Im Utopia von Kurt Schmidinger lebt man vegan. Fleisch, Milch und Eier sind tabu, stattdessen stehen Tofu , Tempeh und Seitan auf dem Speiseplan. Der österreichische Geophysiker und Lebensmittelwissenschaftler hat seine Zukunftsvision jüngst mit einer Studie untermauert , die in The International Journal of Life Cycle Assessment erschienen ist.

Darin erweitert er das Standard-Modell zur Berechnung von Ökobilanzen, das sogenannte Life Cycle Assessment (LCA). Um zu bestimmen, wie viel klimaschädliches Gas bei der Herstellung eines Produktes entsteht, werden alle direkten und indirekten Emissionen addiert, von der Rohstoffgewinnung bis zum Endverbraucher.

Bei Rindfleisch aus der konventionellen Landwirtschaft zum Beispiel beginnt die Rechnung mit der Herstellung von mineralischem Dünger. Beim Verstreuen auf die Felder werden Stickoxide freigesetzt. Dazu kommen die Emissionen während der Ernte des Futters, das dann von den Tieren gefressen wird. Dabei entstehen Verdauungsgase, allen voran das schädliche Methan und Gülle. Einberechnet werden zudem die Emissionen durch den Energieverbrauch im Stall. Auch die freigesetzten Treibhausgase durch den Transport und die Kühlung des Fleisches fließen mit in die Ökobilanz ein.

So kommen auf ein Kilogramm Fleisch aus Europa bis zu 27 Kilogramm Kohlendioxid . Fleisch aus Südamerika schneidet noch viel schlechter ab, schon bei der konventionellen LCA-Berechnung bringt es ein Kilogramm auf satte 59 Kilogramm CO 2 .

Kurt Schmidinger ist darüber nun hinausgegangen und hat auch die CO 2 -Speicherfähigkeit der natürlichen Vegetation miteinbezogen. Denn wenn die für Viehzucht weichen müsse, etwa für den Anbau von Futterpflanzen, stehe sie nicht mehr als natürlicher Kohlenstoffspeicher zur Verfügung, argumentiert Schmidinger.

Welchen Einfluss das auf die Ökobilanz haben kann, lässt sich am Beispiel brasilianischen Rindfleisches am besten zeigen. Für riesige Monokulturen von Soja wird täglich hektarweise Regenwald gerodet: Der Kohlenstoff, der in den Pflanzen und Bäumen gebunden ist, gelangt nach der Rodung als CO 2 in die Atmosphäre – etwa über den Umweg der Verbrennung.

Ein Kilo Fleisch, so schädlich wie eine Autofahrt nach Rom

Gerade der Regenwald hat ein enormes Speicherpotenzial. Wachsen an seiner Stelle nun endlose Soja-Monokulturen, wird dieses verloren gegangene Speicherpotenzial dem Fleisch zugerechnet. In Schmidingers Modellrechnung übersteigt dieser neue Wert die konventionelle Ökobilanz um ein Vielfaches: Statt 59 Kilogramm Kohlendioxid schlagen plötzlich 335 Kilogramm zu Buche – für nur ein Kilogramm Fleisch. Zum Vergleich: Um diese Menge an CO 2 zu emittieren, müsste man mit einem europäischen Durchschnittsauto von Berlin nach Rom fahren.

Ökofleisch schneidet bei der Klimabilanz schlechter ab

Südamerikanisches Rindfleisch ist das Extrembeispiel, doch auch bei Rindfleisch aus Irland , Lamm-, Schweine-, Kalbs- oder Hähnchenfleisch fällt die Ökobilanz nach der neuen Rechnung übel aus.

Bemerkenswert ist, dass Ökofleisch in Sachen Klimabilanz nicht selten schlechter als Fleisch aus konventioneller Produktion abschneidet. Das hat einfache Gründe: "Die Tiere werden artgerecht gehalten, leben länger, fressen mehr und emittieren mehr", erklärt Julika Weiß vom Berliner Institut für ökologische Wirtschaftsforschung . Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsgebiet "Nachhaltige Energiewirtschaft und Klimaschutz" und arbeitete 2008 an einer Studie , die die Klimawirkungen der Landwirtschaft in Deutschland untersucht hat.

Dabei verglichen die Wissenschaftler auch die Klimabilanz von Fleisch aus Öko- und konventioneller Produktion. Während ersteres vornehmlich von Kälbern stammt, die bei ihrer Mutter auf der Weide aufgewachsen sind, kommt konventionelles Fleisch in der Regel von Milchkühen – und schneidet besser ab. Denn "die Emissionen verteilen sich auf zwei Produkte", erklärt Weiß, nämlich auf Fleisch und Milch. Für einen Liter Milch werden rund 1,7 Kilogramm an CO 2 frei.

Hähnchen aus Holland sind das geringere Übel

Niederländisches Geflügelfleisch aus konventioneller Massentierhaltung schadet dem Klima am wenigsten. Mit nur 6,2 Kilogramm Kohlendioxid pro Kilogramm entspricht dessen CO 2 -Fußabdruck etwa 31 mit dem Auto gefahrenen Kilometern.

Kurt Schmidinger möchte dennoch keine Empfehlung für Brathähnchen und Chicken Wings aus Massentierhaltung abgeben: "In der Gesamtbilanz ist das keine Alternative", sagt er. Im Hinblick auf Bodenerosionen, Monokulturen, Artenvielfalt, Gesundheit und Tierschutz habe solch massenhafte Produktion nur negative Einflüsse.

Für ihn ist klar: "Die industrielle Tierhaltung ist eine Sackgasse." Der Forscher, der selbst seit Jahren Veganer ist, hat auch Fleischersatz wie Tofu und Tempeh untersucht. Die Ökobilanz der Fleischalternativen kann sich sehen lassen: 3,8 und 2,4 Kilogramm Kohlendioxid entstehen bei der Produktion. Auch unter anderen Aspekten wie Biodiversität, Bodenerosion oder Düngemitteleinsatz schneiden sie besser ab. Aus Sicht des Forschers kommt eine ethische Komponente dazu: "In der Massentierhaltung füttern wir Tiere mit Lebensmitteln, wir machen sie zu Nahrungskonkurrenten. Sie fressen, was wir essen könnten, und machen daraus Fleisch – aber vor allem produzieren sie Exkremente."