AtommülllagerTatenlose Politiker verschärfen Asse-Debakel
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Ein Absaufen des Salzstocks wird von Tag zu Tag wahrscheinlicher

Die Bergung weiter zu prüfen, befürwortet zwar auch Michael Sailer. Doch angesichts der instabilen Schachtanlage, könne man nicht mehr tatenlos abwarten. Sailer rät dazu, schon jetzt an einigen Stellen "möglichst dichte Barrieren" im Salzstock zu errichten. Er geht davon aus, dass eingesickertes Wasser in den Kammern bereits radioaktiv belastet ist. Ein Austritt müsse verhindert, zumindest aber gebremst werden. Zusätzlich müssten Hohlräume in der löchrigen Asse mit Salzgrus oder Beton verfugt werden. Kommt es zum Gruben-GAU verringert dies die Gefahr, dass die Strahlenlauge ins Grundwasser gerät.

Geschichte der Asse: 1900-1970

Zehn Kilometer südöstlich von Wolfenbüttel wird 1906 der erste Schacht des Bergwerks Asse in die Tiefe getrieben. 1964 endet die Förderung von Steinsalz aus wirtschaftlichen Gründen. Im selben Jahr wird die Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF) in München gegründet. Sie kauft im Auftrag des Bundes die Schachtanlage für umgerechnet etwa 45.0000 Euro. 1965 wird die Asse vom Salz- zum Forschungsbergwerk erklärt.

1971-1980

Von 1967 an erforscht die GSF die Eignung der Asse als Atommülllager. Zugleich werden in der Schachtanlage in Niedersachsen (Bild links) schon leicht und mittelradioaktive Abfälle eingelagert. Bis zum Ende der Einlagerung 1978 sind es 126.000 Fässer mit leicht radioaktivem Material in mehr als 700 Metern Tiefe und 1300 Fässer mit mittelradioaktivem Material in 511 Metern Tiefe.

1981-2000

1988 entdeckt man erstmals, dass ins sogenannte Versuchsendlager Asse Salzlauge einsickert. Die Öffentlichkeit wird darüber nicht informiert.1995 läuft die Forschung in der Asse aus. Im selben Jahr wird die Helmholtz-Gemeinschaft gegründet, deren Mitglied die GSF ist. Im August 1998 wird ein täglicher Zufluss von elf Kubikmetern Lauge gemessen.

2001-2010

Seit 2005 eskaliert der Streit um die Asse. 2008 wird unter Tage radioaktiv strahlendes Cäsium-137 gemessen. Dem Helmholtz-Zentrum entzieht man die Aufsicht. Seit dem 1. Januar 2009 ist das Bundesamt für Strahlenschutz verantwortlich für die Asse. Am 15. Januar 2010 empfiehlt das Bundesamt, den radioaktiven Müll aus dem Bergwerk zu holen.

Ohne diese Vorsorgemaßnahmen wird ein Absaufen und der Einsturz der Asse von Tag zu Tag wahrscheinlicher. Bislang ist das Projekt "Verfüllung" tabu. Doch spätestens seit Februar ist klar, dass auch Mitarbeiter des BfS Zweifel an der Rückholung hegen. In einem öffentlich gewordenen Memorandum vom 14. November heißt es: Es sei zu erwarten, "dass bald eine Sachlage eintreten wird, die eine weitere Verfolgung der Stilllegungsoption 'Rückholung' als sicherheitstechnisch nicht mehr vertretbar erscheinen lässt". "Sachlage" bedeutet: Wassereinbruch. Weiter heißt es, dass alle "Vorbereitungen für eine Aufgabe des Projekts 'Rückholung'" zu treffen seien.

Der Landkreis wird das Grab nicht los

Offiziell verteidigte das BfS das Memorandum als Diskussionspapier. Es sei lediglich aus einer Routineübung hausinterner Fachleute entstanden. Doch es mehren sich die Stimmen. Neben Sailer und den BfS-Mitarbeitern sagte zuletzt Anfang Oktober der Präsident des Fachverbandes für Strahlenschutz, Joachim Breckow, der FAZ : Die Rückholung sei "nicht die beste Lösung". Eine Räumung könnte höhere Strahlendosen für Arbeiter und auch Bevölkerung bedeuten als das Stopfen der Hohlräume.

Die Verfüllung macht auch die Bergung schwieriger. Daher wird sie öffentlich weiter kaum diskutiert. Die Menschen im Landkreis Wolfenbüttel sollten sich an den Gedanken gewöhnen, dass sie ihr Grab aus Atommüll und Lügen so schnell nicht loswerden.

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Leserkommentare
    • zamm
    • 18. Oktober 2012 18:13 Uhr

    ...ist einfach die einzige vernünftige Methode. Bentonit, die bei Wasseraufnahme schwellt und Hohlräume füllt, kann das Ganze relativ gut stabilisieren.
    Aber am liebsten wird nichts unternommen - so hält man die Hysterie am Laufendem…

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    Warum fängt man nicht schon mal an das zurückzuholen, was man kann?
    Jeder Tag verschleppung und jeder Ministerwechsel unter schwarz-gelb versucht das Problem zu verschleppen.
    Nur: auch wenn wir es nicht sehen - die Zeitbombe tickt.

    Aus der Erfahrung mit Asse bleibt auch für den anderen Müll aus meiner Sicht nur überirdische Lagerung. Die energiekonzerne müssen dafür Wachpersonal und Hallen bereitstellen.

    was wollen Sie denn da stabilisieren?

    Schon bei der normalen Halokinese, also dem dichteunterscheidbedingten AUfsteigen des Salzes, haben Sie ja nicht mal mittelfristig konstante Spannungstrajektorien um einen gegebenen Streckenquerschnitt!

    MfG KM

    ...Stabilisieren - Versiegeln - und Überwachen, aber in umgekehrter Reihenfolge.

  1. Sicher war das Lager eh nie und wie man den Müll jetzt noch sichern soll weis auch niemand. Das Lager ist einen einzige hausgemachte atomare Katastrophe. Kein wunder, dass sich niemand mehr damit beschäftigen will. Alle sind schuld und keiner hat eine Lösung. Das schlimme ist nur, dass es schon solange bekannt ist und nie etwas passiert ist und sogar ständig behauptet wurde alles wäre super und deswegen sogar weitergemacht wurde. Wahrscheinlich wurde dieser irreparable Verklappungsmist etc. auch deswegen gemacht, um vollendete Tatsachen zu schaffen und dann sagen zu können. Tja Leute scheisse gelaufen. Ein zurück gibt es nicht mehr also können wir auch weitermachen. Aber wählt ruhig weiter Angela Merkel. Mutti werden bestimmt wenigstens ein paar schöne Sprechblasen dazu einfallen.

    7 Leserempfehlungen
  2. Warum fängt man nicht schon mal an das zurückzuholen, was man kann?
    Jeder Tag verschleppung und jeder Ministerwechsel unter schwarz-gelb versucht das Problem zu verschleppen.
    Nur: auch wenn wir es nicht sehen - die Zeitbombe tickt.

    Aus der Erfahrung mit Asse bleibt auch für den anderen Müll aus meiner Sicht nur überirdische Lagerung. Die energiekonzerne müssen dafür Wachpersonal und Hallen bereitstellen.

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  3. der uns angesichts dieses Desasters die Segnungen der Kernenergie vor Augen stellt?

    9 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte wenden Sie sich bei Fragen zu unserer Moderation an community@zeit.de und nutzen Sie den öffentlichen Kommentarbereich, um das konkrete Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/jp

    Das Betreiber-Risiko wird voll auf die Allgemeinheit umgelegt. Ganz toll.

    Wie viel Steuergeld wurde bisher hier schon mit versenkt?

    Zur weiteren Sanierung / Rückholung werden 2 Milliarden Euro kalkuliert. Natürlich wieder Steuergeld.

    Atomstrom bleibt die teuerste Art, Strom zu erzeugen. Als Bonus gibt es noch Atommüll, der für die nächsten paar tausend Jahre Probleme bereitet.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte wenden Sie sich bei Fragen zu unserer Moderation an community@zeit.de und nutzen Sie den öffentlichen Kommentarbereich, um das konkrete Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/jp

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Wo ist der Lobbyist, "
  5. was wollen Sie denn da stabilisieren?

    Schon bei der normalen Halokinese, also dem dichteunterscheidbedingten AUfsteigen des Salzes, haben Sie ja nicht mal mittelfristig konstante Spannungstrajektorien um einen gegebenen Streckenquerschnitt!

    MfG KM

    3 Leserempfehlungen
    • gquell
    • 18. Oktober 2012 18:37 Uhr

    Wenn Fässer undicht sind und Wasser eindringt, dann wird auch Radioaktivität verbreitet. Das bedeutet, daß das Grundwasser kontaminiert wird und die Menschen und Tiere in der Umgebung, d.h. Großraum Braunschweig, der erhöhten Strahlung ausgesetzt werden.

    Warum holt man jetzt nicht schon mal die radioaktiven Materialen heraus, die man problemlos heben kann? Oder will man warten, bis das ganze Bergwerk zusammenbricht und man sich mit der Ausrede: "Jetzt sei da nichts mehr zu machen" herausreden kann?

    Warum werden eigentlich keine Roboter entwickelt, die strahlendes Material bergen können? Das ist mir schon in Fukushima aufgefallen, da wurde mit dilletantischen Methoden gegen die Kernschmelze vorgegangen. Spätestens seit Tschernobyl sollte die Notwendigkeit solcher Geräte doch klar sein.

    5 Leserempfehlungen
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    Super-GAUs nur alle 100 000 Jahre einmal auf - sagt jedenfalls die AKW-Industrie. Warum also Roboter entwickeln? Das kommt viel zu teuer. Billiglöhner und Leiharbeiter sind vieeeeeeeel weniger kostenintensiv - hat man ja in Fukushima gesehen.
    Daß schon seit Jahrzehnten vor den AKWs und den damit zusammenhängenden Problemen, wie ebend der Endlagerung, gewarnt wird, das wird unsere Atomindustrie, gerade die 4 großen Energiekonzerne, kaum stören - bis jetzt hat sich mit Atomkraft ja sehr gutes Geld verdienen lassen - und die Kosten fallen sowieso dem Staat anheim.
    Wären alle tatsächlichen Kosten wie z.B. Endlagerung, Objektschutz etc. von Anfang an in die Berechnungen mit eingeflossen, und hätte man auf die Subventionen des Staates verzichtet, dann wären nie AKWs gebaut worden - es hätte sich schlicht und einfach nicht gelohnt.
    Die Lügen, die uns seit Jahren aufgetischt wurden, wären auch nicht nötig gewesen.
    Ich glaube nicht, daß wir je erfahren werden, wie hoch die Gefahren in der Asse tatsächlich sind - das könnte durchaus zur Folge haben, daß die Verantwortlichen um Leib und Leben fürchten müßten.

    Die grundwasserführenden Schichten werden in wesentlich größeren Bereichen Deutschlands betroffen sein, sollte radioaktiv belastetes Wasser aus der Asse austreten.

    Da muss man schon hinter einer Verwerfung wie dem Rheingraben oder vielleicht einem Mittelgebirge liegen, um halbswegs sicher zu sein *cheer* (westrheinisch).
    Ich drück euch also die Daumen ;)

    Auf lange Sicht wird aber auch ein solches Hindernis die Strahlung nicht aufhalten.

    • tobmat
    • 19. Oktober 2012 13:28 Uhr

    "Das bedeutet, daß das Grundwasser kontaminiert wird und die Menschen und Tiere in der Umgebung, d.h. Großraum Braunschweig, der erhöhten Strahlung ausgesetzt werden."

    Genau das muss es nicht bedeuten. Erstens ist nicht klar ob das Wasser überhaupt das Grundwasser erreich hat und wenn ja welche Grundwasserleiter in welchem Maße betroffen sind. Davon hängt es aber ab ob Menschen betroffen sind und wo. Das weiß man alles nicht. Soweit ich weiß wird Trinkwasser in den meisten Regionen regelmäßig getestet. Belastungen sind bisher nicht bekannt geworden.

    Schön und gut Ihr Vorschlag, aber das Ganze hat wohgl einen Haken:
    Wenn die Fässer, an die man ungehindert rankommt und die noch nicht beschädigt sind, rausholt, so wird das von einem "Abfallbeseitigungsunternehmen" vorgenommen werden. Was man von diesen Unternehmen bisher erlebt hat, sollte eher dazu führen zu sagen: "Wir lassen den Mist dort unten, da wissen wir wenigstens, wo er ist!" Bei Übergabe an ein "Abfallbeseitigungsunternehmen" ist das nicht immer gewährleistet!

  6. Erst mal einen Sarkophag über den Salzstock bauen, damit von oben und seitlich nicht immer weiteres Wasser nachläuft. Die Rückholung kann dann in Ruhe angegangen werden.

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    Hier handelt es sich um Grundwasser u. nicht um Regenwasser!

    • makk
    • 19. Oktober 2012 13:24 Uhr

    bilden sich aktuell im eindringenden Grundwasser ab.

    Sprich das verseuchte Regenwasser dieser Zeit ist jetzt
    im Sickerwasser angekommen.

    Sicherlich, die aus dem Salzstock damals herausgetriebenen
    Stollen machen diesen Salzstock eigentlich eher weniger
    geeignet ( Sie sind der Eintrittpunkt des Grundwassers).

    Aber so ganz kann ich die hysterischen Reaktionen nicht nachvollziehen.
    Es läuft ja nichts aus dem Salzstock wieder heraus!

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