Das unterschätzte TierStöckelschweine wie auf dem Laufsteg

Schon Alexander von Humboldt bereitete es einst schlaflose Nächte: Das Nabelschwein versprüht moschusartigen Duft und unwiderstehlichen Charme – leider auch als Handschuh. von 

Halsbandpekaris im Santa Fee Zoo in den USA

Halsbandpekaris im Santa Fee Zoo in den USA  |  © Raul Arboleda/AFP/Getty Images

Triumphierend trippelt es neben seinem Herrchen über den Flugplatz, als hätte es persönlich in zähen diplomatischen Verhandlungen dessen Befreiung erreicht. Das Bild von dem kolumbianischen Polizisten José Forero und seinem Haustier ging um die Welt. Nach fast dreizehn Jahren Geiselhaft hatte die Farc-Guerilla ihren Gefangenen im April freigelassen, und zur Überraschung der anwesenden Fotografen kletterte er mit einem kleinen Begleiter aus dem Helikopter: einem Nabelschweinferkel.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Geiseln im einsamen Urwald Freundschaft mit Tieren schließen und die Ratten, Papageien oder Hühner bei ihrer Befreiung als Haustiere mitbringen. Foreros Neuweltferkel, das bald darauf den Namen Josefo erhielt, war jedoch ein Unbekannter, zumindest für die Presse. Die Fotoagentur Getty Images hielt es zunächst gar für das Nagetier Capybara . Dabei hatte bereits Alexander von Humboldt mehrere Begegnungen mit dem Tier. Auf seinen Reisen durch Südamerika beobachtete er es beim Tränken seiner Jungen sowie auf der Flucht vor Jaguaren. Laut seinen Aufzeichnungen über Das nächtliche Tierleben im Urwald trugen sie regelmäßig ihren Teil dazu bei, dass er "auf jeden Schlaf verzichten" musste.

Anzeige

Die in Lateinamerika Pekari genannten Paarhufer zählen zu den wenigen Säugetieren, die sich sowohl bei tropischer Hitze als auch auf mehr als 2.000 Metern Höhe wohlfühlen. Sie leben in unterschiedlich großen Gruppen, die durch Wüsten und Wälder ziehen auf der Suche nach Früchten, Wurzeln, Nüssen und Larven. Es sind gesellige, meist friedliche Tiere, die stets zu lächeln scheinen und denen ihre schlanken Waden eine gewisse Eleganz verleihen, ganz so, als balancierten sie auf Stöckelschuhen über einen Laufsteg. Dabei verkraften diese Beinchen so einiges.

Arten

Es gibt drei Nabelschweinarten. Das Halsband-Pekari (Pecari tajacu), das sich an einem hellen Streifen am Hals erkennen lässt, wird höchstens einen Meter lang und wiegt zwischen 17 und 30 Kilogramm. Es ist das am weitesten verbreitete Nabelschwein und kommt in ganz Amerika vor.

Das etwas größere Weißbart-Pekari(Tayassu pecari) hat bis auf eine weiße Färbung ums Maul ein dunkleres Fell und wird bis zu 40 Kilogramm schwer.

Noch größer wird das Chaco-Pekari (Catagonus wagneri), das lange als ausgestorben galt, bis es 1972 in Paraguay entdeckt wurde. Laut Roter Liste ist es heute allerdings tatsächlich vom Aussterben bedroht.

Quelle: Encyclopaedia Britannica

Biologie

Nabelschweine sind keine echten Schweine. Anders als diese kriegen sie nur einmal im Jahr Nachwuchs und dann auch meist nur Zwillinge. Obwohl sie als Allesfresser gelten, ernähren sie sich vor allem von Früchten. Während sich bei europäischen Wildschweinen die Keiler an ihren Hauern erkennen lassen, können bei Pekaris selbst Experten aus der Ferne nicht sicher sagen, ob es sich um Männchen oder Weibchen handelt.

Quelle: Encyclopaedia Britannica, Alexine Keuroghlian von der Wildlife Conservation Society

"Eine Herde durchstreift Gebiete von bis zu 20.000 Hektar Größe", sagt Alexine Keuroghlian von der Wildlife Conservation Society in Brasilien , die sich seit mehr als 20 Jahren mit Nabelschweinen beschäftigt. "Doch ihr Lebensraum ist bedroht." Die Rote Liste stuft das Weißbart-Pekari , das es der Biologin am meisten angetan hat, zwar als "gering gefährdet" ein. Doch seine Zahl schrumpft. Vom verwandten Chaco-Pekar soll es nur noch 5.000 Exemplare geben. Heute wird neben seinen natürlichen Fressfeinden, dem Jaguar und dem Puma , vor allem der Mensch dem Nabelschwein gefährlich: mit seinem Bedürfnis nach Tropenholz, Buschfleisch. Und Leder.

Da Parasitenbisse und andere Narben auf den edlen Pekari-Handschuhen nicht gerne gesehen werden, müssen Jäger oder Wilderer oft mehrere Tiere töten, bis sie eine Haut haben, die sie für etwa fünf Dollar verkaufen können.

"Wenn Nabelschweine Angst haben, klackern sie mit den Zähnen", sagt Keuroghlian. "Bei 100 Tieren klingt das wie eine riesige Popcornmaschine." Manche Menschen fürchten sich dann vor ihnen, zumal die Herde zugleich wild losrennen kann. Doch der Lärm und ihre schlechten Augen machen Pekaris zu einer extrem leichten Beute. Ein Jäger könne an einem Tag eine ganze Herde erlegen, sagt Keuroghlian. In Peru hat sich ihr Kollege Richard Bodmer daher der Subsistenzwirtschaft verschrieben, die auf gesunde Bestandszahlen achtet. Dort darf Leder nur als Beiprodukt von nachhaltiger Jagd verkauft werden.

Josefo wird wohl nicht als Handschuh enden. Nach seinen fünfzehn Minuten Ruhm auf dem Flughafen von Villavicencio hat ihn José Forero bei einem Gouverneur in Obhut gegeben. Auf dessen Farm verwöhnen ihn die Angestellten mit Mais und Guavas. Und wenn Josefo ihnen sogar eine Portion Milch mit Zuckerrohrsaft abluchst, leuchtet wieder der Triumph in seinen Augen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Behh
    • 21. Oktober 2012 16:28 Uhr

    Der Teaser verspricht:

    Handschuhe aus Nabelschweinleder riechen nach Moschus und machen unwiderstehlich.

    Anmut und Pheromone des Nabelschweins haben Alexander von Humboldt um die Nachtruhe gebracht.

    Der Artikel liefert nichts dazu.

    Für einen Moment ist hier das Nabelschwein das am meisten überschätze Tier der Welt.

    Nach all den Jahres des Unterschätzt-Werdens war es wohl endlich einmal an der Reihe.

  1. ich kann mir vorstellen, dass auch ein pekari ihre jungen säugt und nicht tränkt :) es sind hinreissende kleine schweine.

    heitere tage und viel freude wünscht

    froehlichkeit

    wer mehr wissen möchte:
    de.wikipedia.org/wiki/Nabelschweine
    de.wikipedia.org/wiki/Chaco-Pekari
    www.oroverde.de/kids/wissen/lexikon/pekari.html

    für den anfang :)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tier | Puma | Jaguar | Säugetier | Urwald | Brasilien
Service