Was bis zum 11. März 2011 undenkbar war, könnte 30 Jahre später Realität werden: Japan, die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde, kappt die Leitungen für Atomstrom. Bis 2040 soll auf Kernenergie verzichten werden – komplett. Das hat das Kabinett von Premierminister Yoshihiko Noda beschlossen. Sollte es dabei bleiben, wäre dies eine Zeitenwende in der Energieversorgung Japans . In einem Land, dessen Elite und politische Klasse jahrzehntelang mit den Atomkonzernen und ihrer Lobby gekungelt und gemauschelt haben . Welch ein Signal!

Nach Deutschland, Belgien und der Schweiz könnte Japan das vierte Land werden, das den Atomausstieg nach Fukushima umsetzen will. Es wäre die Konsequenz, die sich auch sehr viele Japaner wünschen. Nach dem GAU erlebte der Inselstaat monatelange Bürgerproteste. Zehntausende säumten die Straßen in Tokio und demonstrierten vor Atomkraftwerken, die nach der Abschaltung zur Wartung wieder ans Netz gehen sollten. Das High-Tech-Land hatte derartige Kundgebungen in den vergangenen fünf Jahrzehnten nie erlebt. Die Menschen demonstrierten zuvor einfach nicht – egal worum es ging.

Der GAU am Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi hat die Menschen verändert. Er hat ihr Vertrauen in Politik und Technologie erschüttert. Gebrochen hat er sie nicht. Deshalb wird sich Premierminister Noda daran messen lassen müssen, ob seine Ankündigung nicht nur politisches Kalkül ist. Denn ganz gleich, wie überzeugt die Regierung von den Ausstiegsplänen sein mag , sie steht mächtig unter Druck.

Die Wirtschaft des Landes steckt in einer tiefen Krise . Die Kohle-,Gas- und Ölimporte sind nach Megabeben , Tsunami und Nuklearkatastrophe in die Höhe geschnellt. Die vorübergehende Abschaltung sämtlicher Kernkraftwerke musste überbrückt, die Energieversorgung gesichert werden. Bislang stabilisierten die Exporte das am stärksten verschuldete Land der Welt , das schon vor dem 11. März 2011 unter der schwächelnden Weltwirtschaft litt. Nun steht Japans Handelsbilanz seit anderthalb Jahren meist im Minus.

Noch in diesem Jahr könnte es Neuwahlen geben. Denn Noda, der erst seit einem Jahr regiert, hat die schrittweise Verdopplung der Mehrwertsteuer von fünf auf zehn Prozent mit der Opposition ausgehandelt . Der Preis dafür könnte sein Amt sein. Auch in der Bevölkerung ist das Kabinett unbeliebt. Weniger als 30 Prozent der Japaner unterstützten im August noch seinen Kurs.

Ob eine neue Regierung an den Ausstiegsplänen festhalten würde, weiß niemand. Die Aussichten sind trübe. Bis 3/11, wie Japaner ihren Katastrophentag auch nennen, planten Nodas Vorgänger noch den Anteil von Atomenergie auszubauen. Bis 2030 sollte rund die Hälfte des Stroms aus Reaktoren in die Haushalte und Fabriken fließen.