AtommülllagerTatenlose Politiker verschärfen Asse-Debakel

Der Atommüll im maroden Salzstock strahlt vor sich hin. Politiker debattieren derweil die Rückholung. Dabei weiß niemand, ob die möglich ist, analysiert Sven Stockrahm von 

Ein Mann steht in einem Schacht des stillgelegten Salzstocks Asse II (Archivfoto).

Ein Mann steht in einem Schacht des stillgelegten Salzstocks Asse II (Archivfoto).  |  © Sean Gallup/Getty Images

Die Linken nennen den einstigen Salzstock Asse II den " größten atompolitischen Skandal der deutschen Geschichte ". Die Grünen sprechen von "kriminellen Machenschaften" von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die die Sicherheit der Bevölkerung aufs Spiel gesetzt hätten. CDU  und FDP stellen in ihrem eigenen Abschlussbericht fest: Wer für die jahrzehntelange Schlamperei seit den sechziger Jahren und für rund 126.000 planlos versenkte Atomfässer sowie Giftmüllbehälter genau verantwortlich ist, bleibt verworren.

Jetzt, nach drei Jahren, hat der zuständige Untersuchungsausschuss endlich seinen Abschlussbericht vorgelegt . Weil sie sich nicht auf eine Sprache verständigen konnten, bringen die Parteien ihre eigenen Stellungsnahmen dazu heraus. Doch in der Sache steht kaum etwas Neues darin.

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Ja, die Bevölkerung wurde jahrzehntelang belogen. Erst 2008 kam heraus, dass neben strahlenden Tierkadavern und mit Arsen belasteten Forschungsabfällen vor allem schwach und mittelradioaktive Abfälle aus Reaktoren in dem Salzstock landeten. All das ist ein politischer Skandal. Die Debatte darum lenkt allerdings ab vom eigentlichen Problem. Denn die Asse ist weit mehr als ein Lügengrab in 500 bis 700 Metern Tiefe unter Äckern und Wäldchen im Landkreis Wolfenbüttel .

Die riskante Rückholung ist beschlossene Sache

Längst ist entschieden, dass der Atommüll aus der Asse für geschätzte vier Milliarden Euro herausgeholt werden soll. Und das, obwohl Wissenschaftler davor warnen. Politiker fordern weiter stoisch, dass mit Asse Schluss sein muss. Die Risiken verschweigen sie gerne. Schließlich können sie der Öffentlichkeit nicht mehr glaubhaft vermitteln, man werde sich um das Atommüllproblem in dem alten Bergwerk kümmern. Die Menschen in der Region sind solche Beteuerungen satt. Etwas anderes als die Rückholung steht dort nicht zur Debatte.

Dabei wird es von Tag zu Tag schwieriger, den radioaktiven Dreck auszuheben. Mehr als 10.000 Liter Wasser sickern täglich in die löchrigen und rissigen Kammern des Schachtlabyrinths, wo die Fässer verrotten. Zusammen mit dem Salz aus dem stillgelegten Bergwerk bildet es eine Lauge, die den Behältern zusetzen kann. Das Bergwerk ist an vielen Stellen einsturzgefährdet.

Wann die ersten Behälter geborgen werden könnten, ist ungewiss. Die beauftragte Firma schätzt: nicht vor 2036. Zuvor müssten Schächte für schweres Gerät ins Salzmassiv gefräst und eine Anlage zur Verpackung des strahlenden Materials gebaut werden.

Sven Stockrahm
Sven Stockrahm

Sven Stockrahm ist Redakteur im Ressort Wissen bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Bis dahin, fürchten Geologen und Strahlenschutzexperten, wie etwa der Chef der Entsorgungskommission des Bundes, Michael Sailer, könnte die Anlage absaufen. Der Frankfurter Rundschau sagte Sailer im September : "Die Rückholung entwickelt sich immer mehr zu einer 'Mission Impossible'." 13 mit Beton, Asphalt und Bitumin verschlossene Kammern müssen ausgelagert werden. Das allein könnte 20 Jahre dauern. Schätzungsweise 275.000 Kubikmeter Müll soll in ihnen ruhen.

Seit Juni wird die erste Kammer angebohrt. Was in ihr lauert, weiß niemand so recht. Vielleicht explosive Gase? Noch dazu radioaktiv? Erst seit dieser Woche ist klar: Die Kammer ist nicht einmal dort, wo sie auf Plänen eingezeichnet ist. Nach 24 Metern Suche im Gestein ist man noch immer nicht am Ziel – zwei Meter über dem Plan.

Dabei wird längst auch an Notfallplänen herumgedoktert. Das zuständige Bundesamt für Strahlenschutz prüft, "ob die Schutzziele des Atomgesetzes auch bei einem Verbleib der radioaktiven Abfälle in der Anlage erreicht werden können". Das sagte die Vizepräsidentin des BfS, Stefanie Nöthel zuletzt der Braunschweiger Zeitung . Oberstes Ziel bleibe jedoch die Räumung. Verbissen wird daran gearbeitet, den Beginn dafür vorzuziehen. Dazu liegt nun auch ein Entwurf für ein Lex Asse vor: Ein Gesetzesvorschlag des Bundesumweltministeriums soll das Verfahren beschleunigen, atomrechtliche Genehmigungen vereinfachen. Ziel auch hier: die Rückholung.

Leserkommentare
    • rugero
    • 18. Oktober 2012 18:44 Uhr

    Schon der Bau dieses Endlagers war ein Skandal. Das nicht darum kümmern ist ein Dauerskandal über Jahrzehnte. Nun beschimpfen sich die Untätigen pressewirksam gegenseitig. Aber CDU/CSU, FDP, SPD und Grünen waren in den lagen Jahren alle untätig.

    Jede Regierung hoffte es auszusitzen mit der Hoffnung auf das Ausbleiben der großen Katastrophe zu einem Zeitpunkt zu dem sie längst in Pension ist.

    Wo soll eigentlich die ganze Schweinerei hin, wenn sie denn mal gehoben ist ? Ins "Zwischenlager" Gorleben ? Es gibt keinen Lagerplatz für Atommüll, weil auch da das Prinzip der Vertagung und Verschleppung praktiziert wird.

    • kael
    • 18. Oktober 2012 18:44 Uhr

    Ein Widerspruch, der an Zynismus kaum zu überbieten ist.

  1. ...ist auch eine ungeklärte Frage. Selbst wenn eine Rückholung möglich wäre. Wo soll der Schrott hin? Ich stamme aus der Region. Keine Gemeinde würde gerne eine (oder wahrscheinlich etliche...) riesige Hallen auf dem Gebiet stehen haben, in denen der Müll dann seiner Endlagerung harrt (nicht, dass wir wüssten, wo wir das Zeug endlagern könnten...) Die Zwischenlager-Kapazitäten in Gorleben oder Schacht Konrad sind ebenfalls begrenzt (nicht, dass die Umlagerung nicht sowieso schon politisch undurchsetzbar wäre).
    Ich denke den meisten ist nicht bewußt welche riesigen Mengen an schwach und nicht so schwach radioaktivem Müll in der Asse verklappt wurden. 275.000 Kubikmeter werden im Artikel genannt. Wenn das von der Größenordnung her stimmt, wird's nichts mit der Zwischenlagerung im Vorgarten ;)

    Atommüll muss über einen Zeitraum von Hunderttausenden bis Millionen Jahren betrachtet werden. Nach menschlichen Ermessen wird es - über diesen Zeitraum - keine sichere Lagerung geben. Ob das Zeug jetzt in der Asse bleibt, oder umgelagert wird - und an der Stelle der Umlagerung in 500, 1.000 oder 10.000 Jahren dieselben Probleme auftauchen macht - global betrachtet - keinen Unterschied. Nur wir hätten dann nicht mehr die Konsequenzen zu tragen, sondern unsere Nachfahren ;) Da wir den Müll produziert haben, halte ich es für gerechter, wenn wir jetzt die Konsequenzen tragen...
    Daher macht es nur Sinn, das Zeug zu lassen, wo es ist und es möglichst gut abzusichern.

  2. Das war doch von vorne herein klar, dass die Standortfrage fest liegt. Merkel hat sie unter Kohlregierung eingeleitet. Die Fässer können laut Gutachten nicht geborgen werden. Dieses unwissende oder wissende Geplänkel die nur ein hinaus zögern bedeuten. Alle Umweltminister haben doch nur eine bewusste Show abgezogen auf Kosten der Bürger. Mit diesen Handlungsinhalten wird nichts geregelt werden können, weil Inhalt und Wissen fehlt.

  3. ... was die Politik für uns tut. Einfach GARNIX. Denen ist anscheinend alles egal, wenn nur die Diäten und Ehrensolde rechtzeitig überwiesen werden.
    Ich bin auch der Meinung, dass Endlager nur überirdisch in bewachten, sauberen Hallen langfristig umsetzbar ist.
    Alles andere ist Verklappung. Egal in was für einen Berkwerk.

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    • dachsus
    • 19. Oktober 2012 7:34 Uhr

    Solange sich für diesen Müll jemand zuständig fühlt ist es ja OK. Sie dürfen aber nich vergessen, das der heutige Staat das längste stabile Staatswesen in Deutschland in den letzten 300 Jahren ist. das kann in 10 Jahren vorbei sein.
    Also ist die Idee diesen Müll wegzusperren, keine ganz schlechte.
    Außerdem wissen wir nicht wie lang unsere technische Zvilisation überhaupt existiert. Wenn unsere Nachfahren in 500 Jahren wieder im Mittelalter leben, wissen sie nicht von Atommüll und den gefahren.
    Will sagen: Der Endlagergedanke ist in meinen Augen nicht ganz falsch.

  4. Super-GAUs nur alle 100 000 Jahre einmal auf - sagt jedenfalls die AKW-Industrie. Warum also Roboter entwickeln? Das kommt viel zu teuer. Billiglöhner und Leiharbeiter sind vieeeeeeeel weniger kostenintensiv - hat man ja in Fukushima gesehen.
    Daß schon seit Jahrzehnten vor den AKWs und den damit zusammenhängenden Problemen, wie ebend der Endlagerung, gewarnt wird, das wird unsere Atomindustrie, gerade die 4 großen Energiekonzerne, kaum stören - bis jetzt hat sich mit Atomkraft ja sehr gutes Geld verdienen lassen - und die Kosten fallen sowieso dem Staat anheim.
    Wären alle tatsächlichen Kosten wie z.B. Endlagerung, Objektschutz etc. von Anfang an in die Berechnungen mit eingeflossen, und hätte man auf die Subventionen des Staates verzichtet, dann wären nie AKWs gebaut worden - es hätte sich schlicht und einfach nicht gelohnt.
    Die Lügen, die uns seit Jahren aufgetischt wurden, wären auch nicht nötig gewesen.
    Ich glaube nicht, daß wir je erfahren werden, wie hoch die Gefahren in der Asse tatsächlich sind - das könnte durchaus zur Folge haben, daß die Verantwortlichen um Leib und Leben fürchten müßten.

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    ... zählt nicht zuletzt die uckermärkische Mutti ...

  5. ... von Politikern. Fachwissen ist ebenfalls nicht von Nöten. Damit ist die Verschleppungsmentalität von Entscheidungsträgern nachvollziehbar. Wenn dann noch "Fachleute" keine Ahnung haben darf alles ruhig den Bach runter gehen. Das macht doch nichts, das merkt doch keiner. Und sollte es dennoch jemand merken macht das auch nichts. Wer will denn schon selbst die Karre aus dem Drecke ziehen. Die Bevölkerung im kontamenierten Einzugsgebiet wählt doch ihre regionalen Politiker jedes mal wieder. Von Widerstand der Bevölkerung ist doch kaum was zu hören. Liegt ja alles 700 m unter der Erde. Aus den Augen aus dem Sinn, funktioniert immer wieder. Ich bin der Meinung, dass man ruhig weiter alles aussitzen sollte. Dann haben wir, die wir nicht dort wohnen auch mal was davon. Regionalpolitiker und Betroffene sind ein leuchtendes Vorbild und wir sollten uns am Leuchten beteiligen dürfen.

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    - jegliche Haftungsgefahr für das parteieigene und persönliche Zutun zu diesem Thema zu minimieren oder gar zu vermeiden!

    - Fachwissen ist hierzu nur zur Vermeidung von negativen Rechtsfolgen und gegenüber dem Bürger erforderlich, denn der soll um keinen Preis eine Einsicht in die HAndlungszusammenhänge erhalten!

    - dazu werden ja auch verschiedenste Organisationsformen bemüht, wie sieht es beispielsweise mit den Verantwortlichekeiten bei einem "Forschungsbergwerk" aus?
    Die Bevölkerung ist dumm in doof (in summa), was deren Reaktion aneght, denn nur absolute Pisaopfer lassen sich mit solchen Späßen wie Müllverbrennung oder "Feinstaubverordnung" in der derzeitigen Form abspeisen!

    Außerdem wird bei der Schadenssfeststellung, jetzt schon sicher, auf die unzulängliche konventionelle Beprobungstechnik gehofft, ist diese doch fast ungeeignet bzw verzerrt die Befunde bei geringen Schadstofffrachten bis zur Unkenntlichkeit!

    In diesem Sinne "Glück auf!"

    MfG KM

  6. Mal im Ernst, das ganze Gelabere und Gefachsimpel ändert nichts an der Tatsache, daß die Katastrophe auf die eine oder andere Art eintreten wird. Ob nun per Grundwasser oder ob es die treffen werden wird, die den Mist da unter herausholen oder unschädlich isolieren müssen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte CDU | FDP | Grüne | Arsen | Ass | Atommüll
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