FlutkatastrophePutin scheitert als nationaler Retter

Fehlender Alarm, Gerüchte um geöffnete Schleusen, 170 Tote, kaum Hilfe vom Staat: Das Versagen beim Flutdesaster von Krymsk kann Moskau nicht vertuschen.

Kaum ein Sommer vergeht in Russland ohne Katastrophe. Mal fängt der Moskauer Fernsehturm Feuer oder geht ein Vergnügungsdampfer auf der Wolga unter, mal brennen Wälder und Dörfer. Wenige Monate nach Wladimir Putins erstem Wahlsieg, im August 2000, versank das Atom-U-Boot Kursk nach der Explosion eines Torpedos an Bord in der Barentssee. Die Generäle belogen den neuen Präsidenten über das Ausmaß des Unglücks, und Putin ignorierte tagelang das Leid der Seemannsfamilien im hohen Norden.

Nach der Überschwemmungskatastrophe im südrussischen Gebiet von Krasnodar, die bisher 171 Tote und 35.000 Opfer zählt, erschien er dagegen schnell vor Ort, verhörte örtliche Machthaber, die sich durch Notlügen herauszuwinden versuchten, und versprach schnelle Hilfe. Seine Presseabteilung handelt heute professionell. Aber eines kann sie nicht verdecken: die Unfähigkeit des Staates.

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Der Hauptvorwurf der Überlebenden in der Stadt Krymsk lautet: Warum sind die Menschen nicht gewarnt worden? Anwohner beteuern, keine Sirene habe geheult und keine Polizisten seien mit Megaphonen durch die Straßen geeilt, um die Menschen auf die kommende Flut hinzuweisen. Viele, vor allem Ältere überraschte das Wasser in ihren Wohnungen im Schlaf. An eine Flucht war kaum mehr zu denken. In vielen Häusern reichte das Wasser bis knapp unter die Decke. Wer hier gefangen war, atmete, auf dem Stuhl stehend, mit schräg gelegtem Kopf den verbliebenen Sauerstoff ein. Retten mussten sich die meisten selbst.

Wurden Schleusen geöffnet oder nicht?

Am Montag gingen Bewohner von Krymsk spontan auf die Straße, da sie auch nach anderthalb Tagen keine Hilfspakete bekommen hatten. Andere, so berichtete der Parteichef der Oppositionspartei Jabloko, seien gebeten worden, für den Empfang von Nahrungsmitteln eine Erklärung zu unterschreiben, nach der sie rechtzeitig vor der Flut gewarnt wurden. Es mag sein, dass mancher städtische Beamter so sein Amt zu verteidigen sucht. Das Moskauer Katastrophenschutzministerium war da längst zurückgerudert: Minister Wladimir Putschkow gestand Fehler ein und bekannte, dass die Bevölkerung nicht wie nötig gewarnt worden sei.

Flut in Russland
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Der Grund für den "Berg-Tsunami" bleibt unklar. Viele Menschen glauben, dass die Mitarbeiter der Neberdschajewskaja-Talsperre weiter oben in den Bergen nachts große Wassermengen abgelassen hätten. Manche Blogger, die über eine solche angebliche Schleusenöffnung schrieben, wurden hernach bedroht und löschten ihre Einträge wieder. Die zuständigen Behörden dementieren: Die Talsperre besitze nur ein automatisches Überlaufsystem, aus dem Wasser in den Bergbach geflossen sei. Aber Schleusen, die geöffnet werden könnten, gebe es gar nicht.

Am Sonntag konnten fünf Krymsker Bürger, nachdem sich die Gebietsverwaltung eingeschaltet hatte, mit dem Hubschrauber die Talsperre überfliegen, um sich ein Bild zu machen. Als sie noch weitere Talsperren anschauen wollten, lehnten die Piloten ab. Der Treibstoff reiche dafür nicht aus, beteuerten sie. Die Krymsker Bürger erklärten daraufhin, sie seien mit dem Gesehenen unzufrieden. Auf der Website der Verwaltung aber stand die Meldung, die Bürger seien zu dem Schluss gekommen, dass kein Wasser aus der Talsperre abgelassen worden sei. Vertrauen schafft das alles nicht.

Dabei halten auch viele Experten aus der Region das Ablassen von Wasser aus der Talsperre für nicht ausschlaggebend. Denn das Dörfchen in unmittelbarer Nähe unterhalb der Staumauer, durch das alles Wasser hätte durchlaufen müssen, hat am Wochenende kaum gelitten. Vermutlich fiel ungewöhnlich viel Regen, bis zur Hälfte der durchschnittlichen Jahresniederschläge so unglücklich über den Bergen des Südkaukasus, dass sich eine Flutwelle auftürmen konnte.

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