Erst mauscheln, dann abwiegeln, im Ernstfall stümpern, schließlich improvisieren – fertig ist die Kausalkette für den atomaren GAU. So konstatiert es nun die unabhängige Expertengruppe , die Japans Regierung einberufen hat, um die Katastrophe von Fukushima zu untersuchen.

Das Ergebnis ist ebenso beunruhigend wie bekannt : Die mächtige Atomlobby kungelte über Jahrzehnte mit den Aufsichtsbehörden niedrige Sicherheitsstandards aus, kaum Kontrollen und mangelhafte Notfallpläne. "Der Unfall war eindeutig von Menschenhand verursacht", heißt es im Report. Das japanische Volk wurde um sein Recht auf eine sichere Nutzung der Atomkraft betrogen.

Als ob es so etwas jemals geben könnte! Ausgerechnet heute speist der erste japanische Reaktor von landesweit 50 wieder Strom in die Leitungen. Die zwei Monate währende atomstromfreie Ära seit Beginn des nuklearen Zeitalters in Japan ist vorbei. Der Abschlussbericht erscheint aber auch zu einer Zeit, in der sich in Tokio gerade die größten Proteste seit den sechziger Jahren formiert haben.

Verhindern konnten die Menschen das Hochfahren des Kernkraftwerks Oi nicht. Und doch scheinen sich viele Japaner allmählich von dem absurden Sicherheitsversprechen der Atomlobby zu verabschieden. Ob nun 17.000, 45.000 oder mehr als 100.000 Menschen Ende Juni auf die Straße gingen: Demonstrationen waren im Hochtechnologieland Japan bislang noch seltener anzutreffen als Menschen ohne Handy.

Der Gegner der Protestierenden ist mächtig. Seitdem sich Japan vor rund 50 Jahren für die Kernkraft entschied, haben Energiekonzerne mit Milliardensummen ganze Landstriche ausgebaut und Arbeitsplätze geschaffen. Von dem lukrativen Geschäft profitierten auch zahlreiche Politiker. Bis heute reichen die Drähte der Firmen offenbar tief hinein in Ministerien und Behörden. Dies zeigt auch der neue Bericht am Beispiel der Nuklearkatastrophe, nach 900 Stunden Anhörungen und Gesprächen mit 1.167 Verantwortlichen, Arbeitern und Betroffenen.

Wie kann das Land trotzdem weiter auf die Kernkraft setzen? Japans künftige Energiepolitik klammern die Autoren des GAU-Reports bewusst aus. Stattdessen haben sie seitenlange Vorschläge, welchen bürokratischen Regeln sich Atomaufsicht und -konzerne unterwerfen sollen. Das ist nötig, löst aber nicht das Energieproblem Japans.

Woher soll der Strom kommen? Seit der Nuklearkatastrophe ist das Land auf teure Öl- und Gasimporte angewiesen, die Menschen müssen Strom sparen und die Handelsbilanz steckt milliardentief in den Miesen. 30 Prozent steuerte die Atomkraft vor dem GAU zur Energieversorgung bei. Japans Weltkonzerne von Kyocera bis Sharp produzieren wegen der hohen Strompreise schon im Ausland.