WasserkraftStaudämme am Amazonas gefährden das Klima und den Regenwald

Die Ströme des Amazonasbeckens sind noch frei fließende Flüsse. Doch ein riesiges Staudammsystem soll das ändern. Die ökologischen und sozialen Risiken sind enorm. von Daniel Lingenhöhl

Belo Monte Damm Brailien

Der Xingu-Fluss in der Nähe der brasilianischen Großbaustelle, auf der der Belo-Monte-Damm entsteht  |  © Mario Tama/Getty Images

Nichts ging mehr in den Abendstunden des 11. November 2009: Mehrere Millionen Brasilianer und Paraguayaner saßen plötzlich im Dunkeln , als Probleme rund um das Itaipu-Wasserkraftwerk das Stromnetz zusammenbrechen ließen. In Metropolen wie São Paulo oder Rio de Janeiro hellten nur noch Kerzen, mit Notstrom oder per Batterie betriebene Lichter und Autoscheinwerfer die Nacht auf. Erst nach zwei Stunden waren die Schäden behoben und der Süden Brasiliens wieder mit Energie versorgt.

Ein heftiges Unwetter hatte in drei Umspannstationen einer wichtigen Starkstromtrasse einen Kurzschluss ausgelöst, in dessen Folge sich das 14.000-Megawatt-Kraftwerk von Itaipu komplett abschaltete, weil es seinen Strom nicht mehr einspeisen konnte. Damit ging das zweitgrößte Wasserkraftwerk der Welt vom Netz – ein Verlust, den die restlichen Stromproduzenten Brasiliens nicht kompensieren konnten. Und ein Problem, das zukünftig nicht mehr vorkommen soll. Denn Brasilien richtet nicht nur die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 aus – während der ein peinlicher Blackout vermieden werden soll: Das Land befindet sich auch in einem steilen wirtschaftlichen Aufstieg und möchte weiter wachsen.

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Für diesen Kurs benötigen die fast 200 Millionen Einwohner des südamerikanischen Riesen Energie: In den nächsten Jahren steigt der Verbrauch voraussichtlich auf mehr als 500 Terawattstunden an – ein Wachstum um etwa ein Fünftel. Bislang stammen fast 75 Prozent dieser Leistung aus der Wasserkraft, Kernenergie spielt dagegenk keine Rolle: Brasiliens einziges Kernkraftwerk Angra dos Reis an der Atlantikküste südlich von Rio de Janeiro liefert gerade einmal drei Prozent des im Land verbrauchten Stroms und soll bis 2015 nur um einen dritten Block ergänzt werden. "Unser Energieplan bis 2020 sieht keine weiteren Kernkraftwerke vor, da wir diese nicht benötigen. Wir decken den Bedarf anderweitig", ließ Marcio Zimmermann, stellvertretender Energieminister des Landes, im Mai verlauten.

Anderweitig bedeutet vor allem einen weiteren Ausbau der Wasserkraft: Allein Brasilien plant weitere 30 Staudämme im Amazonasbecken; sie sollen das größte noch nicht angezapfte Flusssystem der Erde zähmen und nutzbar machen. Dazu kommen Dutzende weiterer Vorhaben in Nachbarstaaten wie Peru, Bolivien oder Kolumbien, die das hydrologisch günstige Gefälle der Anden ausnutzen und anzapfen möchten. Der produzierte Strom soll dann nicht nur in diesen Ländern selbst die ökonomische Entwicklung vorantreiben, sondern ebenso zur nebenan liegenden regionalen Großmacht exportiert werden und wertvolle Devisen erwirtschaften. "Der mächtige Amazonas und seine zahlreichen großen Zuflüsse bieten eine ideale Umgebung für Wasserkraftwerke", heißt es denn auch im Energiehandbuch für Brasilien aus dem Jahr 2009.

Immense Nebenwirkungen

Die sozialen und ökologischen Folgen dieses Kurses sind jedoch enorm. Die Stauwerke in den Nachbarstaaten drohen die bisherige, nahezu völlig ungestörte Verbindung zwischen den Anden und dem Atlantik zu zerstören, befürchtet Robert Naiman von der University of Washington in Seattle gegenüber Nature : "Die vielen Dämme an den Oberläufen werden den Amazonas über Hunderte oder Tausende von Kilometern beeinträchtigen." Welche Folgen das konkret haben kann, deutet sich im Umfeld des Belo-Monte-Projekts am Rio Xingu im Bundesstaat Pará an.

Erschienen auf spektrum.de

Erschienen auf spektrum.de  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

Für Philip Fearnside vom Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia in Manaus wird das auch in Brasilien heftig diskutierte Bauvorhaben alle negativen Prognosen bestätigen, die viele Fachleute mit Anlagen dieser Art in Verbindung bringen. "Dämme wie dieser blockieren wichtige Routen für wandernde Fischarten, überfluten zehntausende Hektar Regenwald, vertreiben zahlreiche dörfliche Gemeinschaften und setzen gewaltige Mengen Methan aus der verrottenden Vegetation frei. Staudämme in Amazonien sind alles andere als eine saubere Energiequelle", äußert sich der Forscher erzürnt.

Allein für Belo Monte müssen mindestens 20.000 Menschen ihr Heim verlassen , weil sie dem zukünftigen Stausee oder einem der für das Bauvorhaben nötigen Kanäle weichen. Zudem werden 80 Prozent des Flusswassers vom Hauptstrom abgezweigt und dem Reservoir zugeführt, weshalb rund 100 Kilometer von einem der mächtigsten Nebenflüsse des Amazonas zu einem Rinnsal verkümmern – während der saisonalen Trockenzeit könnte der Xingu hier sogar völlig austrocknen. Das betrifft eines der artenreichsten Süßwasserökosysteme der Erde mit zahlreichen Endemiten, die nur hier vorkommen und dessen größere Vertreter wichtige Nahrung für die lokale Bevölkerung liefern. Ein Teil der Fischwanderrouten wird durch den zukünftigen Betonwall zerstört, so dass sie ihre Laichgründe nicht mehr erreichen können – was auch weiter entfernt gelegene Fischerdörfer beeinträchtigt.

Leserkommentare
    • joG
    • 15. August 2012 12:14 Uhr

    ....und den Regenwald"

    Das könnte ein für jeden Deutschen sehr viel gravierenderes Problem sein, glaubt man den Wissenschaftlern, als die Steuerhinterziehung der Deutschen in der Schweiz. Da müssen die Beamten durchgreifen. Die Genehmigungsbehörden schmieren oder den Bauleiter bestechen?

    Vielleicht aber ist das ein Fall für die Kavallerie? Immerhin befürworten die Leute hier den groben Rechtsbruch auf fremden Territorium für niedrige Motive. Dann sollte man eigentlich auch die Dämme torpedieren dürfen.

    ;)

    • Mithra
    • 15. August 2012 13:17 Uhr

    Die Lösung ist doch so einfach und liegt auf der Hand:
    Brasilien verzichtet auf den Bau der Staudämme und bekommt dafür von den westlichen Industrieländern einen jährlichen finanziellen Ausgleich, analog zum Yasuni-Projekt in Ecuador.

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    ...dass die "...westlichen Industrieländer..." nicht endlos Finanzierungsmittel bereit stellen können, um jedes ökologisch fragwürdiges Projekt zu unterbinden, indem die entgangenen Gewinne gegenfinanziert werden.
    Ab irgendeinem Punkt müssen auch die Entwicklungs- und Schwellenläner mitzuziehen.

    Staudammes hinter meinem Haus der den Wald ... und jetzt her mit den Milliarden.

  1. zerstoertdas Klima und Regenwald ... und das schon seit mehreren Jahrzehnten ... darueber mal nachgedacht?

  2. ...dass die "...westlichen Industrieländer..." nicht endlos Finanzierungsmittel bereit stellen können, um jedes ökologisch fragwürdiges Projekt zu unterbinden, indem die entgangenen Gewinne gegenfinanziert werden.
    Ab irgendeinem Punkt müssen auch die Entwicklungs- und Schwellenläner mitzuziehen.

    Antwort auf "Wo ist das Problem?"
  3. Es sind einige pro und einige contra Argumente aneinandergereiht und nun
    muss man die Abwägung bewerten versuchen. In Brasilien scheint mir die
    Abwägung dadurch blockiert das das "nationale" Interesse ein Anrecht auf
    die Bewertung der Umweltdienstleistung des Amazon für die Welt verlangt
    und das "lokale" Interesse ein Anrecht auf die Bewertung des Nutzrechtes
    der traditionellen Amazonasbewohner.
    Ausserhalb Brasiliens ist die Blockade klar zwischen der
    World Commission for Dams und dem Int. Rivers Network zB.
    Mir erscheint es sehr klug das die bras. wie auch die anderen BASIC
    Länder erneuerbare MW in der Reihenfolge der spezifischen Kosten
    und damit mit höchster Geschwindigkeit ausbauen.

    • Lucle
    • 15. August 2012 15:16 Uhr

    Beispiel Belo Monte:
    Mit 11 GW werden hier einmal 18 Millionen Haushalte mit CO2-freiem Strom versorgt und die phänomenale soziale Entwicklung Brasiliens, die in Deutschland weitgehend unbeachtet bleibt, weiter vorangetrieben. Natürlich hat ein solcher Stausee auch nicht vermeidbare Nebenwirkungen, die gesellschaftlich akzeptiert sein müssen.
    Die Vorteile gegenüber Wind- und Sonnenenergie sind allerdings eindeutig:
    1.Staudämme dienen gleichzeitig der Stromerzeugung und der Energiespeicherung. Das ist ein völlig ungelöstes Probleme bei Wind und Sonne.
    2. Es werden im Normalbetrieb keine Ersatzkraftwerke benötigt wie bei Wind (die Windkraftanlagen laufen nicht bei zu wenig und zu viel Wind) und Sonne (wo scheint nachts die Sonne?) Im Fall Belo Monte wären das an die 30 Gas- oder Kohlekraftwerke, die vermieden werden.
    3. Vermeidung von Akusto-Smog von tausenden von Windkraftanlagen on- und off-shore.
    4. Die Natur passt sich relativ schnell den neuen Gegebenheiten von Stauseen an und findet neue Gleichgewichte. Das zeigt der Erfahrung mit vielen Stauseen, die inzwischen Naturschutzgebiet sind. Das ist für Wind- und Solarkraftwerke mit ihrem großen Flächenbedarf nicht zu erwarten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber die Amazonaslandschaft hat einen ästhetischen Zauber,
    welcher dann unwiederbringlich verkleinert wird.

    auch skandinavien hat ja imposante wasserfälle und grandiose
    Flußlandschaften für die Wasserkraft kastriert.

    als potentat mit demiurgischer ambition würde ich lieber
    3-4 "schmuddelplätze" einrichten, z.B. als abgesperrte areale in öden gegenden mit wenig fauna (wie z.B. die Wüste von Nevada) , wo ich im großen stil akw´s oder bessere nachfolgetechniken betriebe - gleich mit wiederaufbereitungsanlage dabei und endlager unter dem
    betriebsgelände, so daß keine transporte anfallen -
    als die attraktivsten Landschaften durch ableiten des Lebenssaftes zum Verschwinden zu bringen.

    • o_reino
    • 15. August 2012 17:44 Uhr

    1. können Laufwasserkraftwerke eben nicht zur Speicherung von Energie verwendet werden. und gerade in den wechselfeuchten Tropen ist die Wasserführung nicht ganzjährig ausreichend. Im Artikel steht ja auch, dass wohl keine 11 GW erreicht werden. Das heißt aber auch im Umkehrschluss, dass es für die Trockenzeit sehr wohl Reservekraftwerke braucht!
    2. Hängt es vom Ökosystem ab, ob die sich "die Natur" anpassen kann. Ein "robustes" mitteleuropäisches Ökosystem mag sich an einen Staudamm anpassen. Tropische Ökosysteme sind um einiges komplexer, artenreicher und damit verwundbarer (vulnerabler)...!

    --> ihre Aussagen sind für den europäischen Kontext nicht falsch. Dieser lässt sich allerdings nicht 1:1 auf die Tropen übertragen. Die Gründe sind im Artikel ja eigentlich sehr gut aufbereitet worden.

    Es ist nicht alles richtig, v.a. nicht Punkt 4 - die Anpassung der Natur an so massiv veränderte Bedingungen. Man kann dies exemplarisch nachlesen für den Drei-Schluchten-Staudamm des Jangtsekiang: http://de.wikipedia.org/wiki/Drei-Schluchten-Talsperre

    Dort werden auch noch weitere Probleme dieses Mega-Staudamm-Projekts genannt.

    Nutzen und Risiken solcher Megaprojekte lassen sich nur schwer gegeneinander aufzurechnen. Allerdings wird bei den Begründungen für diese Projekte immer wieder auf den Energiehunger und das Wirtschaftswachstum von Schwellenländern wie Brasilien hingewiesen. Möglichkeiten der Energieeinsparung (z.B. auch durch Gebäudedämmung und den Verzicht auf Klimaanlagen) werden dabei viel zu wenig diskutiert.

    Solche Megastaudämme wie der am Xingu spiegeln aus meiner Sicht aber auch unser gesamtes globales ("alternativloses" ...) Wirtschaftsmodell, das aktuell auf Wachstum um jeden Preis angelegt ist. Und es ist auch für europäische Firmen lukrativ: http://www.corporatejustice.org/belo-monte-staudamm-andritz.html?lang=fr

    Hier noch etwas mehr Hintergrund: http://www.greenaction.de/kampagne/keine-europaeische-beteiligung-an-meg...

  4. aber die Amazonaslandschaft hat einen ästhetischen Zauber,
    welcher dann unwiederbringlich verkleinert wird.

    auch skandinavien hat ja imposante wasserfälle und grandiose
    Flußlandschaften für die Wasserkraft kastriert.

    als potentat mit demiurgischer ambition würde ich lieber
    3-4 "schmuddelplätze" einrichten, z.B. als abgesperrte areale in öden gegenden mit wenig fauna (wie z.B. die Wüste von Nevada) , wo ich im großen stil akw´s oder bessere nachfolgetechniken betriebe - gleich mit wiederaufbereitungsanlage dabei und endlager unter dem
    betriebsgelände, so daß keine transporte anfallen -
    als die attraktivsten Landschaften durch ableiten des Lebenssaftes zum Verschwinden zu bringen.

    • o_reino
    • 15. August 2012 17:44 Uhr

    1. können Laufwasserkraftwerke eben nicht zur Speicherung von Energie verwendet werden. und gerade in den wechselfeuchten Tropen ist die Wasserführung nicht ganzjährig ausreichend. Im Artikel steht ja auch, dass wohl keine 11 GW erreicht werden. Das heißt aber auch im Umkehrschluss, dass es für die Trockenzeit sehr wohl Reservekraftwerke braucht!
    2. Hängt es vom Ökosystem ab, ob die sich "die Natur" anpassen kann. Ein "robustes" mitteleuropäisches Ökosystem mag sich an einen Staudamm anpassen. Tropische Ökosysteme sind um einiges komplexer, artenreicher und damit verwundbarer (vulnerabler)...!

    --> ihre Aussagen sind für den europäischen Kontext nicht falsch. Dieser lässt sich allerdings nicht 1:1 auf die Tropen übertragen. Die Gründe sind im Artikel ja eigentlich sehr gut aufbereitet worden.

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