Die Küste von Mahé, der Hauptinsel der Seychellen © Roberto Schmidt/Getty Images

"Erderwärmung bedroht Korallenriffe", "Industrieller Fischfang reduziert Artenvielfalt", "Schiffsverkehr bringt Schadstoffe in sensible Küstengebiete" – derartige Schlagzeilen machen deutlich: Der Zustand der Weltmeere verschlechtert sich. Doch wie schlecht ist es genau um sie bestellt, gibt es womöglich auch positive Veränderungen? Und lassen sich die einzelnen Regionen miteinander vergleichen? Eine Antwort auf diese Fragen soll der Ozean-Index liefern, den Wissenschaftler jetzt im Fachmagazin Nature vorstellen .

"Fast die Hälfte der sieben Milliarden Menschen auf der Erde lebt am Meer und profitiert davon – von der Ernährung über Tourismus bis hin als Ort zum Leben", argumentiert das Team um Benjamin Halpern von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara . "Wir brauchen Analysemethoden, die den Zustand der Gewässer gut beschreiben und helfen, eine Balance zwischen den einzelnen Nutzungsformen zu finden." Erste Ansätze dazu seien vorhanden, doch nach Ansicht der Autoren konzentrieren sich diese oftmals nur auf den negativen Einfluss des Menschen auf die Natur.

Halpern und Kollegen wollten einen umfassenden Überblick gewinnen. Dazu haben sie aus zahlreichen Daten – von der Fischerei über Touristenzahlen bis zur Aufnahmefähigkeit des Wassers von Kohlendioxid – für jedes Land einen Wert errechnet, der angibt, wie gut es um die Beziehung zwischen Menschheit und Meer bestellt ist.

Tiefseeforschung - Dr. Max: Säureangriff auf das Unterwasserparadies Zahlreiche Korallenriffe in der Tiefsee sind bedroht, weil die Ozeane immer saurer werden. Vor Norwegen vermessen Meeresforscher das Risiko für die Unterwasserwelt. Max Rauner begleitete sie in einem selbst gebauten U-Boot.

Auf einer Skala von 0 (sehr schlecht) bis 100 (sehr gut) kamen demnach alle begutachteten Küstengebiete auf einen Wert zwischen 36 ( Sierra Leone ) und 86 (Jarvis Island, eine unbewohnte Insel im Südpazifik). Der Durchschnitt liegt bei 60 Punkten, wobei Deutschland mit 73 in der Spitzengruppe zu finden ist. Die Werte ergeben sich durch komplexe Berechnungen, in die zehn verschiedene Einzeldisziplinen eingehen, die die Forscher als wichtige Funktionen der Meere erachten. Dazu zählen etwa Artenvielfalt, sauberes Wasser, Nahrungsmittelproduktion, Küstenschutz und Erholungswert. Für diese Untergruppen wurde jeweils der Ist-Zustand ermittelt und zudem bewertet, wie sich dieser in Zukunft wahrscheinlich entwickeln wird.

Illegaler Fischfang und Umweltverschmutzungen sind kaum dokumentiert

Basis für die Berechnungen sind amtliche Daten und Statistiken. Die Wissenschaftler konzentrieren sich dabei auf die 200-Seemeilen-Zone der jeweiligen Länder. Einerseits, weil es in dem 370 Kilometer breiten Streifen vor der Küste die meisten Überschneidungen zwischen Mensch und Meer gibt, wie Fischfang, Erholung oder Rohstoffgewinnung, die für Politik und Wirtschaft relevant sind. Andererseits haben die Staaten in der 200-Seemeilen-Zone, anders als in internationalen Gewässern weiter draußen, gewisse Rechte – sie kümmern sich mehr darum und daher gibt es mehr Informationen, die für Halperns Team wichtig sind.

Gleichwohl gibt es noch große Lücken oder Unsicherheiten bei den Daten, berichten die Forscher. In Sachen Tourismus geben beispielsweise Anreisen aus dem Ausland nur ungefähre Hinweise, zumal in Ländern mit hohem Urlauberaufkommen aus dem Inland. Auch bei bedeutenden Stressfaktoren wie illegalem Fischfang oder lokal begrenzter Umweltverschmutzung gebe es kaum Informationen, berichten die Forscher. Sie hoffen, dass die jetzt zutage tretenden Lücken in den Daten die Verantwortlichen motivieren, diese zukünftig zu schließen.