TreibhauseffektKlimarechnung spricht für Tofu statt Rindersteak

Erstmals hat ein Forscher auch die Flächen, die für Tierhaltung gerodet werden, in die Klimabilanz von Fleisch eingerechnet – mit erschreckendem Ergebnis. von 

Im Utopia von Kurt Schmidinger lebt man vegan. Fleisch, Milch und Eier sind tabu, stattdessen stehen Tofu , Tempeh und Seitan auf dem Speiseplan. Der österreichische Geophysiker und Lebensmittelwissenschaftler hat seine Zukunftsvision jüngst mit einer Studie untermauert , die in The International Journal of Life Cycle Assessment erschienen ist.

Darin erweitert er das Standard-Modell zur Berechnung von Ökobilanzen, das sogenannte Life Cycle Assessment (LCA). Um zu bestimmen, wie viel klimaschädliches Gas bei der Herstellung eines Produktes entsteht, werden alle direkten und indirekten Emissionen addiert, von der Rohstoffgewinnung bis zum Endverbraucher.

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Bei Rindfleisch aus der konventionellen Landwirtschaft zum Beispiel beginnt die Rechnung mit der Herstellung von mineralischem Dünger. Beim Verstreuen auf die Felder werden Stickoxide freigesetzt. Dazu kommen die Emissionen während der Ernte des Futters, das dann von den Tieren gefressen wird. Dabei entstehen Verdauungsgase, allen voran das schädliche Methan und Gülle. Einberechnet werden zudem die Emissionen durch den Energieverbrauch im Stall. Auch die freigesetzten Treibhausgase durch den Transport und die Kühlung des Fleisches fließen mit in die Ökobilanz ein.

Kurt Schmidinger
Kurt Schmidinger

wurde 1970 in Salzburg geboren und studierte Geophysik an der Universität Wien. An der Universität für Bodenkultur Wien promovierte er in Lebensmittelwissenschaften. Schmidinger betreibt das Portal Futurefood, in dem er über Alternativen zu tierischen Produkten informiert.

So kommen auf ein Kilogramm Fleisch aus Europa bis zu 27 Kilogramm Kohlendioxid . Fleisch aus Südamerika schneidet noch viel schlechter ab, schon bei der konventionellen LCA-Berechnung bringt es ein Kilogramm auf satte 59 Kilogramm CO 2 .

Kurt Schmidinger ist darüber nun hinausgegangen und hat auch die CO 2 -Speicherfähigkeit der natürlichen Vegetation miteinbezogen. Denn wenn die für Viehzucht weichen müsse, etwa für den Anbau von Futterpflanzen, stehe sie nicht mehr als natürlicher Kohlenstoffspeicher zur Verfügung, argumentiert Schmidinger.

Welchen Einfluss das auf die Ökobilanz haben kann, lässt sich am Beispiel brasilianischen Rindfleisches am besten zeigen. Für riesige Monokulturen von Soja wird täglich hektarweise Regenwald gerodet: Der Kohlenstoff, der in den Pflanzen und Bäumen gebunden ist, gelangt nach der Rodung als CO 2 in die Atmosphäre – etwa über den Umweg der Verbrennung.

Ein Kilo Fleisch, so schädlich wie eine Autofahrt nach Rom

Gerade der Regenwald hat ein enormes Speicherpotenzial. Wachsen an seiner Stelle nun endlose Soja-Monokulturen, wird dieses verloren gegangene Speicherpotenzial dem Fleisch zugerechnet. In Schmidingers Modellrechnung übersteigt dieser neue Wert die konventionelle Ökobilanz um ein Vielfaches: Statt 59 Kilogramm Kohlendioxid schlagen plötzlich 335 Kilogramm zu Buche – für nur ein Kilogramm Fleisch. Zum Vergleich: Um diese Menge an CO 2 zu emittieren, müsste man mit einem europäischen Durchschnittsauto von Berlin nach Rom fahren.

Leserkommentare
  1. Das stimmt nicht. Analoglebensmittel wie Tofu und Seitan schmecken auch wie Analoglebensmittel.
    Nein, auch nicht besser von asiatischen Köchen zubereitet.
    Es erinnert schon an Dichtungsmasse oder Radiergummi. Wer behauptet sowas schmecke wie Fleisch, hat offenbar Defizite in Richtung Geschmack.

    Antwort auf "Tofu schmeckt auch...."
  2. Weil es a) zu dieser Aussage eben keinen Konsens gibt
    und weil b) selbst die 3 Grad in frühestens 200 Jahren erreicht werden könnten.

    (Unter der zugegeben gewagten Hypothese, die Welt sei so wie sie jetzt ist, also mit annähernd 400 ppm CO2, in Ordnung.)

    Wie sollen bitte die Wolken zu einer Erwärmung beitragen?

  3. Das ist nur ein menschgemachter Euphemismus um das Einsperren und die Tötung eines fühlenden Lebewesens für das Gewissen des Konsumenten schmackhafter zu machen.

    Ich glaube nicht, dass die Tiere ihre Situation als "artgerecht" beschreiben würden.

  4. ist ein viel größerer Schwachsinn als der Fleischgenuß.

    Man sollte die AKWs weiter laufen lassen und die Öl- und Kohleheizkraftwerke durch Wind-und Solarenergie (und noch einige andere EE) ersetzen sollen.

    Was macht man aber? Man schaltet die Null-Emission-AKW ab
    produziert den Strom mit neuen Dreckschleudern, die mit Braunkohle beheizt werden! Und verbrennt weiter das Öl von der arabischen Halbinsel

    Schwachsinniger geht es nicht mehr. Für das Öl, das mit AKWs einsparen würde, wäre - klimabilanztechnisch - der Rindfleischgenuß für die nächsten 1000 Jahre oder eine längere Zeit sogar auf pari gestellt.

    • Atilla
    • 06. Juli 2012 11:43 Uhr

    Der Artikel sowie der Forscher schreiben niemandem vor wie er zu leben hat. Der Forscher bringt nur Fakten auf den Tisch - interessant, dass Sie sich gleich bevormundet fühlen, wo er doch alles richtig macht: statt nur zu kritisieren, liefert er gute Alternativen - im Gegensatz zu den meisten anderen. Würde er nur kritisieren, kämen gleich hunderte Nörgler mit dem Argument: "Meckern kann jeder, aber eine Lösung bringt er auch nicht."

    Und bezüglich Ihres, am Thema vorbeigehenden, Argumentes:

    Sie müssen sich klarmachen, dass der Staat immer mit Gesetzen eingreifen muss, wenn Verhaltensweisen der Gesellschaft schaden - genau wie bei Straftaten wie Körperverletzung und Vergewaltigung: Als Beispiel ihre Philosophie aus der Sicht einer anderen Bevölkerungsgruppe (ich weiß ist provokant radikal): "In der Utopie von Pädophilen schreibt der Staat den Menschen nicht vor mit wem sie Geschlechtsverkehr haben dürfen."

    Wenn sich endgültig heraustellt, dass Fleishckonsum der Gesellschaft und der Umwelt schadet, muss sich etwas ändern. Und wenn das nicht aus eigenem Antrieb kommt, muss der Gesetzgeber seinen Job machen. So einfach ist das.

    Antwort auf "Eine gute Nachricht"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    so einfach ist das."

    Für Sie ist das vllt. so einfach.

    Es scheinen doch diejenigen recht zu haben, die die Forderungen aus Ihrer Ecke als undemokratisch, als Diktatur empfinden. Diktatur mit ökologischem Deckmäntelchen. Dabei gehts auch hier nur um Geschäft.

  5. Zumindest jene, die ihren Geschmack und ihr eigenes Wohlbefinden über das Leid anderer stellt, denen die Natur herzlich egal ist und die es auch nicht wirklisch scherrt, dass soviele Menschen auf der Welt verhungern obwohl wir ALLE ohne Probleme ernähren könnten. Ganz einfach würde man allein nur auf Vegetarismus umstellen und die ganze Fläche nicht für tierisches Futtermittel verbrauchen.

    Also, wenn jemand nun willentlich das Leid und den Tod anderer Menschen und die Zerstörung unserer Natur in Kauf nimmt, OBWOHL er sich ohne Probleme ändern könnte, das nennen Sie dann nicht böse?

    Antwort auf "3 plus 3 macht 9"
    • docmoe
    • 06. Juli 2012 11:57 Uhr

    Es wird der Tag kommen, wo unsere Politik mangels Geld irgendein Gremium beauftragen muß zu berechnen, wieviel wir sparen könnten (längst müssten!), wenn wir auf die "anthropogene Bekämpfung" des Einflusses der Sonne auf unser zweifelsfrei wärmer werdendes Klima verzichteten.

  6. Vegan leben ist lecker und abwechslungsreich.

    Wann wirst DU vegan?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Seit über acht Jahren. Beste Entscheidung meines Lebens, fühle mich wie neugebohren, leichter, weniger müde, kann mich besser erinnern und bekomme mehr mit im Alltag. Und seit den acht Jahren nur ein einziges Mal richtig krank geworden (durch jetlag und Ankunft in nem neuen, exotischen Land).

    Kann es nur empfehlen, es ist weitaus weniger schrecklich als die Fleischindustrie es uns glauben machen will. (:

    Zitat
    "Vegan leben ist lecker und abwechslungsreich.
    Wann wirst DU vegan?"

    Nie!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Biodiversität | Fleisch | Kohlendioxid | Massentierhaltung | Regenwald | Rodung
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