Sonnenuntergang in der Tschuktschensee im Nordpolarmeer. © Nasa/Kathryn Hansen

ZEIT ONLINE: Herr Rahmstorf, nach dem Arctic Sea Ice Extent ist die Arktis heute erstmals auf weniger als 4.000.000 Quadratkilometern mit Eis bedeckt. Was ist das für ein Index?

Stefan Rahmstorf: An diesem Index sind Fernerkundungsspezialisten des japanischen JAXA Information System (IJIS) beteiligt. Verwendet werden dort die Daten vom Satelliten Windsat. Aber es ist relativ egal, welchen Index zur arktischen Meereisbedeckung Sie nehmen: Alle haben in diesen Tagen einen neuen Schmelzrekord vermeldet.

ZEIT ONLINE: Wie kommt es zu unterschiedlichen Angaben? Warum kann man nicht mit Bestimmtheit sagen: Am Tag X melden alle Forscher eine Eisausbreitung Y?

Rahmstorf: Weil die Systeme mit unterschiedlichen Daten aus verschiedenen Satelliten arbeiten. Und weil sie unterschiedliche Berechnungs-Algorithmen benutzen. Der eine Index zählt eine Fläche als eisfrei, wenn das Pixel auf dem Satellitenfoto mit weniger als 15 Prozent von Eis bedeckt ist, ein anderer definiert die Fläche als eisfrei, wenn sie weniger als 30 Prozent Eis aufweist. Wieder ein anderes Institut – das amerikanische National Snow and Ice Data Center – arbeitet mit Fünf-Tages-Durchschnitten. Unabhängige Forschergruppen entwickeln unterschiedliche Methoden, kommen aber im Wesentlichen zu den gleichen Ergebnissen.

ZEIT ONLINE: Soweit zur Datenerhebung, nun zur Interpretation: Was sagen die Daten aus?

Rahmstorf: Seit Jahrzehnten erleben wir eine recht steile Abnahme der Eisausdehnung in der Arktis. Der Tiefpunkt von 2007, als das Eis nur noch 4,1 Millionen Quadratkilometer der Arktis bedeckte, wird in diesem Jahr noch einmal deutlich unterschritten. Anfang der 1980er Jahre betrug die arktische Eisbedeckung noch etwa sieben Millionen Quadratkilometer.

Das Erstaunliche an den Daten ist: Der neue Rekord wird schon im August erreicht – also rund drei Wochen vor Ende der arktischen Eisschmelze. Und während in den Rekordjahren davor Mitte August die Geschwindigkeit der Eisschmelze wieder abnahm und sich die Kurve abflachte, ist derzeit davon nichts zu sehen. Das Tempo hat sich seit Anfang Juni nicht abgeschwächt.

ZEIT ONLINE: Wohin wird das führen?

Rahmstorf: Ich kann nicht vorhersagen, wie groß der Eisverlust in diesem Jahr ausfallen wird. Wenn die Polarnacht beginnt, friert die Arktis wieder zu. Allerdings gibt es trotzdem ein Gedächtnis: Je weniger Eis es diesen Sommer gibt, desto weniger dickes, mehrjähriges Eis gibt es im nächsten Sommer.

Und je dünner das Eis ist, umso leichter schmilzt es dann im nächsten Jahr. Die Messungen zeigen immer weniger Mehrjahreseis.

ZEIT ONLINE: Ursprünglich zeigten die Wetter in diesem arktischen Sommer nichts, was auf den neuen Negativ-Rekord schließen ließ.

Rahmstorf: Das stimmt: 2007 gab es ein langes, stationäres Hochdruckgebiet über der Arktis, das viel Sonne brachte. Das war in diesem Jahr nicht der Fall, das Wetter war durchwachsen. Zwar gab es Anfang August einen schweren Sturm, der die Eismassen auseinandertrieb und so die Schmelze begünstigte. Aber schon vor dem Sturm war das Eis auf Rekordkurs. Das zeigt, wie empfindlich das immer dünnere Eis ist.

ZEIT ONLINE: Nicht nur in der Arktis gab es einen Rekord, sondern auch auf Grönland. Wie sah dieser aus?

Das Ausmaß der Tauprozesse wurde mit Satellitendaten erfasst. Pink eingefärbt sind die Bereiche auf Grönlands Oberfläche, wo es taut. Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik anzusehen.

Rahmstorf: Anders als beim Meereis geht es beim Festlandeis auf Grönland nicht um die Fläche, sondern um den Verlust an Eismasse. Amerikanische Wissenschaftler haben einen standardisierten Schmelz-Index entwickelt. Schon bis zum 8. August war demnach mehr Eis auf Grönland abgeschmolzen als in jeder Sommersaison zuvor, seit Beginn der Satellitenmessungen.

An einigen Tagen im Juli waren sogar 97 Prozent des grönländischen Eispanzers von der Schmelze betroffen. Die Schmelzwassermassen haben zu Hochwasser geführt und beispielsweise eine Brücke weggerissen.