VampirtintenfischeLieblingsgericht organische Abfälle

Vampirtintenfische sind Tiere zwischen Krake und Kalmar. Ihr Aussehen verlieh ihnen einst ihren Namen. Sie saugen keineswegs Blut, sondern den organischen Meeresschnee. von Jan Osterkamp

Dieser in der Tiefsee gefilmte Vampirtintenfisch nimmt gerade seine Dinnerposition ein: horizontal im Wasser driftend hebt er eines seiner Filamente in die Höhe und wartet auf nahrhafte Sedimentflocken.

Dieser in der Tiefsee gefilmte Vampirtintenfisch nimmt gerade seine Dinnerposition ein: horizontal im Wasser driftend hebt er eines seiner Filamente in die Höhe und wartet auf nahrhafte Sedimentflocken.  |  © MBARI, 2011

Der seltsame Kopffüßer Vampiroteuthis infernalis trägt seinem Namen – "Vampirtintenfisch aus der Hölle" – nicht unbedingt Rechnung: Im wesentlichen dümpelt er nur in der Tiefsee und harrt geduldig des nahrhaften organischen Abfalls, der auf ihn herab schneit. Dünne Filamentärmchen, deren Rolle sich Zoologen bisher nicht so recht hatten erklären können, dienen ihm dabei als geschickte Meeresschneeflockenfänger, berichten Henk-Jan Hoving und Bruce Robinson vom Forschungszentrum des Monterey Bay Aquariums nach ihren Studien.

Der Vampirtintenfisch war bereits vor über hundert Jahren während der ersten Deutschen Tiefsee-Expedition unter der Leitung des Zoologen Carl Chun entdeckt worden. Vampiroteuthis vertritt als Mittelding zwischen den achtarmigen Kraken sowie den zehnarmigen Sepien und Kalmaren einen uralten Seitenast der Kopffüßer. Seine acht Arme sind durch eine Netzstruktur schwimmhautähnlich verbunden – was die fantasiebegabten Erstbenenner an den Mantel eines Vampirs oder die Flügel der Vampirfledermäuse erinnerte – und trägt zudem die mysteriösen, mit Sinneszellen dicht besetzten und einziehbaren langen Filamentfäden.

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Hoving und Robinson zeigten nun, was das Tier mit ihnen anzufangen weiß: In der Tiefsee gefilmte sowie gefangene Exemplare, die es sich in dunklen, kalten Versuchsaquarien bequem gemacht hatten, entrollen die Filamente und haschen damit nach sedimentierenden organischen Flocken. Im Ozean handelt es sich dabei oft um so genannten Meerschnee, der vor allem aus Schleim, verrottendem totem Meeresgetier, Krebsen und Kotresten besteht. Bei Kontakt mit den Filamenten werden die Partikel flugs als transportable Kapsel weiter eingeschleimt, mit Zilien entlang der Filamente in Richtung Mund bewegt und verspeist.

Erschienen auf spektrum.de

Erschienen auf spektrum.de  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

Das Tier kann so auf die kraftraubende Jagd in der Tiefsee und die dafür nötige Muskulatur verzichten – es dümpelt sauber austariert in 600 bis 800 Meter Tiefe dahin. Seine guten Augen erlauben ihm dabei offenbar, die in der Nähe herniedersinkenden, oft wegen darin verhedderter Organsimen dezent bioluminiszierenden Flocken zu erkennen und abzufangen.

Diese energiesparende Lebensweise erlaubt es den Vampirtintenfischen in den sauerstoffarmen Wüsten des Ozeans zu existieren, die sich häufig unterhalb von dicht belebten Habitaten mit großer Primärproduktion halten. Hier profitieren die Tintenfische vom reichen Organoabfall – um die vorherrschenden Bedingungen zu tolerieren sind allerdings zusätzliche Anpassungen nötig, so verfügen die Tiere etwa über eine besonders bindungsstarke Variante des Blutfarbstoffs Hämocyanin, also einen gerade bei geringen Sauerstoffmengen hocheffizienten Stoffwechsel. Die perfekte Anpassung an ihre Nische hat dem alten Seitenzweig der Kopffüßer offenbar erlaubt, verschiedene Wechselfälle des Weltklimas bis heute zu überstehen, die anderen alten Formen den Garaus gemacht haben.

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    • Schlagworte Meeresbiologie | Meeresforschung | Zoologie
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