Wenn ein Tier den Titel "unterschätzt" verdient hat, dann Petrophaga lorioti , der Nager im Insektengewand, besser bekannt als die Gemeine Steinlaus. Durch ihr unermüdliches Genage an Asphalt, Granit und Beton ist die Steinlaus der fleischgewordene Zahn der Zeit.

Der viel zitierte aber selten gesehene Bundestagsabgeordnete Jakob M. Mierscheid (SPD) war der Erste, der es wagte, die Dinge beim Namen zu nennen: Der Fall der Berliner Mauer sei "durch den Haematopinus lithophagus ausgelöst" worden, sagte er 1993 in der Frankfurter Rundschau. Heute weiß man: Mierscheid irrte zwar, was den lateinischen Namen der Laus anging. Aber in der Sache behielt er recht: Ohne die Steinlaus würde die Mauer heute wohl noch stehen.

Auch aus der Medizin ist sie nicht mehr wegzudenken. Hunderttausende Patienten wurden dank der Steinlaus-Therapie von Gallen- und/oder Nierensteinen befreit. Wie in der 263. Auflage des Klinischen Wörterbuchs von Willibald Pschyrembel , dem Basis-Nachschlagewerk jedes Mediziners, nachzulesen ist, wird bei Menschen mit Steinlaus-Befall zudem häufig eine "Reizung des Zwerchfells, die trotz heftiger Kontraktion als angenehm erlebt wird, bis hin zur Euphorie mit typ. Facies (Kontraktion des Musculus risorius u. Musculus orbicularis oculi (...)" beobachtet. Die Steinlaus gehört somit zu den größten Nützlingen unter den Nagetieren.

Da empört es ungemein, dass die Laus zu Haus' im Stein sich ihren Namen auf Latein nun auch noch mit einer dahergelaufenen Spinne teilen muss. Zoologe und Spinnenjäger Peter Jäger und sein Kollege Jörg Wunderlich vom Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt am Main tauften eine in Laos entdeckte Ameisen-Sackspinne auf den Namen Otacilia loriot.

" Die Spinnen der Gattung Otacilia haben keine Nudeln im Gesicht, ähneln weder einem Mops noch einer Steinlaus und sind überhaupt eher unscheinbare Tiere. Dennoch trägt eine Art der Achtbeiner nun einen prominenten Namen", schreiben die Forscher in der völlig unzureichenden Begründung. Zu allem Überfluss wurde ihre Entdeckung auch noch im Fachmagazin Beiträge zur Araneologie veröffentlicht.

Verwandt mit Nasobēm und Steuerzecke

Aber zurück zur Steinlaus. Im Jahr 1983 präsentierte sie der Satirobiologe Bernhard-Victor Klemens Maria Hoffbauer Pius Christoph Carl Grzimek von Bülow erstmals der Weltöffentlichkeit im Fernsehen.

Ende der neunziger Jahre galt sie bereits als ausgestorben, nachdem ihr größter heimischer Lebensraum von skrupellosen Mauerspechten häppchenweise zerstört worden war. Damals strich die Pschyrembel-Redaktion sogar den Lexikon-Eintrag. Seit ihrer Wiederentdeckung in einer bayerischen Klinik im Jahr 1996 steht Petrophaga lorioti aber wieder drin.

Welch große Rolle das scheue Nagetier für den Erhalt einer ganzen Tiergruppe spielt, die Satirobiologen als Nihilismata zusammenfassen, und zu der das Nasobēm ( Nasobema lyricum ) genauso zählt, wie die Steuerzecke ( Ixodes fiscalis ) , wird erst heute, nach gut 30 Jahren Steinlaus-Evolution deutlich: Petrophaga lorioti , die als Schlüsselart in ihrer Lebensgemeinschaft gilt, kann sich in der Literatur kaum noch auf natürlichem Wege vermehren. Entsprechend selten sind die anderen Nihilismata geworden.

Doch so bedroht die Steinlaus auch sein mag, in den Köpfen der Menschen ist sie unsterblich. Genau wie ihr Entdecker Vicco von Bülow, der heute vor einem Jahr verstarb . Die letzte Folge unserer Serie Das unterschätzte Tier , die ein gutes Jahr lang viele Leser erfreut ( Anm. der Red.: Bitte unbedingt auf diesen Link klicken!) und wenige empört hat, widmen wir Loriot , dem geistigen Vater eines jeden, der unterschätzte Tiere mag.