimmt haben, die Temperatur der Leiche, das Wetter am Fundort und andere Faktoren verknüpfen, können sie anhand dessen recht genau sagen, wann eine Leiche, etwa nach einem Verbrechen, abgelegt wurde. Die Maden sind dabei die besten Mitarbeiter der Kriminalbiologen.

Ihren heroischen Einsatz bezahlen die Tiere mit dem Leben: Denn nur unter dem Mikroskop lassen sich wichtige Artmerkmale – zum Beispiel die Form ihrer Mundwerkzeuge oder Geschlechtsteile genau erkennen.

Proteinbrei mit glänzender Zukunft

Ein trauriges Schicksal, denn vor den Maden läge eine goldene Zukunft: Haben sie genug Fleisch gefressen und sich ein Fettpolster angelegt, leeren sie ihren Darm und verziehen sich in eine dunkle Ecke. Dort verhärtet sich ihre äußere Hautschicht und wird zum "Tönnchen". Der Spruch von der harten Schale und dem weichen Kern stimmt bei den Maden wie sonst selten: Im Inneren löst sich die Made auf und wird zu einem Proteinbrei. Daraus wächst in ein paar Wochen dann die Fliege heran: metallisch glänzende Luftakrobaten mit Super-Augen, auf der Suche nach Tod. Denn nur wo Leben geendet ist, kann neues Fliegenleben beginnen.