Rote und gelbe Punkte zeigen die Orte, an denen es in Sibirien brennt. Je gelber, desto stärker sind die Feuer. Diese Satellitendaten zeigen den Zeitraum vom 29. Juli bis 7. August 2012.

ZEIT ONLINE:  Herr Schmidt, seit Monaten brennen in Sibirien Wälder. Derzeit erreichen uns Meldungen, dass das Feuer sich unkontrolliert ausbreitet. Für wie brisant halten Sie die Lage?

Sebastian Schmidt: Aus der Ferne ist das schwer einzuschätzen. Auch ich kenne bisher nur die Satellitenaufnahmen der Nasa . Ich denke aber, dass das Ausmaß bisher nicht mit 2010 zu vergleichen ist, als es im Raum um Moskau wochenlang brannte.

ZEIT ONLINE:  Sind Waldbrände in borealen Wäldern nicht auch ein natürliches Phänomen?

Schmidt: Ja, allerdings gilt das nur für die Waldsteppengebiete, die eher im Süden Russlands liegen. Im Baikal-Gebiet gibt es zum Beispiel eine Kiefernart, die sich nur vermehren kann, wenn ihre Zapfen einmal von einem Feuer geröstet werden. Erst durch die Hitze springen die Zapfen auf und geben die darin festsitzenden Samen frei. Diese Bäume brauchen Waldbrände also zum Überleben.

ZEIT ONLINE: Sind auch Sibiriens Wälder an solche Feuer angepasst?

Schmidt: Normalerweise profitiert das Ökosystem auch in bestimmten Gebieten Sibiriens davon. Im sibirischen Süden kommen Feuer von Natur aus vor und haben einen bereinigenden Effekt. Wenn abgefallenen Nadeln oder sehr dichte Grasschichten sich über Jahrzehnte am Waldboden ablagern, können frische Samen nämlich nicht mehr dort eindringen. Ein Brand macht den Boden wieder fruchtbarer und verjüngt somit den artenreichen Bestand im abgebrannten Gebiet.

ZEIT ONLINE: Heißt das, die aktuellen Brände schaden der Umwelt nicht?

Schmidt: Damit Tiere und Pflanzen sich erholen können, darf es nicht zu oft brennen. Dasselbe Waldgebiet steht von Natur aus vielleicht alle 150 Jahre mal in Flammen. Die Feuer entstehen dann meist durch Gewitterblitze. Viele der Brandherde, die jetzt in Sibirien aufflackern, dürften hingegen menschengemacht sein. Die Russen grillen im Sommer häufig im Wald. Dass der Sommer in diesem Jahr extrem trocken war, hat das Brandrisiko noch erhöht. Außerdem erkennt man auf den Satellitenbildern, dass auch Wälder nördlich der Waldsteppen betroffen sind. Dort sollte es normalerweise durchschnittlich so viel regnen wie in Deutschland. Entsprechend feucht müssten die Wälder hier sein, auch weil zusätzlich die Schneemengen im Winter und die geringe Verdunstung im Sommer noch hinzukommen. Die Feuer sind jetzt dennoch vor allem ein Problem für die Menschen. Es bilden sich dichte Rauchschwaden und das Feuer kann Dörfer zerstören.

ZEIT ONLINE: Und was bedeuten die Brände für das Klima?

Schmidt: Bei jedem Waldbrand wird Kohlendioxid in die Atmosphäre gepustet. Besonders gravierend ist das, wenn Wälder auf kohlenstoffreichen Mooren abbrennen, die entwässert sind. Neben dem Verlust des Kohlenstoffs des Baums und den permanenten Emissionen des jahrtausendealten Torfkohlenstoffs entwickelt sich noch starker Rauch. Auch glüht der Torf lange nach und setzt so weiteres CO 2 frei. Selbst wenn sie nicht brennen, geben trockengelegte Moore durch natürliche Oxidation Unmengen CO 2 ab. Deshalb kooperiert die Succow-Stiftung in Greifswald, für die ich arbeite, mit der Organisation Wetlands International und russischen Behörden sowie Wissenschaftlern. Gemeinsam versuchen wir große Moorgebiete wieder zu vernässen, die einst zu Äckern umgewandelt oder zum Torfabbau trockengelegt wurden.