Gerade noch war es das Fett der Grillwürstchen, das die glühenden Kohlen zischen ließ. Nun verdampfen die ersten Regentropfen unterm Rost. Dieser Tage verwässert nicht selten ein Wärmegewitter den Grillabend. Der Mensch ist dem Wetter eben ausgeliefert, denn am Himmel herrscht das physikalische Durcheinander.

"Die Atmosphäre ist ein chaotisches System", sagt Christoph Gebhardt vom Deutschen Wetterdienst (DWD) . Doch es gibt Möglichkeiten, das Unberechenbare zumindest etwas zu ordnen. "Wir können Unwettervorhersagen zwar nicht präziser machen", sagt Gebhardt, das sei im Zweifel auch nicht nötig. "Bislang hat bei einer Gewittervorhersage nur keiner sagen können, wie wahrscheinlich es ist, dass es am Ende tatsächlich blitzt und donnert." Das ist künftig möglich.

Ohne großes Aufsehen hat der DWD Ende Mai ein neues Vorhersagesystem gestartet. Alle drei Stunden beginnt der Supercomputer NEC SX-9 der Offenbacher Meteorologen erneut zu rechnen, welche Wetterszenarien in Deutschland denkbar sind. Dabei vergleicht die Maschine 20 leicht veränderte Simulationen, wie sich die Atmosphäre in den kommenden 21 Stunden verändern könnte. Gefüttert wird NEC SX-9 anfangs mit unzähligen Daten über die Luftfeuchte bis hin zu Temperaturen, Druck- und Windverhältnissen. Deutschlandweit sammeln Messinstrumente am Boden, Ballons am Himmel und Radarsonden diese Informationen.

Zielgenau werden Gewitter nie vorhersagbar sein

Zwar zeigt sich am Ende jeder Rechnung, dass ein Modell die Wirklichkeit niemals fehlerfrei abdecken kann. "Wir können aber nun die Information liefern, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Gewitter entsteht – und damit, ob eine Grillparty oder zum Beispiel ein Konzert unter freiem Himmel stattfinden kann", sagt Sarah Jones, die als Vorstandsmitglied für Forschung und Entwicklung beim Deutschen Wetterdienst verantwortlich ist. "Wir sind der erste Wetterdienst, der ein solches System eingeführt hat. Europaweit ist das einzigartig."

Noch profitieren Laien nur indirekt von der neuen Güte der Prognosen. Zwar liefert der DWD die Daten bereits an Wetterredaktionen von Online-Nachrichtenseiten, Fernseh- und Radiosendern. Doch einen Satz wie: "Heute Abend beträgt die Gewitterwahrscheinlichkeit 30 Prozent", hört und liest man bislang kaum. Das soll sich ändern: "Die Zukunft werden solche Wahrscheinlichkeitenvorhersagen sein", sagt Jones. Noch werde geprüft, wie die komplexen Rechnungen des neuen Vorhersagesystems am besten vermittelt werden können. Denn nicht jeder kann mit Wahrscheinlichkeiten umgehen.

Der Meteorologe und Klimaforscher Mojib Latif sieht das neue Vorhersagesystem als einen vernünftigen Schritt vorwärts: "Das ist schon ein sehr hochauflösendes Modell." Zielgenau werde man aber dennoch ein Gewitter kaum vorhersagen können. "Gewitterzellen sind viel zu kleinräumig", sagt Latif, der am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel arbeitet . Das Rumoren am Himmel mitsamt den elektrischen Entladungen entwickelt sich meist über eine Fläche von einigen Quadratkilometern oder weniger. Für Meteorologen sind diese Gebiete winzig. Derzeit rechnet der Supercomputer des DWD seine Prognosen mit einer Auflösung von 2,8 Kilometern. "Es ist wichtiger, eine Gewitterwahrscheinlichkeit für ganz Hamburg anzugeben, als zu beschreiben, ob es nun das Zentrum oder den Süden der Stadt trifft", sagt Jones.