Arbeiter des AKW-Betreibers Tepco und Journalisten besichtigen im Mai 2012 das Gelände der havarierten Atomanlage Fukushima-Daiichi. © Tomohiro Ohsumi/AFP/Getty images

Ganz gleich, wie weit der technische Fortschritt auch reichen mag: Die Kernspaltung bleibt unbeherrschbar. Das könnte die Erkenntnis aus mehr als fünf Jahrzehnten Kernenergie sein, zählt man alle Störfälle, Beinahe-Unfälle sowie Tschernobyl und Fukushima zusammen. Doch wer die Abschlussberichte der unabhängigen Gremien liest, die im Auftrag der japanischen Regierung das nukleare Desaster im eigenen Land untersuchten, stellt fest: Der verlässlichste Auslöser von Katastrophen ist der Mensch, nicht die Technik. So hätte es auch die Atomlobby gerne.

"Wir werden alle denkbaren Maßnahmen ergreifen, um erneute Katastrophen zu verhindern", sagte Japans Premierminister Yoshihiko Noda am Montag, als er den finalen Report des Untersuchungskomitees zum Unfall an Fukushimas Atomanlagen (ICANPS) entgegennahm. Dabei schwang mit, dass sich auch in Zukunft der Strom des Inselstaats aus strahlenden Brennstäben ziehen lässt: Die Atomkraft ist sicher, solange der Mensch sie nur richtig bedient.

Passend dazu fiel schon das Ergebnis eines Fukushima-Berichts vor zwei Wochen aus. Hier konstatierten die Autoren: "Der Unfall war eindeutig von Menschenhand verursacht". Und auch jetzt heißt es in dem neuen Report: Der AKW-Betreiber Tepco habe schlicht entschieden, ein Ereignis mit vermutlich drei geschmolzenen Reaktorkernen nicht in seine Annahmen einzubeziehen. Man habe sich auf einen "haltlosen Sicherheitsmythos" verlassen.

Detailreich schildern beide Berichte die Versäumnisse, die in den nuklearen Katastrophenfall mündeten. Zu Recht rügen sie hier Ministerien, Aufsichtsbehörden, die Stromkonzerne und das Krisenmanagement der Regierung, mehr oder weniger deutlich. Die Autoren des ersten Berichts schreiben sogar von Kungelei zwischen Kontrollinstanzen und Atomlobby, um die Sicherheitsstandards auf ein Minimum zu beschränken. Das wagen die Urheber der neuen Untersuchung nicht.

Die Einschätzung beider Berichte liest sich indes ganz ähnlich. Hätte man nur mehr kontrolliert und reguliert, wären Reaktoren vor Jahren schon verstärkt und aufgerüstet worden. Hätte man Techniker und Arbeiter nur besser geschult, hätte die Regierung nur entschlossener in der Krise gehandelt  – ja dann wäre schon nichts passiert.

Hätte, wäre, wenn. Das klingt nach einer vermeidbaren Katastrophe, nach einem Unglück, das vorhersehbar war. Dies ist das Bild, dass sich vermutlich auch Premierminister Noda wünscht. Sein Volk soll weiter an das Versprechen der sicheren Atomkraft glauben, das die Atomlobby über Jahrzehnte aufgebaut hat. Garniert hat sie es mit bunten Werbeanzeigen und hohen Geldsummen, die strukturschwache Regionen aufpäppelten. Und es landete sogar in Schulbüchern, wo die Gefahren der Kernenergie nur am Rande thematisiert wurden.

Der Wirtschaftsfaktor Atomkraft ist nicht zu unterschätzen, gerade erst hat die Regierung durchgedrückt, dass das Kernkraftwerk Oi seine Reaktoren wieder anfährt . Die beiden einzigen von 50 im ganzen Land, die nun wieder Strom produzieren. Auch die noch nie dagewesene Zahl an Atomkraftgegnern , die sich in Tokio und vor der Anlage scharrten, konnten dies nicht verhindern. Zu groß war letztlich der Druck auch von Japans Weltkonzernen, die sehr unter den Stromsparmaßnahmen der vergangenen Monate litten.

Was fehlt, ist eine Ausstiegsstrategie aus der Atomkraft. Denn wie soll mehr Sicherheit für Reaktoren aussehen, die zuhauf auf unsicherem Grund und noch dazu an der Küste stehen? Vor Japan taucht die pazifische Erdplatte unter die eurasische. Verhaken sich beide, können Megabeben wie das vom 11. März 2011 entstehen, die niemand vorhersagen kann – weder ihre Stärke noch ihren Zeitpunkt. Seebeben schicken in den allermeisten Fällen Tsunamis auf ihre zerstörerische Reise. Die Schutzwälle vor den Atomanlagen am Meer können nie hoch genug sein.

Ob die Japaner sich künftig mit neuen Sicherheitsversprechen zufrieden geben, vermag niemand vorherzusehen. Es stimmt vielleicht sogar, dass sie Fukushima allein der Arroganz und Nachlässigkeit der Verantwortlichen zu verdanken haben. Doch scheint vielen allmählich zu dämmern, dass das grundsätzliche Problem damit nicht zu bewältigen ist: Wo der Mensch mit Atomkraft hantiert, passieren Fehler. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Fehler die schlimmsten Katastrophenszenarien Realität werden lassen. Das sind die Lehren der Vergangenheit.