Der Xingu-Fluss in der Nähe der brasilianischen Großbaustelle, auf der der Belo-Monte-Damm entsteht © Mario Tama/Getty Images

Nichts ging mehr in den Abendstunden des 11. November 2009: Mehrere Millionen Brasilianer und Paraguayaner saßen plötzlich im Dunkeln , als Probleme rund um das Itaipu-Wasserkraftwerk das Stromnetz zusammenbrechen ließen. In Metropolen wie São Paulo oder Rio de Janeiro hellten nur noch Kerzen, mit Notstrom oder per Batterie betriebene Lichter und Autoscheinwerfer die Nacht auf. Erst nach zwei Stunden waren die Schäden behoben und der Süden Brasiliens wieder mit Energie versorgt.

Ein heftiges Unwetter hatte in drei Umspannstationen einer wichtigen Starkstromtrasse einen Kurzschluss ausgelöst, in dessen Folge sich das 14.000-Megawatt-Kraftwerk von Itaipu komplett abschaltete, weil es seinen Strom nicht mehr einspeisen konnte. Damit ging das zweitgrößte Wasserkraftwerk der Welt vom Netz – ein Verlust, den die restlichen Stromproduzenten Brasiliens nicht kompensieren konnten. Und ein Problem, das zukünftig nicht mehr vorkommen soll. Denn Brasilien richtet nicht nur die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 aus – während der ein peinlicher Blackout vermieden werden soll: Das Land befindet sich auch in einem steilen wirtschaftlichen Aufstieg und möchte weiter wachsen.

Für diesen Kurs benötigen die fast 200 Millionen Einwohner des südamerikanischen Riesen Energie: In den nächsten Jahren steigt der Verbrauch voraussichtlich auf mehr als 500 Terawattstunden an – ein Wachstum um etwa ein Fünftel. Bislang stammen fast 75 Prozent dieser Leistung aus der Wasserkraft, Kernenergie spielt dagegenk keine Rolle: Brasiliens einziges Kernkraftwerk Angra dos Reis an der Atlantikküste südlich von Rio de Janeiro liefert gerade einmal drei Prozent des im Land verbrauchten Stroms und soll bis 2015 nur um einen dritten Block ergänzt werden. "Unser Energieplan bis 2020 sieht keine weiteren Kernkraftwerke vor, da wir diese nicht benötigen. Wir decken den Bedarf anderweitig", ließ Marcio Zimmermann, stellvertretender Energieminister des Landes, im Mai verlauten.

Anderweitig bedeutet vor allem einen weiteren Ausbau der Wasserkraft: Allein Brasilien plant weitere 30 Staudämme im Amazonasbecken; sie sollen das größte noch nicht angezapfte Flusssystem der Erde zähmen und nutzbar machen. Dazu kommen Dutzende weiterer Vorhaben in Nachbarstaaten wie Peru, Bolivien oder Kolumbien, die das hydrologisch günstige Gefälle der Anden ausnutzen und anzapfen möchten. Der produzierte Strom soll dann nicht nur in diesen Ländern selbst die ökonomische Entwicklung vorantreiben, sondern ebenso zur nebenan liegenden regionalen Großmacht exportiert werden und wertvolle Devisen erwirtschaften. "Der mächtige Amazonas und seine zahlreichen großen Zuflüsse bieten eine ideale Umgebung für Wasserkraftwerke", heißt es denn auch im Energiehandbuch für Brasilien aus dem Jahr 2009.

Immense Nebenwirkungen

Die sozialen und ökologischen Folgen dieses Kurses sind jedoch enorm. Die Stauwerke in den Nachbarstaaten drohen die bisherige, nahezu völlig ungestörte Verbindung zwischen den Anden und dem Atlantik zu zerstören, befürchtet Robert Naiman von der University of Washington in Seattle gegenüber Nature : "Die vielen Dämme an den Oberläufen werden den Amazonas über Hunderte oder Tausende von Kilometern beeinträchtigen." Welche Folgen das konkret haben kann, deutet sich im Umfeld des Belo-Monte-Projekts am Rio Xingu im Bundesstaat Pará an.

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Für Philip Fearnside vom Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia in Manaus wird das auch in Brasilien heftig diskutierte Bauvorhaben alle negativen Prognosen bestätigen, die viele Fachleute mit Anlagen dieser Art in Verbindung bringen. "Dämme wie dieser blockieren wichtige Routen für wandernde Fischarten, überfluten zehntausende Hektar Regenwald, vertreiben zahlreiche dörfliche Gemeinschaften und setzen gewaltige Mengen Methan aus der verrottenden Vegetation frei. Staudämme in Amazonien sind alles andere als eine saubere Energiequelle", äußert sich der Forscher erzürnt.

Allein für Belo Monte müssen mindestens 20.000 Menschen ihr Heim verlassen , weil sie dem zukünftigen Stausee oder einem der für das Bauvorhaben nötigen Kanäle weichen. Zudem werden 80 Prozent des Flusswassers vom Hauptstrom abgezweigt und dem Reservoir zugeführt, weshalb rund 100 Kilometer von einem der mächtigsten Nebenflüsse des Amazonas zu einem Rinnsal verkümmern – während der saisonalen Trockenzeit könnte der Xingu hier sogar völlig austrocknen. Das betrifft eines der artenreichsten Süßwasserökosysteme der Erde mit zahlreichen Endemiten, die nur hier vorkommen und dessen größere Vertreter wichtige Nahrung für die lokale Bevölkerung liefern. Ein Teil der Fischwanderrouten wird durch den zukünftigen Betonwall zerstört, so dass sie ihre Laichgründe nicht mehr erreichen können – was auch weiter entfernt gelegene Fischerdörfer beeinträchtigt.