UmweltschädenDas Artensterben im Amazonas lässt auf sich warten

Gemessen an der Zerstörung des Regenwaldes müssten schon mehr Arten verschwunden sein als sie es tatsächlich sind. Ihr Aus ist allerdings nur verschoben. von dpa

Verbrannter Wald im brasilianischen Amazonas.

Verbrannter Wald im brasilianischen Amazonas.  |  © Alexander Lees

Seit vier Jahrzehnten wird der brasilianische Regenwald gerodet und ausgebeutet. Viele Teile sind dadurch dauerhaft zerstört. Gut sechs Prozent der Vogel-, Amphibien- und Säugetierarten müssten deshalb eigentlich längst den sicheren Tod erfahren haben. Doch bis 2008 war gerade einmal ein Prozent tatsächlich verschwunden, berichten Biologen im Magazin Science . Grund für das verzögerte Artensterben sei die sogenannte Aussterbeschuld ( extinction debt ): Wenn der Lebensraum einer Tierart zerstört werde, dauere es einige Generationen, bis die Art vollständig verschwinde. Der brasilianische Regenwald beginne gerade erst, seine Aussterbeschuld anzuhäufen.

Der Doktorand Oliver Wearn vom Imperial College London hatte dafür mit Kollegen ein mathematisches Modell entwickelt. Es sagt voraus, wie schnell Wirbeltierarten in einer Region aussterben, abhängig davon, wie viel von ihrem Lebensraum verloren geht. Zunächst rekonstruierten die Biologen mit dem Modell, wie viel Wald zwischen 1970 und 2008 im brasilianischen Amazonasbecken zerstört und wie sehr dadurch die Artenvielfalt gefährdet wurde. Anschließend erstellten sie vier Szenarien, wie es im Jahr 2050 um den Artenschwund und die Aussterbeschuld stehen könnte. Die Szenarien sind abhängig davon, wie viel Wald künftig abgeholzt wird. Sie wurden jeweils für Gebietseinheiten von 50 mal 50 Kilometer Größe durchgerechnet.

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Das bedrohlichste Szenario prognostiziert einen Verlust von mindestens 28.000 Quadratkilometer Regenwald pro Jahr – das entspricht dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Die Fläche ist halb so groß wie das Bundesland Brandenburg . In diesem Szenario würden 10,3 Prozent der Wirbeltierarten bis 2050 aussterben, weitere 26,9 Prozent wären gefährdet.

Selbst im optimistischsten Szenario sterben noch 4,4 Prozent der Arten

Ein zweites Szenario geht davon aus, dass Regierungen zum Beispiel Schutzgebiete besser kontrollieren lassen und die Entwaldung bremsen. Dann würden dem Modell nach noch 6,5 Prozent der Wirbeltierarten bis 2050 aussterben und weitere 10,6 Prozent in Aussterbeschuld stehen.

Die zwei weiteren Szenarien sind sehr optimistisch: In einem nehmen die Biologen an, dass es gelingt, bis 2020 den jährlichen Waldverlust auf ein Fünftel des aktuellen Werts zu verringern; im anderen soll die Entwaldung bis 2020 sogar vollständig gestoppt sein. Unter diesen Umständen würden aber immer noch 5,8 beziehungsweise 4,4 Prozent der Wirbeltierarten bis 2050 aussterben. 10,1 beziehungsweise 4,9 Prozent wären bedroht.

"Die vor uns liegenden Jahre bieten die Gelegenheit, Umweltschutzmaßnahmen auf die Gegenden mit der größten Aussterbeschuld zu konzentrieren. Das könnte die zu zahlende Schuld verringern", sagen die Forscher.

Das Amazonasbecken ist das Einzugsgebiet des Amazonas , eines der längsten Flüsse der Welt. Rund 60 Prozent des Beckens liegen im brasilianischen Staatsgebiet. Allein hier liegen etwa 40 Prozent des weltweiten tropischen Regenwaldes. In den vergangenen Jahrzehnten wurden jedoch mehr als 810.000 Quadratkilometer Wald zerstört – das entspricht mehr als zweimal der Fläche der Bundesrepublik Deutschland .

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Leserkommentare
  1. Was für ein Artikel! Was bedeutet es jetzt, dass 3 oder 10% der Wirbeltierarten aussterben? Was sollen uns diese Zahlen veranschaulichen? Können wir bei 5% beruhigter schlafen? Was ist außerdem mit den völlig außer Acht gelassenen Insekten, dem eigentlichen Mikrokosmos der das Ganze, feine Gefüge zusammenhält wie Ameisen, Käfer etc.? Teilweise existiert eine bestimmte Käferart nur an einer bestimmten Stelle des Regenwaldes. Irgendwie suggeriert der Artikel, dass wir noch Zeit hätten... schlimmstenfalls sind es ja "nur" 10% ... 90% sind ja dann noch da...

    2 Leserempfehlungen
  2. 2. [...]

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    • jb890
    • 13. Juli 2012 10:00 Uhr

    prognosen schön und gut...aber hier geht es doch um lebewesen und pflanzen, also um eines der wertvollsten ökosysteme, welches auswirkungen auf den kompletten globus hat.
    zunächst einmal zu berechnen, wie es möglicherweise ausgehen könnte, mag sicherlich einigen statistikern die augen öffnen, aber die zahlen sagen nichts über die dramatischen zustände vor ort aus.
    erst rechen, dann handeln? welche konsequenzen zieht man jetzt aus der studie? das ist doch di viel entscheidendere frage.

    • Iktomi
    • 13. Juli 2012 10:15 Uhr

    unterscheiden sich eben doch öfters signifikant. Allein durch Abholzung stirbt keine Art aus, solange es noch intakte Rückzugsgebiete gibt und der "Amazonasurwald" ist immerhin noch über 4 Millionen Quadratkilometer groß. Anders sieht es z.B. auf Inseln im tropischen Asien aus, wo es enorm viele endemische Arten gibt; dort reicht mitunter eine vergleichsweise kleinflächige Störung, um Arten aussterben zu lassen.

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  • Quelle dpa
  • Schlagworte Artensterben | Artenvielfalt | Regenwald | Wald | Bundesrepublik Deutschland | Fluss
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