EnergiepolitikJapan fährt erstmals seit Fukushima Atomreaktor hoch

Etwa 150.000 Menschen demonstrierten, die örtliche Bevölkerung ist dagegen. Dennoch ist das erste Atomkraftwerk in Japan wieder hochgefahren worden. von afp und dpa

Protest gegen Atomkraft in Tokio

Protest gegen Atomkraft in Tokio  |  ©REUTERS/Yuriko Nakao

Erstmals seit der Katastrophe in Fukushima vor gut 15 Monaten hat Japan wieder einen Atomreaktor hochgefahren . Gegen heftige Proteste in der Bevölkerung begann der Atombetreiber Kansai Electric damit, zunächst Reaktor 3 des Atomkraftwerks Oi wieder in Betrieb zu nehmen.

Mehrere Hundert Demonstranten hatten zuvor die Zufahrt zu dem Atomkraftwerk im Westen Japans blockiert. Die Polizei löste die Blockade auf. Am Freitag hatten mehr als 150.000 Menschen in Tokio gegen die Entscheidung von Premierminister Toshihiko Noda zum Wiederanfahren des Meilers demonstriert.

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Zuletzt waren alle 50 Reaktoren in Japan abgeschaltet. Die umliegenden Gemeinden und Provinzregierungen lehnten aus Sorge um die Sicherheit der Meiler ein Wiederanfahren der Reaktoren zunächst ab. Auch die örtliche Bevölkerung ist dagegen. Doch angesichts der wiederholten Warnungen der Atomindustrie und der Zentralregierung vor Stromausfällen in der Industrieregion Osaka gaben die Kommunen ihren Widerstand auf.

Japans Katastrophe
Tage am Abgrund nach Beben, Tsunami und GAU
11. März 2011, 14.46 Uhr
Satellitenbild von Japan

Satellitenbild von Japan  |  © Nasa/Goddard/SeaWiFS/ORBIMAGE

Das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans erschüttert rund sechs Minuten das Land mit einer Stärke von 9,0. Das Epizentrum liegt rund 130 Kilometer vor der Ostküste der Hauptinsel Honshu. Die Auswirkungen sind dramatisch: Auf dem Meeresgrund reißt die Erdkruste auf 400 Kilometern Länge, Teile der Küste verlagern sich ruckartig um bis zu 50 Meter nach Osten. Eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein hebt sich um einige Meter an.

11. März 2011, ca. 15.40 Uhr
Zerstörung in der Stadt Natori

Zerstörung in der Stadt Natori  |  © STR/AFP/Getty Images

Ein Tsunami rast mit 800 Kilometern pro Stunde auf die Küste zu. Über zehn Meter sind die Flutwellen mancherorts hoch, an einzelnen Stellen erreichen sie fast 40 Meter. Kilometerweit dringen die Wassermassen landeinwärts. Mehr als 18.000 Menschen sterben. Ganze Städte werden ausgelöscht. Im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi fällt der Strom aus. Das Beben hat die Leitungen gekappt, der Tsunami Dieselgeneratoren überspült.

11. März 2011, 16.30 bis 20.30 Uhr
Das AKW Fukushima am 12. März 2011

Das AKW Fukushima am 12. März 2011  |  © STR/AFP/Getty Images

Die Wasserkühlung zweier Reaktoren des Kraftwerks Fukushima-Daiichi ist ausgefallen. Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan sagt, die Lage in den 54 Reaktoren des Landes sei stabil, weil sie sofort nach dem Beben automatisch heruntergefahren wurden. Um 20.30 Uhr muss die Regierung dann für Fukushima-Daiichi den atomaren Notfall verkünden. Etwa 2.000 Bewohner in der Umgebung werden aufgefordert, sofort ihre Häuser zu verlassen.

12. März 2011, morgens
Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.

Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.  |  © STR/AFP/Getty Images.jpg

Nach Strahlenmessungen am Kernkraftwerk wird die Evakuierungszone vergrößert. Mindestens 60.000 Personen sind auf der Flucht. Ministerpräsident Kan fliegt im Hubschrauber nach Fukushima, um sich ein Bild der Lage zu machen. Im AKW lassen Ingenieure Dampf durch die Notventile ab, um den Druck in den Reaktorbehältern zu senken. Inzwischen kocht das Wasser in den Notkühlbecken.

12. März 2011, 15.36 Uhr
Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.

Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.  |  © Park Ji-Hwan/AFP/Getty Images

In Fukushima-Daiichi entzündet sich Wasserstoff und zerfetzt die Außenhülle von Reaktor 1. Ohne Strom für die Pumpen, die den Kühlkreislauf antreiben, waren Temperatur und Druck zu stark angestiegen. Trotz Abschaltung des Blocks begannen so die Brennstäbe zu glühen, Wasser verdampfte und Wasserstoffgas bildete sich, während der Reaktorkern schmolz. Japan und die Welt fürchten die atomare Apokalypse.

13. März 2011
Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.

Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.  |  © JIJI PRESS/AFP/Getty Images

In der Nähe des von Reaktor 1 in Fukushima-Daiichi wird eine vierhundertfach erhöhte Radioaktivität gemessen. Ministerpräsident Kan räumt erstmals ein, dass eine Kernschmelze möglich sei. Simulationen und Messdaten von außen bestätigen die Schmelze in den Wochen nach der Havarie. Heute ist die Ruine, die von Block 1 übrig ist, luftdicht in Plastik eingehüllt.

14. März 2011
Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.

Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.  |  © Paula Bronstein/Getty Images

Allein in der Präfektur Miyagi im Nordosten Japans werden 2.000 Tote gefunden. 390.000 Menschen sind auf der Flucht aus dem Tsunami-Katastrophengebiet, mehr als 1.400 Notlager werden eingerichtet. Inzwischen gibt es an vielen Orten kein Heizöl mehr, die Menschen frieren. Rund 400.000 Häuser sind zerstört weitere Huntertausende Gebäude beschädigt, Straßen, Zugstrecken und ganze Landstriche unpassierbar.

14. März 2011
Fallout nahe der Küste

Fallout nahe der Küste  |  © ZEIT-Grafik

Obwohl die AKW-Arbeiter die Reaktoren verzweifelt mit Meerwasser kühlen, gibt es eine weitere Wasserstoffexplosion, im Reaktor 3 von Fukushima-Daiichi. Radioaktives Material dringt nach draußen, der Großteil wird in den kommenden Tagen auf den Pazifik geweht. Doch ein Teil verbreitet sich auch über dem Festland. Die Abbildung zeigt, wo sich langlebiges Cäsium konzentriert hat (rot steht für die höchsten Strahlenwerte).

15. März 2011
Strahlenuntersuchung

Strahlenuntersuchung  |  © Issei Kato/AFP/Getty Images

Eine dritte und vierte Explosion ereignen sich in Fukushima. Das Gebäude von Reaktor 2 bleibt intakt, Wasserstoff aus Block 3 sprengt das Dach von Reaktor 4. Von vorher 800 Arbeitern bleiben etwa 40 im stockfinsteren Kraftwerk. Vergeblich hatten sie versucht, weitere Detonationen zu verhindern. Das Unglück wird als nukleares Ereignis der Stufe 6 bewertet. Einen Monat später erhält es wie Tschernobyl die Höchststufe 7: GAU.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie

Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie  |  © Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

In einem der sechs Reaktorblöcke ereignete sich offenbar eine komplette Kernschmelze, in zwei weiteren verflüssigten sich die Brennstäbe wohl mindestens zur Hälfte. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Eine Stadt in Trümmern

Eine Stadt in Trümmern  |  © Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Die Strahlenbelastung der Menschen war weit geringer als für die Bewohner von Tschernobyl. Das Strahlenschutz-Komitee der UN schätzt, dass die Zunahme der Krebsfälle nicht messbar sein wird. Das liegt vor allem daran, dass kaum radioaktives Jod von Menschen eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen worden ist. Der Tsunami hingegen tötete mehr als 18.000 Menschen. Bis heute wohnen Überlebende in provisorischen Wohnungscontainern.

Regierungschef Noda entschied daraufhin, die Reaktoren 3 und 4 im Kraftwerk Oi nach Sicherheitsüberprüfungen wieder anzufahren. Reaktor 3 ist der erste und soll am 8. Juli voll in Betrieb sein. Er versorgt die Region Osaka mit Strom.

Bis zum Atomunglück in Fukushima infolge des Erdbebens und Tsunamis vom 11. März 2011 deckten die Atomkraftwerke in Japan rund 30 Prozent des Strombedarfs. Die Regierung sei in der Lage, eine nochmalige Katastrophe wie in Fukushima zu verhindern, versicherte Noda. Kritiker bezweifeln das jedoch.
 

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Leserkommentare
  1. welches auf die für japanische verhältnisse unglaubliche zahl von 150 000 demonstranten hinweist. so etwas hat tokio noch nicht gesehen. in fukushima 4 ist ist i.ü gerade die kühlung ausgefallen.

    "Im havarierten Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi fiel am Samstag das Kühlsystem für die verbrauchten Brennstäbe im Reaktor 4 aus, wie der Betreiber Tepco mitteilte. Am Sonntag sei ein Ersatzsystem installiert worden. Innerhalb von 70 Stunden müsse die Kühlung nun repariert werden, sonst steige die Temperatur und Strahlung trete aus, hieß es in der Mitteilung von Tepco. Die Regierung hatte bereits bekanntgegeben, dass sie in einem solchen Fall die Evakuierung der Hauptstadt Tokio erwäge."

    (quelle manager-magazin)

    japan hat ein seit heute geltendes eeg, welches sich sehr stark am (ursprünglichen) deutschen anlehnt und u.a. vergütungen für pv bis zu 40 c/kWh als anschub vorsieht.

    die beste kombi ist die erzeugung zur speisung der unzähligen klimaanlagen.

    bedarf=erzeugung=verbrauch; fossiler verbrauch/emmissionen=0

    und jetzt übergeben wir das mikrofon an die vertreter von tepco und kepco.

    7 Leserempfehlungen
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    Zwar gaben die Organisatoren die Zahl von 160,000 bis 200,000 Demonstranten an, aber die Polizei etwa 17,000.Die Polizisten waren auch nur 100 im Einsatz. Aus den Photos oder Videos scheint mir die Polizeiangabe etwas realistischer.Die jap. Medien, die gegen Atomkraft sind, berichten auch eine ähnliche Zahl der Polizeiangabe. Die Organisatoren zählen bestimmt die Teilnehmer nicht nur durch den eigenen Füßen dort waren,sondern auch durch Facebook mit.

    Der Satz im Bericht "Auch die örtliche Bevölkerung ist dagegen." stimmt nicht. Wenn so gewesen wäre, konnte AKW Oi nicht hoch fahren, Es war umgekehrt: Die örtliche Bevölkerung dies gewünscht und ca 300 Demonstranten, die gestern in Oi waren, sind fast auswärtige.

    Auch die Beschreibung "Erstmal nach der Katastrophe von Fukushima" ist nicht korrekt. Richtig ist "erstmal ein Reaktor, der nach Fukushima lang außer Betrieb war, fährt hoch". AKW Tomari ist im letzten Jahr nach Fukushima hoch gefahren. Damals war ich sehr überrascht, daß keiner dagegen protestierte.

    • SuR_LK
    • 01. Juli 2012 17:47 Uhr

    In dem Punkt sind sich Japan und D sowie andere in der Reihe nicht so verschieden, es wird primär Politik für die Grossindustrie gemacht und das Volk steht hinten dran. Und hört auf mit der Scheinheiligkeit das wohl der Grosskonzerne ist gleichbedeutend mit der des Volkes. Dreht sich halt nunmal alles ums Geld, alles andere sind nur Vorwände. Kernkraftwerke sind ebend Goldesel, bissl Restrisiko welches eh das Volk trägt, bissl Müll was die Zukunft betrifft aber jetzt erstmal in eine Halle gestellt wird, die Gewinne fein in die Konzerntaschen. Erinnert fast bischen an das Bankwesen hier.

    7 Leserempfehlungen
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    die "owner"of the last resort betrachtet, ist das kaum verwunderlich.

    i.ü. ist pimco(allianz) bei tepco "engagiert".

    wieviele lv haben die deutschen? da bleibt bestimmt noch "anlage"vermögen für edf übrig.

  2. die "owner"of the last resort betrachtet, ist das kaum verwunderlich.

    i.ü. ist pimco(allianz) bei tepco "engagiert".

    wieviele lv haben die deutschen? da bleibt bestimmt noch "anlage"vermögen für edf übrig.

    Antwort auf "Japan und D"
  3. Es ist wirklich unglaublich, wie wenig lernfähig die Politiker in Japan und anderswo sind.

    Gerade dieses Bericht gesehen - sogar von einer Mainstream USA Quelle - und es ist mir schlichtweg gruselig:

    http://www.abc.net.au/new...

    Wenn man trotzdem denkt, den Ausmass dieser Katastrophe sei noch zu verkraften , dann ist diese Seite auch zu empfehlen:

    http://www.fukushimaforum...

    2 Leserempfehlungen
  4. Diese Schlagzeile wurde Ihnen mit freundlicher Unterstützung der japanischen Atomlobby zur Verfügung gestellt.

    2 Leserempfehlungen
  5. Zwar gaben die Organisatoren die Zahl von 160,000 bis 200,000 Demonstranten an, aber die Polizei etwa 17,000.Die Polizisten waren auch nur 100 im Einsatz. Aus den Photos oder Videos scheint mir die Polizeiangabe etwas realistischer.Die jap. Medien, die gegen Atomkraft sind, berichten auch eine ähnliche Zahl der Polizeiangabe. Die Organisatoren zählen bestimmt die Teilnehmer nicht nur durch den eigenen Füßen dort waren,sondern auch durch Facebook mit.

    Der Satz im Bericht "Auch die örtliche Bevölkerung ist dagegen." stimmt nicht. Wenn so gewesen wäre, konnte AKW Oi nicht hoch fahren, Es war umgekehrt: Die örtliche Bevölkerung dies gewünscht und ca 300 Demonstranten, die gestern in Oi waren, sind fast auswärtige.

    Auch die Beschreibung "Erstmal nach der Katastrophe von Fukushima" ist nicht korrekt. Richtig ist "erstmal ein Reaktor, der nach Fukushima lang außer Betrieb war, fährt hoch". AKW Tomari ist im letzten Jahr nach Fukushima hoch gefahren. Damals war ich sehr überrascht, daß keiner dagegen protestierte.

    3 Leserempfehlungen
  6. 7. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

    • ASasse
    • 01. Juli 2012 20:13 Uhr

    Hat das am Meer stehende Atomkraftwerk Oi einen Deich, der Gegen Wasser von der Küste schützt?

    Welche Erdstöße würde das Kraftwerk aushalten, welche hat es in der Region in der Vergangenheit gegeben, und welche Erdstöße halte Geologen für möglich?

    2 Leserempfehlungen
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    Oi hat eine Deiche von 5 Meter, die gegen etwa 11 Meter Tsunami halten kann. Die wird 2014 noch 3 Meter erhöht.

    Gegen einer Erdstöße von 1260 Gal kann Oi halten. Dies finde ich allerdings etwas schwach.Es wird sicherlich verstärkt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP
  • Schlagworte Bevölkerung | Atomindustrie | Atomkraftwerk | Erdbeben | Japan | Katastrophe
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